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Netflix-Doku : Wenn Tiger unter die Räder kommen

Zu viel Geld, zu viel Ego, zu viel schlechter Geschmack: Im Reich des „Tiger King“ Joe Exotic geht es sehr bald nicht mehr um die Tiere. Bild: Netflix/dpa

Wenn man ein Shakespeare-Drama als amerikanisches Country-Trash-Musical verfilmen würde, käme wohl so etwas wie „Tiger King“ dabei heraus: Die Netflix-Dokumentation entwickelt sich zum Überraschungserfolg, gerade wurde eine weitere Folge angekündigt.

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          Es ist schon nicht ganz einfach, die reinen Fakten dieser Dokumentationsserie zusammenzufassen: Ein Privatzoobesitzer mit einer Vorliebe für Raubkatzen und drei Ehemännern, manche gleichzeitig, sitzt im Gefängnis, weil er mit ziemlicher Sicherheit seine Nemesis, eine Tierschützerin und Gnadenhofbetreiberin für gerettete Raubkatzen, umbringen wollte, die wiederum ihren ersten Ehemann umgebracht haben soll. Zu Wort kommen dabei mehrere Zeugen aus dem Umfeld, darunter weitere Großkatzenbesitzer aus der amerikanischen Großkatzenbesitzerszene (man nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass es so etwas gibt), die alle auf ihre Art absonderlich sind. Gerne haben sie mehrere Frauen und posieren mit Waffen. Dass die Tierschützerin die Nemesis des Provatzoobesitzers ist, weiß man, weil zweiterer mehrere Countrysongs aufgenommen hat, die sich mit dieser Thematik befassen, inklusive Musikvideos mit reichlich unsubtiler Umsetzung des besungenen Sachverhalts. Ach ja, und der singende Zoobesitzer hat für das Präsidentschaftsamt kandidiert.

          „Tiger King“ – auf deutsch „Großkatzen und ihre Raubtiere“ – heißt diese Serie, und es ist kein Wunder, dass das Dreh- und Produktionsteam fünf Jahre brauchte, um das alles zu sortieren und in eine Reihenfolge zu bringen, die den Zuschauer nicht sofort völlig überfordert. Dennoch sitzt man vor den ersten Folgen, hält ab und zu den Stream an, atmet durch und denkt sich, dass das jetzt wirklich ein bisschen viel ist. Aber „Tiger King“ kennt keine Gnade, es wird einfach immer noch mehr und es hört nicht auf.

          Feuerwerk des schlechten Geschmacks

          Ein großer Reiz der Sache besteht in den Beteiligten, die interessante Widersprüchlichkeiten in sich vereinigen. Der Zoobesitzer mit dem schönen Künstlernamen Joe Exotic – offiziell Joseph Allen Maldonado-Passage, geborener Schreibvogel – ist nicht einfach nur ein bei jeder Gelegenheit mit Waffen herumballernder Redneck mit unglücklicher Frisurwahl, er ist auch schwul, wurde bereits als Kind von einem älteren Jungen vergewaltigt und wäre vermutlich als verkrachte Existenz gescheitert, hätte er nicht mit dem Geld seiner Eltern eine Ranch in Oklahoma gekauft, nach seinem verstorbenen Bruder benannt und als Privatzoo für wilde Tiere aufgebaut. Abgesehen von all dem Angebertum und dem Feuerwerk des schlechten Geschmacks, das er immer dann abfackelt, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist, ist Joe Exotic ein tragischer Held. Sicherlich begann er sein Unternehmen mit Liebe zum Tier, zu seinem Bruder und zu den gestrandeten Existenzen, die bei ihm Unterschlupf fanden, doch die Liebe zu sich selbst war schließlich doch die, die über alles siegte. Die Angestellten wurden mies bezahlt, die Tiere immer mehr zu Geschäftszwecken missbraucht.

          Seine Widersacherin Carol Baskin, das tierliebe, allzuschöne Mädchen aus strenger christlicher Familie, das mit fünfzehn mit einem Angestellten der örtlichen Rollschuhbahn durchbrannte, sich irgendwie durchschlug und irgendwann bei einem Millionär hängenblieb, der ihre Liebe zu Großkatzen teilte. Mit seinem Vermögen baute sie „Big Cat Rescue“ auf, das zuerst anders hieß, denn der Millionär wollte Großkatzen züchten und Geschäfte mit ihnen machen, Carol wollte ihnen ein besseres Leben schenken. Sie stritten sich immer öfter, bis der Millionär verschwand. Nach fünf Jahren ließ Carol ihn für tot erklären und erbte alles. Seitdem kleidet sie sich ausschließlich in Raubkatzenmuster, trägt Blumenkränze im Haar, kämpft für ein Verbot, Großkatzen privat zu halten und zu züchten, organisiert eine Armee an freiwilligen Helfern und heiratete ein schmächtiges Männlein, das ihr grenzenlos ergeben ist.

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