https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/krefelder-zoo-was-der-tod-der-affen-ueber-uns-selbst-sagt-16565536.html

Brand im Krefelder Affenhaus : Sie waren uns so nah

Orang-Utans gelten als bedrohte Art. Um so tragischer ist der Tod dieses Tieres und der anderen Affen aus dem Zoo in Krefeld. Bild: Imago

Nach der Brandkatastrophe trauern nicht nur die Besucher des Krefelder Zoos um die Affen, auch die Wissenschaft ist erschüttert. Denn Wildtiere erlauben uns einen tiefen Einblick in unser soziales Wesen.

          6 Min.

          Es nieselt, es ist kalt. Trotzdem sind auch an diesem frühen Morgen wieder zahlreiche Krefelder zu ihrem Zoo gekommen. Eine ältere Dame stellt ein Grablicht zu den vielen Dutzend Grablichtern, die schon im Wind flackern. Ein Mann legt einen Plüschaffen ab. „Wir sind unfassbar traurig“, steht auf einem Pappschild im roten Lichtermeer. Ein Kind hat zwei lustig turnende Gorillas gemalt und in schwungvoller Schrift darüber geschrieben: „Ich denke immer an euch. Ich werde euch nicht vergessen.“ Etwas abseits sitzt eine junge Frau auf einer Bank. Sie schluchzt.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Petra Schwinn steht am Haupteingang des Zoos. „Dieses Mitgefühl, diese Anteilnahme überwältigt uns und trägt uns zugleich“, sagt die Sprecherin des Tierparks. „Wir machen natürlich weiter!“

          Wie das konkret gelingen soll, weiß auch sie so kurz nach der großen Katastrophe nicht, die über den Krefelder Zoo aus heiterem Neujahrshimmel hereinbrach. Am frühen Mittwochmorgen war nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler auf dem Affentropenhaus eine von fünf sogenannten Himmelslaternen gelandet, die eine Frau mit ihren beiden erwachsenen Töchter in der Nähe hatte steigen lassen, um das neue Jahr zu begrüßen. Rasend schnell fing das Dach Feuer, rasend schnell brannte das ganze Affenhaus lichterloh. Dreißig Tiere, darunter eine Gruppe von fünf Borneo-Orang-Utans, zwei Gorillas und ein junger Schimpanse, starben in den Flammen.

          Ein großer Verlust auch für die Enthaltungszucht

          Enorme Verluste seien das, sagt Schwinn. Denn bei dem jungen Schimpansen deutete viel darauf hin, dass er einmal Leittier seiner Gruppe werden könnte. Und über die Orang-Utans will Schwinn eigentlich gar nicht sprechen. Sie sind in der freien Wildbahn akut bedroht. Ihr Lebensraum, der Urwald auf Borneo, wird für immer weitere Palmölplantagen gerodet. Im Krefelder Affenhaus hatte sich gerade eine neue Orang-Utan-Familie zusammengefunden, was sehr wichtig gewesen wäre für die Erhaltungszucht.

          Und nun dieses Feuer, das auf bittere Weise an das Schicksal der Orang-Utans in Südostasien erinnere, sagt die Zoo-Sprecherin. „Bei den Brandrodungen fallen sie verkohlt von den Bäumen. Wir hier im Westen sind es, die dafür Verantwortung tragen, weil wir Palmölprodukte kaufen.“ Vielleicht werde das nun durch das schreckliche Unglück vielen bewusst.

          Sie und ihre Kollegen seien durch die Katastrophe psychisch extrem angekratzt. „Wir haben die ersten Zusammenbrüche.“ Insgesamt vier Menschenaffenpfleger gibt es in Krefeld. Manche hatten seit Jahrzehnten mit so imposanten Persönlichkeiten wie dem 48 Jahre alten Gorillamännchen Massa gearbeitet, das ebenfalls zu den Brandopfern zählt. Tierpfleger haben meist eine sehr enge Bindung zu ihren Tieren. Doch bei Menschenaffen, die uns so ähnlich sind, ist diese Bindung noch viel enger.

          „Die Trauer um ein Tier ist für viele Menschen ohnehin vergleichbar mit der Trauer um einen verlorenen Angehörigen oder Freund“, sagt Rainer Hagencord, der das Institut für Theologische Zoologie der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster leitet. Aber ist es nicht überzogen, dass auch Zoobesucher so intensiv trauern, als wären bei der Brandkatastrophe nicht Tiere, sondern nahe Verwandte umgekommen? Theologe Hagencord, der auch Biologe ist, sieht das nicht so. Wenn man einem Jungen, der um sein totes Kaninchen trauert, oder einem Rentner, der seinen geliebten Dackel einschläfern lassen musste, sage, er solle sich mal nicht so anstellen, sei das auch ein schlimmer Schlag ins Gesicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Viel Zeit bleibt nicht: In eineinhalb Jahren steht für Hansi Flick und die Nationalmannschaft die Europameisterschaft im eigenen Land an.

          Der Bundestrainer bleibt : Schlechte Voraussetzungen für Flick

          Was seit dem WM-Aus passiert ist, lässt schwer auf eine erfolgreiche Zukunft der Nationalelf mit Hansi Flick hoffen. Der DFB geht ein großes Risiko ein – es fühlt sich so an, als hätte man das alles erst erlebt.
          Zugriff: Polizisten führen am Montag Prinz Reuß ab

          Plante Umsturz : Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß?

          Eine Gruppe aus der „Reichsbürger“-Szene plante offenbar den Umsturz der demokratischen Ordnung Deutschlands. Rädelsführer soll ein Prinz aus Frankfurt sein – mit Hang zur Esoterik und Geldproblemen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.