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Vogel des Jahres 2020 : Die Turteltaube ist stark gefährdet

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In Europa gehört das Gefieder der Turteltaube zu den buntesten. Bild: INTERFOTO

Tierschützer machen sich Sorgen um die Turteltaube: Auf der Zugstrecke in den Süden lauern viele tödliche Gefahren. Weil die in Deutschland seltene Taubenart vom Aussterben bedroht ist, wurde sie jetzt zum Vogel des Jahres 2020 gewählt.

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          Von den 309 wild lebenden Taubenarten kommen nur vier in Deutschland vor. Dabei sind die von der Felsentaube abstammenden halbzahmen Haus- oder Straßentauben und die vielen gezüchteten Brief- und Rassetauben nicht berücksichtigt. Die vielfältig gefärbten Tauben gehören damit einer der größten Vogelfamilien an. Von den vier Arten, die es in Deutschland gibt, haben der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) aus großer Sorge um ihr Überleben die Turteltaube für 2020 zum „Vogel des Jahres“ gewählt, wie am Donnerstag bekanntgegeben wurde.

          Sie ist nach der häufigen Ringeltaube, der Hohltaube und der Türkentaube die kleinste und seltenste Art, die hierzulande lebt. Und sie ist ein echter Zugvogel, der den europäischen Winter in der Subsahara vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten verbringt. Ab Mitte April und im Mai kehrt „Streptopelia turtur“, vom großen schwedischen Naturforscher und zoologischen Systematiker Carl von Linné (1707 bis 1778) wegen ihres fast monoton „turr turr turr“ klingenden Rufes wissenschaftlich so benannt, in ihre europäischen, asiatischen und nordafrikanischen Brutgebiete zurück.

          Doch immer weniger Turteltauben bauen ihr anspruchsloses Nest in Bäumen und hohen Hecken. Noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts war sie ein häufiger Brutvogel vor allem in Mittel- und Süddeutschland. Dann wurden es immer weniger. Der Atlas Deutscher Brutvogelarten gibt für die Jahre 2005 bis 2009 noch 25.000 bis 45.000 Paare an, der NABU beziffert den aktuellen Bestand auf 12.500 bis 22.000 Paare. Zum Vergleich: Ringeltauben werden mit rund drei Millionen, Hohltauben mit 49.000 bis 82.000 und die erst seit 70 Jahren zugezogenen Türkentauben mit 110.000 bis 200.000 Paaren angegeben. Seit 1980 ist der Bestand der Turteltauben um knapp 90 Prozent zurückgegangen. Auf der Roten Liste der bedrohten Vogelarten in Deutschland wurde sie jüngst als „stark gefährdet“ in die Kategorie 2 hochgestuft. Aus Großbritannien, wo die Bestandserhebung Tradition hat, wird ein Rückgang von 93 Prozent zwischen 1970 und 2010 gemeldet.

          Die anmutigen Turteltauben zeichnen sich durch eine schöne Gefiederfärbung aus. Zwar können sie nicht mit den vielen der in den Tropen lebenden Arten mithalten, doch in Europa sind sie die buntesten: mit ihren dunkel gemusterten bräunlich gefärbten Flügeldecken, der rosa gefärbten Kehle und Brust, einem schwarzweißen Ring an beiden Seiten des schlanken Halses, blaugrauen Federpartien am Kopf, vor dem Flügelbug und am helleren Bauch, dem von einem weißen Saum begrenzten dunklen Stoß (Schwanz), den roten Beinen und Füßen und dem leuchtend roten Ring um die gelbschwarzen Augen.

          Ein Schauflug mehrere Meter in die Höhe

          Ihr Verhalten ist nicht weniger extravagant. Während der Balz tänzeln die Männchen und Weibchen, die gleich gefärbt sind, auf einem Ast umeinander, strecken sich und berühren sich gegenseitig zärtlich am Hals und mit den grauen Schnäbeln. Der Tauber steigt von Zeit zu Zeit zu einem Schauflug mehrere Meter in die Höhe, lässt sich in die Tiefe fallen und landet wie ein geöffneter Fallschirm bei seinem Weibchen. Dort geht das Turteln weiter, nicht selten mit geschlossenen Augen und unter sanftem Gesang. Viele Paare bleiben ihr Leben lang beisammen. Wenn sie Glück haben und nicht wie mehr als die Hälfte der Jungvögel im ersten Lebensjahr sterben, können sie 20 Jahre alt werden.

          Die meisten indes verlieren viel früher ihr Leben. Sie finden nicht genügend Nahrung, weil sie die intensive Landwirtschaft und die Lebensraumzerstörung in Brut- und Überwinterungsgebieten sowie entlang der Zugstrecken zu spüren bekommen, weil sie illegal in Netzen und mit Leimruten gefangen und am Mittelmeer zu intensiv legal bejagt werden. Hinzu kommen als Todesursachen vermehrt Parasiten wie Trichomonaden, mit denen sich die Vögel gegenseitig anstecken können. Bei der Krankheit, die auch „Gelber Knopf“ genannt wird, bilden sich Wucherungen im Rachenbereich und in inneren Organe. Infektionsquelle sind häufig Gewässer. Turteltauben müssen regelmäßig Wasser zu sich nehmen – daher legen sie ihre Zugstrecken so, dass sich entlang der bis zu 700 Kilometer langen Tagesetappen genügend Wasserstellen befinden.

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