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Knochenfund in Tansania : Der Dinosaurier aus der Klippenwand

In Tansania haben Forscher eine neue Titanosaurusart entdeckt. Zu sehen ist die Grabungsstätte des Knochenfundes. Es dauerte beinahe fünf Jahre, die Knochen des Fossils freizulegen. Bild: Universität Ohio

In Tansania haben Forscher eine neue Titanosaurusart entdeckt. Es hat beinahe fünf Jahre gedauert, die Knochen des Fossils freizulegen. Der Fund könnte unser Bild von der Entstehung der Kontinente erschüttern.

          3 Min.

          „Tier der Mtuka mit herzförmigem Schwanz“ haben die Wissenschaftler den Koloss auf Kisuaheli genannt: Mnyamawamtuka moyowamkia. Mtuka ist der Name jenes Flusses im Süden Tansanias, am Rande dessen ausgetrockneten Betts die Forscher Eric Gorscak und Patrick O’Connor von der Ohio-Universität schon 2004 auf die steinernen Überreste eines Titanosaurus stießen. Jetzt hat sich der Fund als kleine Sensation entpuppt. Eigentlich hatten die Wissenschaftler in Tansania nur gehofft, auf irgendwelche Überreste aus der bislang wenig erforschten Kreidezeit zu stoßen, um ein wenig Licht in die Zeit vor 65 bis 145 Millionen Jahren zu bringen – dann entdeckten sie plötzlich die Überreste einer eigenen Dinosaurierart.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Fast fünf Jahre dauerte es, bis die Forscher alles freigelegt hatten – die fossilen Knochen befanden sich, wie die Wissenschaftler mitteilten, schwer zugänglich „hoch in einer Klippenwand“. Nur eine Mannschaft aus Einheimischen konnte verhindern, dass „das Skelett während der intensiven Regenzeiten aus dem Gestein erodiert und in den Fluss gespült wurde“, berichtet O’Connor. Anfangs mussten sich die Dinosaurierforscher abseilen und die Knochen bergen; später kam größeres Gerät zum Einsatz. Erst dann begann die Auswertung der Funde.

          Nun endlich sind alle Arbeiten abgeschlossen – und die Fachwelt um „eines der komplettesten Titanosaurierskelette“ reicher, die jemals gefunden wurden. Ulrich Joger, Biologe und Direktor des Staatlichen Naturhistorischen Museums Braunschweig, ist jedenfalls begeistert. Der 64 Jahre alte Dinosaurierfachmann, der selbst einmal eine neue Dinosaurierart im westafrikanischen Niger, entdeckte, hat den Beitrag der Amerikaner für das Online-Wissenschaftsmagazin „Plos One“ editiert. „Der Schädel dieses Titanosaurus fehlt zwar“, sagt Joger, „aber sonst sind fast aus allen Bereichen des Skeletts Teile vorhanden – so etwas kommt nur sehr selten vor.“

          Gewicht von 60 Tonnen und Länge von 30 Metern

          Die pflanzenfressenden Titanosaurier, von denen man mittlerweile 70 verschiedene Gattungen identifiziert hat, gehören zu den Sauropoden und gelten als die größten Landtiere, die jemals die Erde bevölkert haben. Große Exemplare, die durch besonders lange Hälse und lange Schwänze auffielen, konnten ein Gewicht von 60 Tonnen und eine Länge von 30 Metern erreichen. Sie sollen vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben sein, als ein Asteroideneinschlag den allerletzten Dinosauriern der Erde den Garaus machte. Ihre Skelette fand man zwar auf allen Kontinenten, die meisten jedoch in Südamerika wie etwa Argentinosaurus oder Dreadnoughtus.

          Der Biologe Ulrich Joger während der Ausgrabungsarbeiten.

          Die ersten dokumentierten Titanosaurierfunde, zwei Wirbel, hatte 1828 der britische Offizier William Henry Sleeman nahe der indischen Stadt Jabalpur gemacht. In Kalkutta wurden sie später vom schottischen Paläontologen Hugh Falconer beschrieben und von seinem Kollegen Richard Lydekker 1877 benannt: als Titanosaurus indicus. „In Afrika ist die Forschung noch nicht so weit, wie auf anderen Erdteilen“, sagt Joger, „allerdings wurden in den vergangenen Jahren alleine drei verschiedene Titanosaurierarten in Tansania und zwei im benachbarten Malawi entdeckt.“ Die Funde haben offenbar einige Gemeinsamkeiten. „Die Fülle der Informationen aus dem Skelett deutet darauf hin, dass es entfernt mit anderen bekannten afrikanischen Titanosauriern verwandt war“, sagt Eric Gorscak. Gerade mit dem Malawisaurus aus dem tansanisch-malaiischen Grenzgebiet gebe es „einige interessanten Ähnlichkeiten“.

          Das von ihm beschriebene, vermutlich noch nicht ausgewachsene Tier (Holotyp RRBP 05834) soll zu Lebzeiten rund siebeneinhalb Meter lang und anderthalb Tonnen schwer gewesen sein. Gorscak ist besonders von der Form der Schwanzwirbelknochen begeistert. „Sie laufen am unteren Ende zu einem Punkt zusammen und bilden dadurch den typischen Umriss eines Herzens“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Chicagoer Field Museum of Natural History. Die von ihm und seinem Kollegen entdeckte Dinosaurierart sei „ziemlich niedlich“ und sehe „aus wie ein Herz-Emoji“.

          „Ihre frühe Evolutionsgeschichte bleibt im Verborgenen“

          Möglicherweise erschüttert der Fund aus dem ostafrikanischen Rift, in dem einige Paläoanthropologen unter anderem die Wiege der Menschheit vermuten, gar unser Bild von der Entstehung der Kontinente. „Obwohl Titanosaurier zu einer der erfolgreichsten Dinosauriergruppen wurden, bevor das berüchtigte Massensterben das Zeitalter der Dinosaurier beendete, bleibt ihre frühe Evolutionsgeschichte im Verborgenen“, so Gorscak. „Mnyamawamtuka hilft, diese Anfänge zu ergründen, insbesondere ihre afrikanische Seite der Geschichte.“

          Ulrich Joger elektrisiert besonders die Datierung des Skelettfunds. „Im Moment gehen wir davon aus, dass Mnyamawamtuka moyowamkia 100 bis 120 Millionen Jahre alt ist.“ Das hätten die Krebsfunde aus dem Grabungsumfeld nahegelegt. Bis zur Zeit vor rund 130 Millionen Jahren ließ sich aus Knochenresten sein Stammbaum rekonstruieren; damals, so Joger, habe sich sein Stammbaum getrennt. Der deutsche Biologe geht davon aus, dass Mnyamawamtukas Vorfahren vor nicht mehr als 130 Millionen Jahren „noch über den Landweg oder zumindest Flachwasser“ auf das Gebiet des heutigen Brasiliens gelangt waren, wo man schon früher ein genetisch sehr ähnliches Exemplar gefunden hatten. „Wenn das stimmt, wäre der Südkontinent Gondwana viel später, als bislang angenommen, zwischen dem heutigen Afrika und dem heutigen Südamerika zerbrochen.“

          Allerdings räumt Joger selbst ein, dass eine hundertprozentige Datierung schwierig ist und nur einige Krebsfunde zur Bestimmung vorliegen würden. Er wisse nicht, ob er mit seinen Entdeckungen derzeit „am paläontologischen Buch von Afrika“ mitschreibe oder es lediglich lese, gibt sich Gorscak bescheiden. „Ich bin nur gespannt, wohin uns diese Geschichte führen wird.“ Demnächst will er Malawi besuchen und dort weitergraben. Vielleicht muss die Geschichte danach tatsächlich neu geschrieben werden.

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