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Tote Elefanten in Botswana : Als wären sie plötzlich tot umgefallen

Seit Mai sind in Botswana hunderte Elefanten verendet. Bild: dpa

In Botswana sind Hunderte Elefanten plötzlich verendet. Wilderer sind wohl nicht verantwortlich. Der Tod der Tiere stellt Behörden und Artenschützer vor ein Rätsel.

          3 Min.

          Die Luftaufnahmen aus Botswana sind verstörend. Sie zeigen Dutzende von Elefantenkadavern. Nach Informationen der Artenschutzorganisation Elephants Without Borders (EWB), die regelmäßig Kontrollflüge unternimmt und die Aufnahmen gemacht hat, sind in dem Land im südlichen Afrika seit Mai mindestens 356 Elefanten auf mysteriöse Weise verendet: 169 wurden am 25. Mai entdeckt, weitere 187 am 14. Juni. Die meisten Tiere starben am Flusslauf des Okawango, dessen Delta als eine der größten Touristenattraktionen Afrikas gilt und in dessen Umgebung etwa jeder zehnte Botswana-Elefant seine Heimat hat.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          In einem vertraulichen Bericht, den EWB-Chef Michael Case für die Regierung in Gaborone erstellt hat, heißt es, einige Tiere seien beobachtet worden, wie sie „schwach, lethargisch und ausgezehrt“ herumgeirrt seien. „Manche Elefanten wirkten desorientiert, hatten Schwierigkeiten zu gehen, zeigten Zeichen einer teilweisen Lähmung.“ Ein Elefant sei zum Beispiel unfähig gewesen, seine Laufrichtung zu ändern, „obwohl er von anderen Mitgliedern der Herde dazu ermutigt worden“ sei. Schnelle Aufklärung sei geboten, fordert EWB. Den Artenschützern ist die Reaktion der Regierung von Präsident Mokgweetsi Masisi viel zu langsam.

          Mittlerweile haben die Behörden den Tod von 275 Elefanten bestätigt. Zur Analyse seien Proben an Laboratorien in Zimbabwe, Südafrika und Kanada geschickt worden, teilte das Ministerium für Artenschutz und Tourismus mit. Die Kadaver, die sich in der Nähe von besiedelten Gebieten befänden, würden nun entsorgt.

          Wilderer stehen nicht im Verdacht

          Der Tod der Tiere stellt Behörden wie Artenschützer vor ein Rätsel. Offenbar wurden die Kolosse aus der Savanne weder von professionellen Wilderern abgeschlachtet, die es üblicherweise auf das Elfenbein abgesehen haben, noch taten sich hungrige Einheimische an den Tieren gütlich.

          Immer wieder gehen im ehemaligen Betschuanaland Menschen gegen die Elefanten vor, weil diese in Siedlungen eindringen und Felder zerstören. In Botswana leben mindestens 130.000 Elefanten, mehr als ein Drittel aller Loxodonta africana. Insbesondere Kleinbauern machen Jagd auf die Riesentiere, die jeden Tag etwa 200 Kilogramm Blattwerk vertilgen und 70 bis 150 Liter Wasser saufen.

          In der Weltwirtschaftskrise, in die viele Länder durch die Lockdowns gestürzt wurden, drohen in weiten Teilen Afrikas zudem Hungersnöte. Viele Menschen werden deshalb gezwungen sein, sich von Wildfleisch aus den Nationalparks zu ernähren. Doch die Kolosse aus der Savanne weisen keine äußeren Verletzungen auf, und selbst die Stoßzähne wurden nicht entfernt. Das Elfenbein wird erst in den nächsten Tagen von Wildhütern in Sicherheit gebracht.

          Sporentod oder Vergiftung?

          Die toten Elefanten stammten aus unterschiedlichen Altersgruppen. Es waren Bullen darunter und Elefantenkühe. Anfangs hatten Artenschützer Milzbrand für die wahrscheinlichste Todesursache gehalten. Die Infektionskrankheit wird durch den Erreger Bacillus anthracis verursacht und grassiert in Botswana immer wieder unter Flusspferden und Elefanten. Doch Anthrax wird nach ersten negativen Tests nun ausgeschlossen. Viele der Tiere liegen auf dem Bauch, als seien sie ganz plötzlich tot umgefallen. Auch das spricht gegen den Sporentod.

          Regelmäßig werden Tiere in Afrika auch mit Cyanid vergiftet. Täter sind meist Wilddiebe, die auf diese Weise versuchen, Spuren zu vernichten. Geier, die über Kadavern kreisen, weisen Wildhütern den Weg zu den Übeltätern im Busch. Aber auch Hirten entledigen sich auf diese Weise gern Raubkatzen wie Löwen, Leoparden oder Hyänen, die es auf ihre Rinder- oder Ziegenherden abgesehen haben. Gegen den Tod durch Vergiftung spricht allerdings, dass außer einem toten Pferd kein weiteres verendetes Tier in der Nähe der Elefantenkadaver entdeckt worden war.

          Botswana, ein Staat mit etwas weniger als zweieinhalb Millionen Einwohnern, leidet nicht unter einem Mangel an Savannenelefanten. Die Regierung hält die Zahl an Elefanten, die kaum natürliche Feinde haben, sogar für viel zu hoch. Weiträumig zerstören die Vielfraße die Fauna. Zeitweise planten im vergangenen Jahr Minister in Botswana sogar, wieder Elefanten keulen zu lassen und deren Fleisch als Hundefutter auf den Markt zu bringen. Zudem ließ Präsident Masisi im Mai 2019 auch die Großwildjagd wieder zu. Diese war von seinem Vorgänger Ian Khama fünf Jahre zuvor verboten worden.

          Durch die Trophäenjagd sollten eigentlich Devisen erwirtschaftet werden, die für den Artenschutz dringend benötigt werden. Doch die grassierende Corona-Angst hat zu einem kompletten Einbruch des Tourismus in Afrika geführt. Kaum ein Staat weiß noch, wie er seine teuren Anti-Wilderer-Einheiten finanzieren soll.

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