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Afrika : Der Lebensraum der Schimpansen schwindet

Unter Druck: Von eineinhalb Millionen Tieren ist noch ein Zehntel übrig. Bild: www.plainpicture.com

Die Zahl der Schimpansen in Afrika geht deutlich zurück. Noch immer werden die gefährdeten Tiere gehandelt.

          3 Min.

          Als Artenschützer den 14. Juli zum Weltschimpansentag erklärten, wollten sie „den nächsten Verwandten des Menschen im Tierreich feiern und ehren“ und auch an die Arbeit der berühmten Verhaltensforscherin Jane Goodall erinnern. An jenem Tag vor 60 Jahren betrat sie zum ersten Mal den Gombe-Nationalpark im äußersten Westen Tansanias und begann ihre Forschungsarbeit. Unermüdlich ist die mittlerweile 86 Jahre alte Britin seitdem unterwegs, um dem Menschen den Schimpansen näherzubringen und für Schutz zu werben.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Die Zahl der Tiere schwindet derweil zusehends. Als Jane Goodall im Bergwald am Tanganjikasee mit ihren Untersuchungen begann, bevölkerten vermutlich noch mehr als anderthalb Millionen Schimpansen die Wälder Afrikas. „Heute sind es höchstens 150.000“, sagt der deutsche Schimpansenexperte Sebastian Louis, der sich im Norden Sambias um das Affenschutzgebiet Chimfunshi kümmert. In dieser Auffangstation nahe der kongolesische Grenze werden rund 130 Menschenaffen aufgepäppelt, die zuvor aus der Gefangenschaft befreit wurden.

          „Immer häufiger werden in der letzten Zeit Schimpansen für chinesische Vergnügungsparks eingefangen“, sagt Louis. Der nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen Cites streng reglementierte Handel über die Grenzen hinweg sei wegen der Korruption in vielen afrikanischen Staaten kaum zu kontrollieren. Eigentlich dürfen die vom Aussterben bedrohten Primaten nur in sehr seltenen Ausnahmefällen für wissenschaftliche Zwecke gehandelt werden. Dennoch schätzt die britische Artenschutzorganisation David Shepherd Wildlife Foundation, dass allein in den vergangenen sechs Jahren mindestens 14.000 der bis zu 1,70 Meter großen und 70 Kilo schweren Tiere durch den illegalen Wildtierhandel verschwanden.

          „Der Wald ist in Gefahr. Von allen Seiten.“

          Aber auch das rasante Bevölkerungswachstum in Afrika setzt den Tieren zu und lässt deren Lebensraum immer weiter schrumpfen. Während Schimpansen in den unzugänglichen Wäldern Zentralafrikas von hungrigen Buschkriegern gewildert werden, wird der Raum an den Grenzen zu den Nationalparks immer enger. Konflikte zwischen Bauern, die ihre Felder verteidigen, und den stressbedingt immer aggressiver werdenden Tieren nehmen zu.

          Dramatisch ist die Situation in Uganda im Osten Afrikas. „Noch gibt es 5000 bis 6000 Schimpansen im Land“, sagt Joshua Rukundo. „Doch allein in den vergangenen fünf Jahren haben wir zwischen 1000 und 1500 Schimpansen verloren.“ Rukundo leitet das Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary. Auf der Insel im Victoriasee werden derzeit rund 50 Schimpansen betreut, die ähnlich wie jene aus dem sambischen Chimfunshi aus der Hand von Tierquälern gerettet wurden. Jedes Jahr gingen in Uganda 20.000 bis 40.000 Hektar tropischer Regenwald verloren, klagt Rukundo. „Diese Wälder aber sind der klassische Lebensraum unserer Schimpansen.“

          Eines der größtes Probleme ist auch in Uganda das Bevölkerungswachstum. Zurzeit leben rund 45 Millionen Menschen in dem Land. In den sechziger Jahren, als das Land von der britischen Krone unabhängig wurde, waren es gerade einmal 6,5 Millionen. In den kommenden 50 Jahren könnte die Bevölkerung Schätzungen zufolge auf 150 Millionen anwachsen.

          Dem Präsidenten des Landes, Yoweri Museveni, geht es dennoch nicht schnell genug. Als Rinderzüchter sorge er sich, „wenn die Kühe keine Kälber bekommen“, als Präsident sorge er sich, „wenn sich die Menschen nicht vermehren“, sagt der seit 1986 herrschende Rebellenführer. „Das Problem Afrikas ist Unterbevölkerung und nicht Überbevölkerung.“

          Tierschützer Rukundo sieht das anders. Besondere Sorge bereitet dem ausgebildeten Veterinär die Lage im Bugoma Forest. Dieser zwischen 40.000 und 65.000 Hektar große Regenwald beherbergt eine Vielzahl von Säugetieren, darunter rund 650 Schimpansen. Immer mehr Ugander lassen sich an den Grenzen dieses einzigartigen Waldgebiets nieder, roden große Flächen und bauen Mais, Tabak oder Tee an. Immer tiefer müssen sich die Schimpansen auf der Flucht vor dem Menschen in den Wald zurückziehen.

          Doch ihr Lebensraum endet am Albertsee. Dahinter, auf kongolesischer Seite, herrscht ein brutaler Stammeskrieg. Wenn rund um die Stadt Bunia die Kämpfe zwischen Hema und Lendu wieder einmal besonders schlimm toben, machen sich bisweilen Zehntausende von Kongolesen auf den Weg über den See und lassen sich im Schimpansenland nieder. „Der Wald ist in Gefahr“, sagt Rukundo. „Von allen Seiten.“

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