https://www.faz.net/-gum-9zqdp

„Saturn“ in Moskau verendet : Abschied von einem Zeitzeugen-Alligator

Bild: Reuters

Er hat den Krieg überlebt, wurde von Berlin nach Moskau gebracht – und soll dort zunächst „Hitler“ genannt worden sein. Der nun verendete Alligator „Saturn“ war ein Zeitzeuge. Ein Nachruf.

          2 Min.

          In Moskau ist eine Legende gestorben, ein  Zeitzeuge des Zweiten Weltkrieges – insoweit man Echsen Zeitzeugenschaft zubilligen will. Denn „Saturn“, über dessen Tod der Zoo der russischen Hauptstadt am Wochenende informierte, war ein Mississippi-Alligator.  Dreieinhalb Meter lang, 200 Kilogramm schwer und mindestens 84 Jahre alt. Der Zoo zeigte auf Instagram Abschiedsbilder, mit trauriger Musik unterlegt: Saturns kantiger Schädel und die Reinigung seines Panzers mit Wasserstrahl und Besen, was er genossen haben soll.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Saturn wurde in den Vereinigten Staaten geboren, nach unterschiedlichen Angaben schon in den zwanziger Jahren oder 1936, dem Jahr, in dem er in den Berliner Zoo gebracht worden sein soll. Womöglich sah ihn dort Adolf Hitler, doch dass der Alligator zu einer persönlichen Tierkollektion des Diktators gehört haben soll, hat der Moskauer Zoo bei früherer Gelegenheit als Legende bezeichnet: „Er war natürlich ein Zeitgenosse Hitlers, aber das heißt nicht, dass sie einander auch nur gekannt hätten.“

          Ein Bombenangriff vom 23. November 1943 kostete nicht nur Tausende Berliner, sondern auch Krokodile und Alligatoren des Zoos das Leben. Sollte Saturn damals aus dem Zoo entkommen sein? Oder stammt er doch aus Privatbesitz? Und was oder wen hat der Alligator zwischen 1943 und 1946 gefressen? Denn in jenem Jahr fingen britische Soldaten das Tier ein und übergaben es den sowjetischen Besatzern. Woraufhin Saturn nach Moskau gelangte, wo das „Beute-Krokodil“ (so nannte es der Zoo) der „letzte Deutsche in russischer Kriegsgefangenschaft“ wurde, wie der „Stern“ 2005 schrieb.

          Es muss dem Alligator – er soll in Moskau zunächst „Hitler“ genannt worden sein – bei Fisch, Ratten, Kaninchen und als Publikumsliebling gut ergangen sein, sonst wäre er kaum so alt geworden; wild werden Mississippi-Alligatoren nur dreißig bis fünfzig Jahre alt. Dramatische Ereignisse fallen vor allem in die sowjetische Zeit: 1970 soll der eigentlich als friedlich geltende Saturn einem unerfahrenen Wärter, der ihn aus der Hand füttern wollte, fast den Arm abgebissen haben. Zehn Jahre später löste sich eine Betonplatte aus der Decke seines Aquariums, doch hatte sich der Alligator kurz zuvor in eine rettende Nische zurückgezogen, wofür ihm prophetische Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Auch den Flaschenangriff eines Betrunkenen überlebte der Alligator.

          „Er kam nach dem Sieg“, hieß es nun im Nachruf des Zoos, „und beging mit uns dessen 75. Jahrestag“ am 9. Mai. „Das ist ein großes Glück, und jeder von uns konnte ihm in die Augen sehen, einfach still neben ihm sein. Er hat viele von uns als Kinder gesehen. Hoffen wir, dass wir ihn nicht enttäuscht haben.“ Saturns sterbliche Hülle soll nun im Moskauer Darwin-Museum verewigt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.