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Auswilderung von Bartgeiern : Große Klappe, viel dahinter

  • -Aktualisiert am

Im Anflug: Bartgeier – hier ein adultes Exemplar in den Pyrenäen – sollen auch bei uns wieder heimisch werden. Bild: Picture-Alliance/imageBROKER

Von wegen fürchterlicher Räuber: Vor mehr als hundert Jahren wurde der damals letzte Bartgeier in den Alpen erlegt. Nun startet ein deutsches Auswilderungsprojekt, um den imposanten Vogel langfristig zurückzubringen.

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          Für einen Geier sieht er geradezu adrett aus. Ziegenbärtchen, befiederter Hals, große Klappe, mal verdruckster, dann wieder gelassener Blick. Als Vogel kann man vom eigenen Gesicht kaum mehr verlangen – im Grunde ist es das perfekte GIF. Zudem setzt dieser Vertreter aus der Familie der Habichtartigen auf Selbstoptimierung, indem er seine weißen Federn in eisenoxidhaltigem Schlamm rostrot färbt. Am imposantesten ist die Spannweite des Bartgeiers (Gypaetus barbatus), beträgt sie doch rund drei Meter. Jahrtausende gehörte er zum Inventar der Alpen. Dann bekam er Reputationsprobleme und landete auf der Abschussliste. Anfang des 20. Jahrhunderts war er ausgerottet.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Inzwischen hat man erkannt, wie ruchlos das damalige Schützenfest war. Deswegen wurden zwischen 1986 und 2019 insgesamt 227 junge Bartgeier in den Alpen freigelassen. Ziel war es, einen Bestand aufzubauen, der ohne weitere Maßnahmen stabil bleibt. Momentan zählen Forscher dort etwa 300 Exemplare. Von Donnerstag an mischt auch Deutschland bei dem Unternehmen mit. Dann nämlich werden der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) und der Nationalpark Berchtesgaden zwei Jungvögel auswildern, die Mitte März im andalusischen Zuchtzentrum Guadelentín geschlüpft sind. Es ist das fraglos spektakulärste Artenschutzprojekt des Jahres.

          Ein Henne-und-Ei-Problem

          Toni Wegscheider, geboren 1978, ist dessen Leiter. „Den Vögeln geht’s nicht wirklich gut im Ostalpenraum“, sagt er. „Die Population in Österreich stagniert auf relativ niedrigem Niveau.“ Außerdem weisen manche Individuen Inzucht-Anzeichen wie Deformationen der Federn auf, da sie auf wenige Gründertiere zurückgehen. Um gegenzusteuern, wird der Genpool durch Exemplare bereichert, deren Vorfahren aus den Pyrenäen und von Korsika stammen. Je mehr Bartgeier in den Ostalpen leben, desto eher werden durchziehende Artgenossen zum Bleiben animiert. „Man braucht Bartgeier, um Bartgeier zu kriegen“, sagt Wegscheider, „das ist ein Henne-und-Ei-Problem.“

          Drei Meter Spannweite, sieben Kilogramm Gewicht, eleganter Gleitflug: Bartgeier im Gebirge
          Drei Meter Spannweite, sieben Kilogramm Gewicht, eleganter Gleitflug: Bartgeier im Gebirge : Bild: Picture-Alliance/Wildlife

          In den kommenden zehn Jahren wollen die Biologen vom LBV jährlich zwei bis drei Jungvögel freilassen. „Die beiden, die wir jetzt auswildern, werden zunächst verschwinden und auf Wanderschaft gehen“, sagt Wegscheider. Im Idealfall kehren sie als geschlechtsreife Tiere nach fünf bis sechs Jahren zurück, um Brutpaare zu bilden. Jetzt kommen sie aber erst einmal in den Tiergarten Nürnberg, wo man sie untersucht, beringt und besendert. Anschließend werden sie in eine vorbereitete Felsnische im Klausbachtal gesetzt. Dort hocken sie vier Wochen lang und machen Flugübungen – und zwar unter kontrollierten Bedingungen. Von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends befinden sich immer einige Artenschützer in der Nähe der Vögel. Sie dokumentieren deren Verhalten und passen auf, dass sich Schaulustige nicht zu nah heranpirschen.

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          All das ist kostspielig. Man benötigt Geld für Ferngläser und Spektive, Webcams und Personal, eine Beobachtungshütte und Sender. Für die ersten drei Jahre haben Wegscheider und seine Kollegen 650.000 Euro beantragt: „Der Großteil des Projekts wird übers bayerische Umweltministerium finanziert. Allerdings stemmen wir als Verband auch einen erheblichen Eigenanteil, und wir geben uns Mühe, Spender aufzutreiben, die uns unterstützen.“ Schnelle Ergebnisse darf man aber nicht erwarten. An seine Elternrolle etwa muss sich der Vogel langsam gewöhnen. So gehen die ersten Bruten meistens kaputt. Bartgeier lernen peu à peu, wie man ein Ei wendet und wärmt, wie und womit man den Nachwuchs füttert. „Wenn das gelungen ist, brüten sie jahrzehntelang wie die Uhrwerke wahnsinnig verlässlich“, sagt Wegscheider.

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