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Geier-Massensterben in Afrika : Für die Medizinmänner muss auch der Kopf ab

  • -Aktualisiert am

Nah bei den Menschen: Kappengeier sind eigentlich Aasfresser, ernähren sich inzwischen aber auch gerne von dem, was sie am Rande von Siedlungen finden. Hier warten sie auf Schlachtabfälle eines Schlachthofs in Bissau. Bild: AFP

Umweltschützer finden in Afrika Hunderte vergiftete Geier einer vom Aussterben bedrohten Art – einige Tiere wurden enthauptet. Geht das Massensterben auf den Aberglauben afrikanischer Medizinmänner zurück?

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          Zum ersten Mal fiel das Massensterben in Guinea-Bissau Ende Februar auf. Ein Arbeiter entdeckte am Rand eines Reisfelds mehr als 200 verendete Geier. Er informierte die Behörden von Bafatá, einer Region im Zentrum des Landes. Umweltschützer von der Organisation zur Erhaltung und Entwicklung der Feuchtgebiete in Guinea-Bissau und Mitarbeiter der Vogelschutztruppe Bird-Life fanden in Bafatá weitere Kadaver.

          Es waren viele: Allein zwischen dem 4. und dem 24.März stießen die Vogelfreunde auf die Überreste von 145 toten Aasfressern. Sie reisten auch in andere Regionen des Landes, nach Gabú im Osten und auf den Bijagós-Archipel, eine Inselgruppe im Atlantischen Ozean. Fast überall wurden sie fündig.

          Mittlerweile gehen die Bird-Life-Mitarbeiter davon aus, dass in Guinea-Bissau, einem kleinen westafrikanischen Staat mit knapp zwei Millionen Einwohnern, im vergangenen halben Jahr mehr als 2000 Geier vergiftet wurden. Laut Geierschutz-Organisation The Vulture Conservation Foundation handelt es sich um die größte Massenvergiftung der vergangenen zehn Jahre.

          Vom Aussterben bedrohte Art

          Es muss ein qualvoller Tod gewesen sein. Bauern aus der Gegend berichten, die Geier hätten in ihrem Todeskampf nach Wasser gesucht, und aus ihren Schnäbeln sei Schaum gelaufen. Einigen der toten Tiere waren die Köpfe abgeschnitten worden. Das deutet darauf hin, dass ihre Überreste von Medizinmännern für Hexerei benutzt werden. Ob sie von diesen auch getötet wurden, ist unklar. Offenbar war in einigen Gegenden des Landes Strychnin auf Müllkippen gestreut worden, um streunende Hunde zu vergiften.

          Fast immer handelte es sich bei den toten Geiern um vom Aussterben bedrohte Kappengeier. Diese Greifvögel werden wissenschaftlich Necrosyrtes monachus genannt und sind mit einer Körperlänge von 60 bis 70 Zentimetern relativ klein. Am Rand menschlicher Siedlungen ernähren sie sich von Müll und Aas, während sie an der Küste auch schon mal Jagd auf Weichtiere und Fische machen.

          Von einer Tragödie spricht Geoffroy Citegetse von Bird-Life in Westafrika. Der Artenschützer geht davon aus, dass es auf der ganzen Welt noch zwischen 200.000 und 400.000 Kappengeier gibt. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich von Senegal im Westen des Kontinents bis Somalia im Osten und Südafrika im Süden. Selbst in Höhen von bis zu 4000 Metern sind sie zu Hause. Aber kaum irgendwo fühlen sich die Vögel aus der Gattung der Habichtartigen so wohl wie in der ehemaligen portugiesischen Kolonie an Afrikas Westküste. Jeder vierte Kappengeier ist nach Bird-Life-Schätzungen in Guinea-Bissau beheimatet.

          Aberglaube und Wilderei

          In Westafrika kommen noch fünf weitere Geierarten vor: Palmgeier, Weißrückengeier, Sperbergeier, Ohrengeier und Wollkopfgeier. Außer den Palmgeiern gelten alle als vom Aussterben bedroht. „Die Population mancher dieser Arten schrumpfte in den vergangenen Jahren um bis zu 97 Prozent“, sagte die britische Geier-Expertin Beckie Garbett dem Mediennetzwerk „The Conversation“. „Viele wurden sogar in Schutzgebieten getötet. Es gibt kaum eine Geierart, die nicht betroffen ist.“ Dass die vergifteten Geier enthauptet wurden, sei nicht ungewöhnlich. „In Westafrika ist der Glaube, dass viele Tiere über magische Kräfte verfügen, weit verbreitet – auch wenn es dafür keine Belege gibt.“ Die meisten der einigen Dutzend Geier, die Ende vergangenen Jahres in Zululand den Gifttod starben, dürften ebenfalls im Auftrag der in Südafrika Sangoma genannten Hexenmeister zu Tode befördert worden sein.

          Doch die Tiere verenden nicht nur wegen des Aberglaubens. Im südlichen Afrika werden viele Geier von Wilderern getötet. Sie vergiften die Kadaver der von ihnen massakrierten Elefanten und Nashörner, damit Geier, die über den Kadavern zu kreisen pflegen, den Standort der Wilddiebe nicht verraten können. In Botswana wurden vor einem Jahr die Kadaver von 537 Geiern und zwei Adlern entdeckt, die sich offenbar über die Reste von drei gewilderten Elefanten hergemacht hatten.

          In Ostafrika werden viele Geier zudem Opfer von Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Tier. Hirten vergiften in Ländern wie Äthiopien, Kenia oder Tansania die Kadaver von Rindern. Sie wollen sich damit lästiger Hyänen und Löwen entledigen, vernichten so aber auch ganze Geier-Populationen. In Kenia drohen diesen Giftmördern mittlerweile fünf Jahre Gefängnis oder Geldstrafen von 50.000 Dollar.

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