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Nilgänse : Minder anziehend ist ihr Wesen

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Nilgänse am Mainufer in Sachsenhausen vor der Alten Brücke: Vor etwa vierzig Jahren siedelte sich eine größere Zahl Nilgänse in Deutschland an. Bild: Wonge Bergmann

Schon Alfred Brehm hielt die Nilgans für boshaft. Nun leiden die Frankfurter unter ihr. Was tun mit dem ungebetenen Tier?

          Erst störten die Nilgänse nur im Schwimmbad. Sie waren zu Dutzenden gekommen. Im Becken lehrten sie ihre Küken das Tauchen, und auf der Liegewiese verrichteten sie ihr Geschäft. Die Badegäste fanden das eklig, und das Gesundheitsamt stellte fest, dass der Kot gefährlich sei für Kinder. Als die Badesaison zu Ende war, wurde ein Jäger bestellt. Er kletterte auf den Bademeisterturm hinauf und schoss sechs Nilgänse tot. Die übrigen Gänse sollten lernen, dass dies kein guter Ort für sie sei. Das hat vorläufig funktioniert: Bisher sind sie dorthin nicht zurückgekommen.

          Nun aber ist die Lage komplizierter. Die Nilgänse stören im Park. Der Ostpark ist einer der größten von Frankfurt. Er hat einen weitläufigen Weiher, und der grenzt, nur durch einen Fußweg getrennt, an eine große Liegewiese. Hunderte Gänse leben hier. Und verteilen ihren Kot auf der Wiese. Die Frankfurter sind empört – nicht nur diejenigen, die in den Ostpark gehen. Ihr Zorn richtet sich gegen die Nilgänse, obwohl es im Park viel mehr Grau- und Kanadagänse gibt. Doch die Nilgans provoziert nicht nur durch schiere Zahl, sondern mehr noch durch ihr Wesen.

          Der Tierforscher Alfred Brehm hatte im 19.Jahrhundert Gelegenheit, sie in ihrem natürlichen Lebensraum, in Afrika, ausgiebig zu beobachten. Er lobte zwar ihre „schlanke Gestalt“ und das „prachtvoll metallisch spiegelnde“ Gefieder, setzte dann aber hinzu: „Minder anziehend ist ihr Wesen. Sie gehört zu den herrschsüchtigsten und boshaftesten Vögeln, die es gibt, und lebt trotz der Vereinigungen, die sie mit ihresgleichen eingeht, nicht einmal mit diesen in Frieden.“ Dies ist nach Ansicht vieler zeitgenössischer Beobachter in Deutschland unverändert zutreffend.

          Wenn man bei Youtube „Nilgans“ eingibt, ist der erste Treffer ein Video mit dem Titel „Nilgänse Terror“. Der Film dokumentiert, wie zwei Nilgänse lautstark und ohne erkennbaren Grund vor der Tür eines Mehrfamilienhauses randalieren, angeblich um sechs Uhr morgens in Frankfurt. Es kursieren Geschichten darüber, wie Nilgänse Stockenten ertränken, indem sie deren Köpfe unter Wasser drücken, und wie sie Raubvögel aus deren Nestern vertreiben, um dort hinein ihre eigenen Eier zu legen. Der Jäger, der im Frankfurter Schwimmbad die Nilgänse schoss, berichtet, dass man dort zunächst mit Trauerschwänen aus Plastik versucht habe, die Nilgänse einzuschüchtern. „Da haben sie drei Tage lang blöd geguckt, und am dritten Tag hatten die Schwäne ausgehackte Augen.“

          „Wenn die Nilgänse kommen, sprüht alles weg“

          Ein vorläufiger Tiefpunkt war bereits vor sechs Jahren erreicht. Damals hatten Nilgänse einem Bauern aus der Region die gesamte Ernte weggefressen. Brisant: Er hatte die sieben Kräuter angebaut, die für das Frankfurter Leibgericht, die Grüne Soße, nötig sind. Insofern traf die Attacke Frankfurt mitten ins Herz. Andernorts hatten die Nilgänse schon im Vorjahr zwei Hektar Kerbel weggekerbelt, und auch dieser Kerbel war für die Grüne Soße gedacht. Feinschmecker sind die Tiere freilich nicht. Sie verleibten sich damals auch hektarweise Weizen ein, aber ansonsten begnügen sie sich mit Gras.

          Die Sache ist auch deshalb besonders schmerzlich, weil man der Nilgans ihr Hiersein nicht zur Last legen kann. Denn man hat sie gegen ihren Willen geholt. Nicht nach Frankfurt zwar, aber nach Europa, schon im 18. Jahrhundert. Sie wurde am Nil eingefangen und dann als Ziervogel in Parks und Zoos gehalten. Zwar entkamen immer wieder Nilgänse in die freie Natur, aber erst vor etwa vierzig Jahren siedelte sich eine größere Zahl in Deutschland an; die Tiere seien aus den Niederlanden gekommen, heißt es heute. Sie fanden in Deutschland vielerorts die Landschaft vor, die sie besonders schätzen: Wiesen mit kurzhalmigem Grün in der Nähe von Gewässern. Dort ließen sie sich nieder. Brut wurde aufgezogen und brütete ihrerseits. Dabei machten die Tiere vor allem in Städten mit einem Verhalten auf sich aufmerksam, das ihre Kritiker als ungehörig aggressiv empfinden.

          Nilgans in Bad Schwalbach: „Sie gehört zu den herrschsüchtigsten und boshaftesten Vögeln“, schrieb Tierforscher Alfred Brehm.

          Einer dieser Kritiker ist der Umweltfachmann der Frankfurter FDP. Er hat, wie auch Brehm, zahlreiche Nilgänse, die sich unbeobachtet wähnten, in freier Wildbahn studieren können, wohnt er doch nahe einer Schwemmwiese am Main. Seine Beobachtung: „Wenn die Nilgänse kommen, sprüht alles weg – die Enten machen sich ganz schnell von dannen, selbst die Schwäne haben Angst.“ Der FDP-Mann ist aber nicht nur Kritiker der Nilgänse, sondern auch Kritiker des Umgangs der Stadt mit ihnen. Ihn stört, dass der Abschuss einzelner Tiere ausgeschlossen sein soll. Gerade der habe sich doch offenbar bewährt.

          Die Sache mit dem Zaun ist gar nicht dumm

          Tatsächlich lehnt die Umweltdezernentin, eine Grüne mit Biologie-Diplom und WWF-Vergangenheit, es ab, Nilgänse im Ostpark abzuschießen. Sterben sollen sie nicht. Aber doch fernbleiben von der Liegewiese. Die grüne Grenze muss gesichert werden. Also wurde zwischen Weiher und Wiese ein Zaun gezogen. Drei Wochen ist das jetzt her. Der Zaun ist allerdings nur einen Meter hoch. Die Gänse fliegen darüber hinweg. Das ist häufig zu beobachten. Regelmäßige Besucher des Ostparks haben auch schon mitansehen müssen, wie Nilgänse unter dem Zaun durchkrochen. Er ist nämlich auch unten durchlässig. Aus Sicht der Gänse also eine offene Grenze. Aus Sicht der Menschen, die auf der Wiese liegen, nicht. Der Zaun, mit schwarzer Folie blickdicht umwickelt, versperrt ihnen die Sicht auf den Weiher. Auch Frankfurter werden nun ungehörig aggressiv. Schon dreimal haben Vandalen den Zaun umgekippt. Das wiederum bezeichnet der FDP-Mann, bewusst oder unbewusst mit den Worten der Bundeskanzlerin, als „nicht hilfreich“. Er selbst, obzwar Zaunskeptiker, sehe hier die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten. Im Übrigen gebe er zu, dass die Sache nicht trivial sei.

          Ein Zaun soll dafür sorgen, dass die Nilgänse nicht mehr vom Weiher auf die Liegewiese kommen. Bisher noch ohne Erfolg.

          Denn erstens kann man im Park nicht so einfach schießen. Das ist viel riskanter als im Schwimmbad. Im Park laufen Tag und Nacht Menschen durch, und wer weiß, ob nicht ein Obdachloser im Gebüsch am Weiher schläft? Zweitens ist noch gar nicht ausgemacht, ob Schießen dauerhaft hilft. Zwar sind sechs tote Nilgänse sechs tote Nilgänse. Aber womöglich ist es den Artgenossen, die deren Ende mitansehen mussten, über den Winter gelungen, das Trauma zu überwinden; sie sollen ja hart im Nehmen sein. Selbst der Jäger räumt ein, dass die Nilgänse zurückkommen könnten. Und drittens ist die Sache mit dem Zaun gar nicht dumm.

          Denn er soll die Vögel nicht einsperren. Er soll nur ihren Blick stören. Vogelkundler sagen, dass Nilgänse beim Weiden gern das Wasser im Blick behalten. Es ist ihr Rückzugsort, wenn sie flüchten müssen. Ihnen wird unwohl, wenn sie das Wasser nicht mehr sehen. Erst recht, wenn dort auch noch ihre Nester sind. Die Nilgänse sollen also dazu bewogen werden, die Liegewiese zu meiden. Stattdessen sollen sie auf der anderen Seite des Weihers grasen. Dort ist nämlich auch Platz, und kein Zaun stört die Sicht aufs Wasser. Eigentlich fair. Und so etwas hat auch schon funktioniert, allerdings an einem See in Bayern. Von dort haben sich die Frankfurter die Sache mit dem Zaun abgeschaut. Fachleute haben sie bestärkt: Einen Versuch sei es wert.

          Was ist schiefgelaufen?

          Nun grasen die Nilgänse aber weiter auf der Liegewiese. Was ist schiefgelaufen? Vielleicht noch gar nichts, sagt der Mann, der von der Stadt als Gänse-Manager angeheuert wurde. Er betreut das Gänse-Monitoring, zählt also regelmäßig durch, wie viele Gänse am Weiher, auf der Liegewiese und auf den neutralen Flächen sind. Bei den Grau- und bei den Kanadagänsen wirke der Zaun schon. Immerhin. Auch die machen Mist. Und sie seien früher mit dem Brüten dran als die Nilgänse. Deren Verhalten ändere sich eventuell noch. Andererseits berichtet der Mann Besorgniserregendes vom Nistverhalten der Nilgänse: Sie nisteten am Boden und auch in Bäumen, in alten Krähennestern oder gar hoch oben auf Hausdächern, weit weg von Gras und Wasser. Die Frankfurter Nilgänse sind anscheinend radikal kompromissbereit. Das macht sie so stark. Und dann haben sie auch noch einen mächtigen Verbündeten.

          Das ist der Mensch, der im Park auf der Wiese liegt. Er füttert die Nilgans mit Brot. Eigentlich dumm. Aber die Nilgans ist auch charmant. Ihre Äuglein sind gerahmt von samtdunklem Gefieder in der Form einer Maske, wie sie die Panzerknacker aus dem Comic tragen. Daraus blickt sie wach und teilnehmend. Und nicht immer ist sie auf dem Kriegspfad. Gelegentlich watschelt sie auch friedlich, gar zögerlich umher. Ihre Zutraulichkeit weckt Gefühle, die mit Vernunft nicht zu erklären sind. Dem Leiter des Grünflächenamtes ist das verständlicherweise nicht recht. Er hat zusammen mit dem Zaun eine riesige Tafel aufstellen lassen. Darauf wird das Projekt der Vergrämung der Gänse erklärt, speziell der Zaun. Aber dann heißt es: „Auch Sie können mithelfen! Bitte beachten Sie das Fütterungsverbot!“ Ein Piktogramm zeigt eine undefinierbare Gans mit gierig aufgesperrtem Schnabel, die von Menschenhand Krumen empfängt. Rot durchgestrichen. Nicht machen! Aber die Menschen tun es eben doch.

          Der Zaun soll noch bis in den Sommer hinein stehenbleiben. Wenn er die Nilgänse weiterhin nicht beeindruckt, will die Stadt nach anderen Lösungen suchen. Der Jäger hofft, dass er am Ende doch noch ins Spiel kommt. Er betont die Nachhaltigkeit seiner Methode. Er habe sogar mehrere der von ihm erlegten Nilgänse verspeist. „Man muss gut kauen. Es war okay.“ Alfred Brehm notierte seinerzeit, das Fleisch der Tiere sei zäh, „zur Suppe aber vortrefflich zu gebrauchen“.

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