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„Problemtier“ in Trentino : Der Bär ist wieder da

2006 sorgte der Bär JJ1, genannt Bruno, für Schlagzeilen. Er wurde von einem anonymen Jäger erschossen. Bild: ddp

In Norditalien gibt es wieder mal Ärger mit einem Wildtier: Der „Blitzbär“ griff zwei Männer in den Brenta Dolomiten an. Nun wurde das Tier zum Abschuss freigegeben.

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          Maurizio Fugatti hat kurzen Prozess angeordnet: Am Dienstagabend gab der Landeshauptmann der norditalienischen Provinz Trentino den gefährlichen „Blitzbären“ zum Abschuss frei. Dessen genaue Identität muss aber noch festgestellt werden. Dazu nahm man DNA-Spuren am „Tatort“ sowie an der Kleidung von Christian und Fabio Misseroni.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die beiden Männer, 28 und 58 Jahre alt, waren am Montag gegen 18 Uhr am Monte Peller in den Brenta-Dolomiten nahe Cles auf etwa 1500 Metern unterwegs, als sie von dem Bären angegriffen wurden. Örtlichen Medien sagte Fabio Misseroni, der Bär sei „wie ein Blitz“ aus dem Kieferngehölz geschossen, habe sich auf seinen Sohn Christian geworfen, der vor Schreck hingefallen sei. „Dann habe ich mich dem Bär gestellt, um Christian zu verteidigen. Er ließ von ihm ab, biss mich ins Bein, dann in den Arm, schließlich in die Hand. Wie durch ein Wunder ließ er dann auch von mir ab und verschwand. Er hätte uns beide töten können.“

          Die beiden konnten zum Parkplatz zurückkehren und fuhren ins Krankenhaus von Cles. Sohn Christian Misseroni konnte nach ambulanter Behandlung nach Hause. Vater Fabio Misseroni, der neben Bisswunden auch einen Bruch des rechten Wadenbeins erlitt, wird stationär behandelt, dürfte aber bald entlassen werden. Im Krankenhaus besuchte ihn am Dienstag der Landeshauptmann. Bei der Pressekonferenz sagte Fugatti dann, nach einem solchen Zwischenfall bleibe ihm keine andere Wahl, als den Bären zum Abschuss freizugeben.

          82 bis 93 ausgewachsene Bären

          Nach Erkenntnissen der Regierung der autonomen Provinz gibt es 82 bis 93 ausgewachsene Bären im Trentino, kürzlich geborene Welpen nicht mitgerechnet. „Solche Zahlen gefährden das Zusammenleben von Mensch und Bär“, sagte Fugatti. Manches spricht dafür, dass es sich bei dem Bären vom Monte Peller um ein Weibchen gehandelt hat, das ihren Wurf verteidigte. Bären im Trentino gibt es seit 1999 wieder. Damals wurde im Rahmen eines EU-Projekts ein knappes Dutzend Jungbären aus Slowenien und Kroatien im Naturpark Adamello-Brenta ausgesetzt. Dort haben sie sich gut eingelebt und fleißig vermehrt. Einige der Braunbären wurden zu Medienpersönlichkeiten. JJ1, genannt Bruno, wanderte im Mai 2006 über die Alpen bis nach Bayern. Dort wurde er zuerst freudig begrüßt, fiel aber wegen Randalierens bald in Ungnade. Umweltschützer und Fachleute versuchten vergeblich, den „Problembären“ einzufangen, ehe Bruno am 26. Juni 2006 von einem Jäger, der anonym blieb, geschossen wurde.

          In Italien gingen jüngst die Abenteuer von M49 durch die Medien. Dem fast 170 Kilogramm schweren Männchen gelang im Juli 2019 der Ausbruch aus einem Gehege mit meterhohen Elektrozäunen, in das man das überaus räuberische Jungtier gebracht hatte. Monatelang zog M49 durch Trentino, Südtirol und Venetien, riss Ziegen und Schafe, machte sich über Bienenstöcke her. Ende April ging M49 im Trentino in eine für ihn aufgestellte Falle und „sitzt“ seither wieder im Tierpflegezentrum Casteller bei Trient. Tierschützer bezeichnen die neuerliche Gefangenschaft von M49 als „traurige Nachricht“. Was mit M49 geschehen soll, den Landeshauptmann Fugatti ebenfalls zum Abschuss freigab, ist unklar.

          Ende Mai hatte ein zwölf Jahre alter Junge bei einem Wanderausflug in den Dolomiten mit seiner Familie eine sehr nahe Begegnung mit einem Braunbären. Angeleitet von seinem Vater, der den Vorgang mit seinem Handy filmte und später über die sozialen Medien verbreitete, entfernte sich der Junge in vorsichtigen Schritten von dem Braunbären. Der folgte ihm zunächst, stellte sich mehrmals auf die Hinterbeine und suchte dann das Weite.

          Auch der Wolf ist ein Problem

          Während im Trentino Umwelt- und Tierschützer mit Provinzregierung und Agrarlobby über den angemessenen Umgang mit „Problembären“ streiten, gibt es in Südtirol politischen Zwist über das „Wolfsproblem“. Wie der Braunbär ist auch der Wolf in Italien geschützt. Vor 50 Jahren fast ausgerottet, wird die Zahl der Wölfe in ganz Italien heute auf knapp 2000 geschätzt. Rund drei Viertel der Population lebt im Apennin, aber auch in der Alpenregion vermehren sich Wölfe wieder. In Südtirol leben etwa drei Dutzend Wölfe, wobei die in Rudeln lebenden Tiere kaum je Nutztiere reißen. Dafür mehren sich Klagen von Viehbauern über die von Einzelwölfen angerichteten Schäden.

          Im vergangenen Jahr ersetzte die Landesregierung in Bozen betroffenen Almbauern Schäden in Höhe von gut 27.500 Euro – Tendenz seit Jahren steigend. Auf Pilotalmen soll erprobt werden, wie man Schafe und Ziegen besser vor den Wölfen schützen kann. Im Gespräch sind mobile Elektrozäune, feste Zaunanlagen, Nachtpferche und Herdenschutzhunde. Das kostet viel Geld, das die Almbauern nicht zahlen können oder wollen. Billiger und effizienter wäre es nach Ansicht vieler Viehbauern, die Einzelwölfe einfach zu schießen. Auch die Landesregierung in Bozen ist der Ansicht, dass die Population des Wolfs in Südtirol reguliert werden müsse.

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