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Deutschlands ältester Storch : Wilhelm verzweifelt gesucht

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Kundiger Beobachter: Wilhelm Fritzges verfolgt seit vielen Jahren mit einer Kamera, was sich im Storchenhorst abspielt. Bild: Klaus Nissen

Der vielleicht älteste Storch Deutschlands ist nach 22 Jahren davongeflogen. Sein ungewisses Schicksal beschäftigt nicht nur Vogelschützer in der hessischen Wetterau, seitdem er sich von der Webcam dokumentiert von seinem Horst verabschiedet hat.

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          All die Jahre war Wilhelm so heimattreu – und nun das! Der womöglich älteste Weißstorch Deutschlands hat sich nach 22 Jahren davongemacht. Den Zeitpunkt notierte die Webkamera auf dem Kamin der ehemaligen Schnapsbrennerei in Lindheim in der hessischen Wetterau auf die Minute exakt: Am 26. Oktober um 9.57 Uhr trat Wilhelm an den Rand des Horstes, stieß sich ab und flog davon. Seitdem wartet seine Gattin Wilma vergebens auf den Gefährten. Die Annäherungsversuche anderer Störche wehrt sie ab. In der weltweiten Fangemeinde des Storchenpaares schwindet derweil die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen. Im Online-Chat wird diskutiert, warum Wilhelm verschwunden ist. Die Schreitvögel aus der Familie der Ciconiidae kommen dabei ganz schön menschlich daher.

          An seinem letzten Tag auf dem Schornstein des Hofgutes Westernacher regnete es. Wilhelm war nass. Er stand mit dem rechten Bein in der zur Pfütze gewordenen Nestmulde und plusterte seine Federn auf. Er sah aus, als ob er fröre.

          „Vielleicht war er krank“, überlegt Wilhelm Fritzges. Der 79 Jahre alte Lindheimer ist Mitbegründer der örtlichen Vogelschutzgruppe und eine Art Storchen-Mentor. Seit 1998 habe Wilhelm auch im Winter sein Nest höchstens für ein paar Stunden verlassen, sagt Fritzges. „Wir haben alles nach ihm abgesucht, mit einer Drohne, mit Ferngläsern, aber vergeblich. Wenn er krank war, hat ihn vielleicht der Fuchs geholt. Ich wollte doch mit ihm zusammen alt werden!“

          Vogelschutzgebiet statt Hochspannungsmasten

          Wilhelm kam im Mai 1990 im Hessenpark bei Neu-Anspach zur Welt. Der Weißstorch mit der Ringnummer 843 verkörperte die Hoffnung, dass die damals hierzulande fast ausgerotteten Großvögel in Hessen doch noch eine Zukunft hätten, was am Ende auch gelang. Allein in der Wetterau brüteten im vorigen Sommer 138 Paare. Sie zogen nach einer Zählung des Vogelkundlers Udo Seum nicht weniger als 284 Jungstörche auf. So viele, dass zum ersten Mal diskutiert wurde, ob es schon zu viele Störche in der Region gebe.

          Als der Hessenpark am Ende des vorigen Jahrhunderts seine Storchenzucht aufgab, suchte sich Wilhelm auf dem Schornstein im 1800 Einwohner zählenden Lindheim eine neue Bleibe. Gerade rechtzeitig, um als Anlass einer folgenreiche Entscheidung herzuhalten. Im Jahr 1998 war laut Wilhelm Fritzges der Vogelschutz das letzte Argument für die seit Jahren diskutierte Erdverkabelung der neuen 110 Kilovolt-Stromleitung zur Altenstädter Waldsiedlung. Aus Kostengründen wollte der Netzbetreiber lieber eine Freileitung bauen. Wo ursprünglich die Hochspannungsmasten stehen sollten, liegt nun ein großes, artenreiches Vogelschutzgebiet im Nidder-Tal.

          Beziehungskrise im Storchennest?

          Der Storch Wilhelm blieb fortan auch im Winter in Lindheim. Er hat nie gelernt, wie seine Artgenossen über Spanien ins warme Afrika zu fliegen. Der Biologe Gerhard Strack und später Wilhelm Fritzges fütterten das Tier. An Schnee-Tagen legten sie tote Eintagsküken aus, die der Vogel gerne annahm. Mit einer gewissen Wilhelmine zog Wilhelm 15 Jungstörche auf, doch im Frühjahr 2006 kam die Gefährtin nicht mehr aus dem Süden nach Lindheim zurück.

          Heimisch: Wilhelm und seine Partnerin in ihrem Horst auf einem stillgelegten Brauerei-Schornstein im Mai 1997.
          Heimisch: Wilhelm und seine Partnerin in ihrem Horst auf einem stillgelegten Brauerei-Schornstein im Mai 1997. : Bild: Foto Wolfgang Eilmes

          Wilhelm ist seitdem mit Wilma zusammen. Die beiden brachten zusammen weitere 44 Jungstörche in die Welt. Auch Wilma überwintert in der Wetterau. Die von der Vogelschutzgruppe Lindheim am Nest betriebene Storchenkamera (www.vogelschutz-lindheim/storchenkamera) zeigt, wie sie vor wenigen Tagen ihr Nest gegen anfliegende Störche verteidigte. „Sie hält Ausschau nach ihrem Wilhelm“, vermutet eine Vogelfreundin im Chatroom der Lindheimer Vogelschützer. Unter dem fortlaufenden Video vom Horst diskutieren zahlreiche Menschen – laut Fritzges sogar aus China, Russland, Japan, den Philippinen, Tschechien und den Vereinigten Staaten.

          Viele machen sich Gedanken. Gab es vielleicht eine Beziehungskrise im Storchennest? Conny schreibt im Chat: „Bevor Wilhelm jetzt von der Bildfläche verschwand, konnte ich gut beobachten, dass, wenn Wilma ihren Liebsten ,kraulen‘ wollte, er sich ständig von ihr abwandte. Es kann auch Einbildung oder eine Fehlinterpretation sein, aber da dachte ich schon, irgendwie mag er nicht mehr gerne von Wilma liebkost werden.“

          „Wer weiß, ob er nicht noch das Herumschweifen entdeckt hat“

          Der Beziehungsstatus des Lindheimer Storchenpaares interessiert auch Kati. Sie vermutet, Wilma werde in diesem Winter keinen fremden Storch an sich heranlassen. „Im nächsten Frühjahr wird dann bestimmt ein attraktiver Storch vorbeikommen, den sie hoffentlich davon überzeugen kann, im Winter auch in Lindheim zu bleiben (...) Frage mich, ob Wilma ihn (Wilhelm) vermisst, oder ob ich da die Tiere zu sehr vermenschliche.“

          Die Störche haben natürlich keine Ahnung, wie stark ihr Schicksal die Menschen beschäftigt. „Irgendwie hab ich Wilhelm auch noch nicht wirklich auf gegeben“, schreibt ein Chat-Teilnehmer. „Wer weiß ob er nicht auf seine alten Tage noch das Herumschweifen entdeckt hat?“

          Vielleicht ist Wilhelm im vierten Lebensjahrzehnt ja doch noch nach Afrika aufgebrochen. Und kommt im Frühjahr nach Lindheim zurück. Wie auch immer. Wenn jemand Hinweise auf das Verbleiben des alten Storches hat, würde sich Wilhelm Fritzges sehr über eine Nachricht per Telefon oder im Storchenkamera-Chat freuen.

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