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Störche im Klimawandel : Sie fliegen nur noch Kurzstrecke

Warum in die Ferne fliegen? Störche nutzen eine Müllkippe in der Nähe von Madrid als Nahrungsquelle. Bild: Javier de la Puente/SEO/Bird Life

Warum weit in den Süden fliegen? Immer mehr Weißstörche bleiben im Winter in Spanien. Nahrung gibt es genug – auf Mülldeponien und Reisfeldern.

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          Das laute Klappern übertönt die Geräusche der nahen Autobahn. Gleich am Ausgang der Metro von Rivas-Vaciamadrid hat sich ein Storchenpaar niedergelassen. Auf allen hohen Masten entlang der Station an der Bahnlinie ins 20 Kilometer entfernte Madrid haben die Vögel ihre Nester gebaut. Auf dem Dach der alten Backsteinkirche ist kein Platz mehr frei. Die Gegend südöstlich der spanischen Hauptstadt ist eines der beliebtesten Winterquartiere auf der iberischen Halbinsel. Tausende Störche aus Spanien und Mitteleuropa lassen sich von der nahen Millionenmetropole nicht stören. Immer weniger von ihnen ziehen weiter über die Straße von Gibraltar bis in den Westen Afrikas.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „In der Nähe gibt es zwei Flusstäler, kleine Seen und Müllkippen“, sagt Ana Bermejo von der spanischen Vogelschutzorganisation SEO/Bird Life. Sie ist eine der Koordinatorinnen des „Migra“-Programms und hat an einer Studie mitgearbeitet, die vor kurzem vorgestellt wurde. Sieben Jahre lang haben Forscher die Routen der Weißstörche untersucht, die in Spanien überwintern oder weiterfliegen.

          Fazit: Immer mehr Weißstörche entscheiden sich für die Kurzstrecke. Statt mehr als 5000 Kilometer bis in die Sahelzone zurückzulegen, fliegen sie aus Mitteleuropa nur rund 1500 Kilometer bis nach Spanien. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern, auch vom deutschen Max-Planck-Institut für Ornithologie, haben die Forscher 79 Störche mit GPS-Sendern ausgestattet. Dabei zeigte sich, dass die älteren spanischen Störche ihr Heimatland kaum noch verlassen. Vier Fünftel von ihnen bleiben in Spanien; nur viele Jungstörche zieht es noch in die weite Ferne.

          Müllhalden und Reisfelder bieten reichlich Nahrung

          Einen wichtigen Grund für diese Entwicklung haben die Menschen geschaffen. „Jeder Storch, den wir überwacht haben, hat mindestens einmal auf einer Müllkippe Rast gemacht“, sagt Ana Bermejo. Dort finden die Vögel so viel zu fressen, dass sie nicht mehr sehr weit ziehen. Dabei spielt auch der Klimawandel mit kürzeren Wintern eine Rolle. Ana Bermejo spricht jedoch lieber vom „globalen Wandel“, für den Menschen verantwortlich seien. Das gilt für die riesigen Mengen Abfall und die wachsenden Flächen, die Bauern bewässern: Neben den Mülldeponien lieben die Störche in Spanien auch die feuchten Reisfelder. Dort, wie an anderen Ufern und Flussmündungen, bevorzugen sie einen Eindringling, der sich in Spanien stark vermehrt – den roten amerikanischen Sumpfkrebs, der, wie der Name andeutet, aus den Vereinigten Staaten stammt.

          Aber viele spanische Weißstörche ziehen nicht einmal bis zu den Reisfeldern im Ebro-Delta und in Andalusien. Der Storch „Blas“ stammt zum Beispiel aus Sierra oberhalb von Madrid und verbringt gewöhnlich ein halbes Jahr im weniger als 100 Kilometer entfernten Rivas-Vaciamadrid. In diesen Tagen macht er sich wieder auf die Heimreise. Andere zieht es in den Doñana-Nationalpark an der Atlantikküste, die Extremadura, die Rioja-Region oder Galicien. Zu ihnen stoßen Störche aus mittel- und nordeuropäischen Ländern. Waren es bei der vergangenen Zählung im Jahr 2014 noch gut 33.000 Brutpaare in Spanien, nimmt man an, dass ihre Zahl seitdem wesentlich zugenommen hat.

          Auch in Deutschland überwintern schon Störche

          Nur die jüngeren Tiere aus Spanien und rund 14 Prozent ihrer mitteleuropäischen Altersgenossen machen sich auf die lange, beschwerliche Reise nach Westafrika. Zwei Monate sind die spanischen Vögel unterwegs, die schon im Juli aufbrechen, die restlichen Tiere überqueren dann Ende August und im September die Meerenge von Gibraltar. „Sie sind genetisch programmiert, in die Sahelzone zu fliegen. Aber sie lernen von ihren Eltern und legen später auch nur kürzere Strecken zurück“, sagt Ana Bermejo. Je älter sie werden, desto mehr von ihnen bleiben in ihrem Brutgebiet. Nur ein Fünftel der älteren Weißstörche macht noch im nahen Marokko Winterpause. Dort lassen sie sich gerne in der Nähe von Städten mit Mülldeponien nieder. Zu ihnen gesellt sich laut der Studie ein Drittel der Jungstörche aus Mitteleuropa. Selbst für sie ist das kein Vergleich zur Ostroute, auf der immer noch Vögel aus Russland bis nach Afrika mehr als 15.000 Kilometer weit unterwegs sind.

          Trotz der Verletzungs- und Vergiftungsgefahr auf den Müllhalden ist die Nahrungssuche dort nicht so aufwendig wie in Westafrika, wo es mehr Konkurrenten gibt und die Anreise weiter und gefährlicher ist. Das hat zur Folge, dass in Europa die Population der Störche, die Richtung Westen ziehen, gewachsen ist – wenn sie überhaupt noch so weit ziehen: Auch in Frankreich bleiben immer mehr Vögel zu Hause oder fliegen höchstens in den benachbarten Norden Spaniens. In Deutschland, wo die Winter kürzer und milder geworden sind, überwintern ebenfalls schon die ersten Paare. Ähnlich reisemüde sind Weißstörche aus Usbekistan und Armenien geworden, die dank des gewachsenen örtlichen Nahrungsangebots die Nestnähe bevorzugen.

          In Europa ist das üppige Nahrungsangebot jedoch nicht garantiert. Abfalltrennung und Wiederverwertung machen Fortschritte. In 15 Jahren sollen offene Müllkippen in der Europäischen Union die Ausnahme sein. Dann müssen sich die Weißstörche neue Nahrungsquellen suchen – oder wieder auf die Langstrecke gehen.

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