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Patenschaften für Wildtiere : Ein Hotel für den Hamster

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Bedroht: In der Wetterau gibt es zwar noch einen großen Bestand an Feldhamstern, doch das ist die Ausnahme. Bild: dpa

In Deutschland sind viele Tiere bedroht. Hessen startet eine Informationskampagne zum Artenschutz. Bürger können sich beteiligen und beispielsweise eine Patenschaft für Feldhamster übernehmen.

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          Souveräne Gelassenheit hat Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) in Wiesbaden demonstriert. Während sie auf dem Dern’schen Gelände die Informationskampagne zum Schutz von Tieren und Insekten vorstellte, hatte sich eine dicke Hummel auf dem geblümten Kleid der Ministerin niedergelassen. „Wir wollen, dass es auf den Feldern und Wiesen summt und brummt“, hatte sie kurz zuvor gesagt – und verscheuchte die Hummel dann ganz vorsichtig, damit ihr kein Leid widerfuhr.

          In den nächsten zwei Wochen werden große Plakate und Onlineanzeigen darüber informieren, was in Hessen zum Schutz der Artenvielfalt in Feld und Flur unternommen wird und wie sich die Bürger daran beteiligen können. So können die Hessen beispielsweise eine Feldhamster-Patenschaft übernehmen oder der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz helfen, den Lebensraum des vom Aussterben bedrohten Tieres zu kartieren.

          „Es sind nicht nur Elefanten und Tiger, um die wir uns sorgen müssen“, sagte Hinz. Sie wies darauf hin, dass auch in Deutschland viele Tiere bedroht sind. Früher weitverbreitete Arten wie das Rebhuhn, der Feldhamster oder der Kiebitz seien extrem selten geworden und vom Aussterben bedroht. Die Klimakrise beschleunige das Artensterben zusätzlich, viele Tiere könnten sich nicht so schnell an die veränderten Temperaturen anpassen. Weil die meisten Felder früher abgeerntet würden, verlören die Feldtiere, die dort leben, während der Aufzucht ihres Nachwuchses sowohl Nahrung als auch ihre Verstecke. „Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung, diese Entwicklung umzukehren und die Lebensräume auf dem Feld zu schützen“, sagte Hinz.

          Tipps, wie Bürger helfen können

          Mithilfe der Informationskampagne (https://biologischevielfalt.hessen.de/feldliebe.html) will das Umweltministerin die Hessen nicht nur darüber informieren, was unternommen wird, um bedrohte Tiere zu schützen, sondern auch Tipps geben, wie die Bürger helfen können. Seit 2018 gibt es in Hessen Feldflurprojekte, die jedes Jahr mit rund 500.000 Euro gefördert werden. Derzeit sind neun solcher Projekte am Laufen. Die ersten fünf sind Hinz zufolge in den Regionen Wiesbaden, Main-Kinzig, Wetterau, Limburg und bei Bad Zwesten begonnen worden. Es folgten weitere bei Gießen, Groß-Gerau und im Hochtaunuskreis. Im Sommer startet das zehnte Projekt in Fulda, das sich vor allem den Schutz von Rebhühnern zum Ziel gesetzt hat.

          Sorge bereiten den Naturschützern Felder und Wiesen in Hessen. Laut Tobias Erik Reiners, Vorsitzender der Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, gibt es im „Offenland“ mittlerweile rund 50 Prozent weniger Vögel und auch weniger Insekten. „Es ist traurig, wenn wir jedes Jahr weniger Feldlerchen und Schwalben zählen“, sagte Reiners. Er warnte: „Der Feldhamster stirbt aus.“ So gebe es etwa in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen nur noch minimale Bestände der kleinen Nager. Aber es gibt auch gute Nachrichten. In Hessen gebe es in der Wetterau noch einen großen Bestand der Tiere.

          „Umwelt- und Naturschutz funktioniert nur mit den Landwirten gemeinsam“

          Das Feldflurprojekt in Bad Zwesten, in dessen Rahmen in den vergangenen Jahren rund 24 Hektar Blühflächen angelegt wurden, ermöglichte es, dass sich dort die Zahl der Rebhühner verdreifachte. „Wir sehen erstmals seit Jahren eine Erholung des Bestandes an Rebhühnern“, freute sich der Tierschützer. Im Feldflurprojekt Gießen-Süd habe sich der Bestand an Feldhamstern stabilisiert, und in Trebur konnten laut Reiners einige Gelege der in Hessen vom Aussterben bedrohten Haubenlerche zum Ausfliegen gebracht werden.

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          Möglich werden diese Erfolge, so machte Hinz deutlich, durch die Zusammenarbeit mit den Bauern. Wenn Landwirte Blühstreifen und Brachflächen anlegen, erhalten sie im Rahmen des Agrar- und Umweltprogramms HALM für die Ertragsausfälle eine Ausgleichzahlung von bis zu 1000 Euro pro Hektar. Philipp Fay, Landwirt vom Hof Obersteinberg bei Gießen, zeigte sich überzeugt: „Umwelt- und Naturschutz funktioniert nur mit den Landwirten gemeinsam.“

          Hundehalter sind ein Problem

          Fay und andere Landwirte sparen Plätze in ihren Feldern aus, in denen Rebhühner brüten können. Für die Feldhamster gibt es Hamster-Hotels. Das sind mehrere dicht aneinander liegende Streifen mit unterschiedlichen Pflanzen, die zu unterschiedlichen Zeiten gemäht werden, sodass der kleine Hamster immer wieder Deckung vor Raubvögeln und Füchsen sowie ausreichend Nahrung findet. „Der Feldhamster muss sich verstecken können“, erläuterte Fay, der seinen Hof vor zwei Jahren auf Bioproduktion umgestellt hat. „Es macht einfach Spaß, die Rebhühner beim Brüten zu sehen“, sagte er, machte aber auch deutlich, dass es für die Bauern nicht einfach sei, hochwertige Lebensmittel zu produzieren und sich zugleich für den Artenschutz zu engagieren.

          Als weiteres Problem bezeichnete der Landwirt Hundehalter, die ihre Tiere frei in den Feldern herumlaufen ließen. Gerade während der Brut- und Setzzeit setze das den Feldtieren zu. „Das tut einem richtig weh“, sagte Fay.

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