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Schwerste Plage seit 25 Jahren : Heuschrecken fallen über Ostafrika her

Zwei Mitarbeiter vom Katastrophenschutz gehen in einem Schwarm Wüstenheuschrecken. Bild: dpa

Hunderte Millionen Insekten gefährden die Versorgung mit Nahrungsmitteln in ohnehin armen Ländern wie Äthiopien und Somalia. Der Schwarm ist rund einen Quadratkilometer groß – und könnte bis Juni auf das 500-fache anwachsen.

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          Es ist ein Schwarm von apokalyptischen Ausmaßen: Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 150 Kilometern pro Tag fallen derzeit mehrere hundert Millionen Heuschrecken über Ostafrika her. Die Länder Äthiopien, Somalia und Kenia sind schon betroffen, demnächst könnten die gefräßigen Insekten vom Stamm der Gliederfüßer auch noch Kurs auf Südsudan und Uganda nehmen. Allein in Äthiopien, Kenia und Somalia leben mehr als 170Millionen Einwohner, in Südsudan und Uganda weitere 60 Millionen.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Unter der Plage leiden einige der ärmsten Länder der Erde. Die gegenwärtige Situation sei „extrem alarmierend“, teilte die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) am Montag in einem Bericht zur Lage mit. Sie stelle „eine unberechenbare Bedrohung für die Nahrungsmittelsicherheit und Existenz der Menschen am Horn von Afrika“ dar.

          Derartige Plagen sind auf dem Kontinent nicht ungewöhnlich. Am schlimmsten hatten die Tiere im Jahr 1784 in Südafrika gewütet. Damals sollen 300 Milliarden Exemplare einer Schreckenart etwa 3000 Quadratkilometer Land vereinnahmt und täglich bis zu 600.000 Tonnen Pflanzen vertilgt haben. Bekannt sind die Grillen nicht nur wegen ihrer unbändigen Fresssucht, sondern auch wegen der zirpenden Klänge, die sie mit ihren Vorderflügeln erzeugen. „Als unermüdliche Musikanten“, schwärmte einst der Zoologe Alfred Brehm, „beleben sie im Hochsommer und Herbst Wald und Wiese.“ Dieser Tätigkeit verdankten sie auch ihren Namen, so der Autor des Nachschlagewerks „Tierleben“, denn „schrecken heißt ursprünglich schreien, schwirren, knarren“.

          Die Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria), die sich im Moment über die ostafrikanischen Felder hermachen, stammen nach FAO-Angaben ursprünglich aus dem indisch-pakistanischen Grenzgebiet und haben sich dann Richtung Somalia und Äthiopien nach Westen bewegt; am 28. Dezember drangen sie nach Kenia vor.

          Die Insekten sind ausgesprochen hungrig

          Die Insekten aus der Unterordnung der Kurzfühlerschrecken sind besonders gefürchtet, ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich normalerweise von Nordafrika über den Nahen Osten bis zur Wüste Thar in Indien und Pakistan. Sie können Wolken von bis zu 50 Millionen Tieren bilden, jedes von ihnen ist 60 bis 90 Millimeter groß und ausgesprochen hungrig. Allein in Somalia und Äthiopien sollen die Eindringlinge schon 71.000 Hektar Ackerland zerstört haben, in Kenia ist bislang vor allem der nicht sehr fruchtbare Nordosten betroffen.

          Ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums hält eine Wüstenheuschrecke in der Hand.

          Die Tiere, die sich in einem einen Quadratkilometer großen Heuschreckenschwarm aufhalten, verzehrten an einem Tag so viel Grünzeug wie 35.000 Menschen, so die FAO. In Kenia wurde ein Schwarm ausgemacht, der sich auf einer Größe von 2400 Quadratkilometern durch das Land bewegt, er ist 60 Kilometer lang und 40 Kilometer breit. Mitarbeiter der Vereinten Nationen sprechen von der schwersten Heuschreckenplage in Ostafrika seit 25 Jahren. Wenn nicht schnell eingegriffen werde, könnten die gewaltigen Schwärme bis Juni 500 Mal so groß werden, sagte FAO-Generaldirektor Qu Dongyu in der Zentrale in Rom. 70 Millionen Dollar würden benötigt, um eine solche Katastrophe zu verhindern.

          Kenias neuer Landwirtschaftsminister Peter Munya hat immerhin gerade 300.000 Dollar freigegeben, um der Plage Einhalt zu gebieten. Vor allem mit Pestiziden soll versucht werden, die Vermehrung der Tiere zu stoppen. Auf Satellitenbildern verfolgen Munyas Beamte die Bewegung der Heuschrecken. Aus Kleinflugzeugen werden die Grashüpfer dann mit Insektiziden besprüht. Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Immer noch fallen neue Heuschreckenschwärme aus Äthiopien ein und bewegen sich über die Bezirke Mandera, Wajir und Marsabi in Richtung Westen, wo die lebenswichtigen Maisfelder liegen. Die ersten Tiere haben schon das südliche Rift Valley erreicht.

          Dort legen die ausgewachsenen Weibchen 30 bis 60 Eier, die sie „vermittels einer Legröhre unter die Erde bringen, wo sich die Jungen entwickeln“, wie Brehm schrieb. Noch zwei Wochen, dann wird der Nachwuchs schlüpfen. Seine volle Zerstörungskraft wird er wohl erst im Februar und März erreichen.

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