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Esel in Afrika : Aus dem Straßenbild verschwunden

Esel werden allmählich ein selten Anblick in Afrika – ihr Verkauf bringt den Afrikanern viel Geld. Bild: AFP

Elefanten, Nashörner und Schuppentiere – diese Zeiten sind vorbei. In Afrika wird jetzt Jagd auf Esel gemacht: Ihre Haut gilt in China als Wundermittel.

          Lange konnten sich Esel in Afrika in Sicherheit wiegen. Die Wilderer machten Jagd auf Elefanten und Nashörner und später auch auf Schuppentiere. Den Löwen und Geparden wird von Touristen derart nachgestellt, dass sie nur mit Glück einen Baum finden, unter dem sie unbehelligt eine Gazelle verspeisen können. Nur die grauen Malocher, als Last- und Arbeitstiere geschätzt, ließ man in Frieden – sieht man einmal von den alten Ägyptern ab, die ausgerechnet Bösewicht Seth, den Gott des Verderbens, mit einem Eselskopf ausstatteten.

          Thilo Thielke

          Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          „Diese Zeiten sind vorbei: Überall in Afrika wird jetzt Jagd auf Esel gemacht“, sagt Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft. Vor einigen Jahren hat die Berliner Organisation vom Elend der afrikanischen Hausesel (Equus asinus asinus) erfahren. Mittlerweile stapeln sich auf den Schreibtischen der Tierschützer Lageberichte aus zahlreichen Ländern. „In vielen Gebieten Afrikas sind die Esel aus dem Straßenbild verschwunden“, sagt Plasse. „Diebe schleichen durch die Dörfer, um die Tiere zu stehlen; überall schießen chinesische Schlachthäuser aus dem Boden.“ Dort werden die Unpaarhufer aus der Gattung der Pferde mit Vorschlaghämmern totgeschlagen und gehäutet, wie man auf einem Video aus Kenia sieht. Was vom toten Tier verwertbar erscheint, wird exportiert.

          Eselfleisch gilt im Reich der Mitte als Delikatesse und wird zu Burgern und Suppen verarbeitet. Wichtiger als das Fleisch aber ist den Asiaten die Haut der Esel. Sie wird eingeweicht, ausgekocht und zu Gelatine verarbeitet. Die braune Masse kommt später als Ejiao auf den Markt: Das vermeintliche Wundermittel soll Krebs heilen und gegen Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle helfen, für schöne Haut sorgen und als Aphrodisiakum auch noch das Liebesleben auf Trab bringen. Es wird sogar Getränken und Süßwaren beigemischt.

          Alles Schwindel? Der Nachfrage tut das keinen Abbruch

          „Das ist natürlich alles Schwindel“, sagt Plasse, und das sehen auch viele Chinesen mittlerweile so. Die Gesundheitsbehörde des Landes etwa erklärte, wer an die Heilkraft von Eselshaut glaube, hänge „abergläubischen Vorstellungen“ an. Der Nachfrage tut das jedoch keinen Abbruch. „Viele Chinesen betrachten Ejiao als Prestigeobjekt“, sagt Plasse. „Sie bieten die Gelatine auf Partys an.“ Der Boom habe viel mit dem wachsenden Wohlstand zu tun.

          Seit 2500 Jahren wird Eselshaut in China für die traditionelle Medizin verwendet, und bislang konnte der Bedarf weitgehend im eigenen Land gedeckt werden. Das aber ist nun vorbei. Auf der Welt gibt es noch rund 50 Millionen Esel, schätzt die Organisation Donkey Sanctuary, zehn Millionen davon in Afrika und sechs Millionen in China – in den neunziger Jahren lebten in China noch doppelt so viele. Um die hohe Nachfrage zu decken, schätzt die französische Umweltschutzorganisation Robin des Bois, benötige das asiatische Land aber rund vier Millionen Esel. Kein Wunder, dass Händler ihr Auge auf Afrika richteten – die Beziehungen sind eng, China ist wichtigster Handelspartner für Afrika.

          „In Ostafrika ging es los, hauptsächlich in Kenia, wo es alleine drei Schlachthäuser für Esel gibt, in denen Tag für Tag 1000 Esel getötet werden sollen“, sagt Plasse. „Allein in diesem Land sank der Bestand innerhalb von neun Jahren von 1,8 Millionen auf 1,2. Dann fingen auch andere Länder an, Esel zu schlachten.“

          Ein satter Gewinn

          Aus einer Eselshaut kann man ein Kilogramm Ejiao-Gelee gewinnen. Es kostet auf dem chinesischen Markt 320 Euro. In Westafrika bekommt man einen Esel für 150 Euro. Das ist doppelt so viel wie noch vor ein paar Jahren, garantiert aber immer noch satten Gewinn. Für Afrikaner, die oft ein Monatseinkommen von weniger als 100 Euro haben, ist das eine große Verlockung. „Viele Menschen machen sich nicht klar, was sie verlieren, wenn sie ihren Esel verkaufen“, sagt Plasse.

          Immerhin haben Länder wie Uganda, Tansania, Ghana, Botswana, Niger, Nigeria, Burkina Faso, Mali und Senegal jetzt einen Exportstopp verhängt. In Burkina Faso, Botswana, Tansania und Äthiopien wurden Schlachthäuser geschlossen. Allerdings sind die Maßnahmen schwer durchzusetzen, auch wegen Korruption und Gesetzlosigkeit. Aus Tansania etwa werden wieder mehr Eselsdiebstähle vermeldet. „Das deutet darauf hin, dass wieder ein Schlachthof eröffnet wurde“, sagt Plasse.

          Lange war der Esel dem Menschen ein treuer Begleiter. Sämtliche Hausesel stammen vom afrikanischen Equus asinus ab (auch Equus africanus genannt). Noch heute leben in Äthiopien, Eritrea und Somalia wenige Exemplare dieser Stammväter des modernen Esels. Vor 6000 bis 7000 Jahren wurden die ersten Esel domestiziert. Zunächst machten die Ägypter den nubischen Wildesel zum Haustier, kurz darauf die Mesopotamier. Vor rund 3000 Jahren setzte ein Esel dann zum ersten Mal seine Hufe auf griechischen Boden. Besonders wegen seiner Zähigkeit und Anspruchslosigkeit wird das Tier seither geschätzt. Doch nicht einmal diese Eigenschaften helfen den Eseln jetzt weiter.

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