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In den Norden Alaskas : Der Klimawandel lädt die Biber ein

  • -Aktualisiert am

Auch im Norden: Biber Bild: Pixabay

Im Norden Alaskas entstehen neue Seen, weil die Nagetiere in die Tundra wandern. Die Biber krempeln die Landschaft schneller um, als man bisher dachte.

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          Beim Blick auf die Daten der Landsat-Erdbeobachtungssatelliten entdeckte Ingmar Nitze immer wieder lange und schmale Seen, die es wenige Jahre vorher im Norden Alaskas noch nicht gegeben hatte. Die Gewässer ähneln den Seen, die Biber gern an Bächen und Flüssen aufstauen, fand der Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. Nur wuchsen im rauen Klima nördlich des Polarkreises bisher keine Bäume und nur wenige Sträucher, mit denen die Nagetiere ihre Dämme bauen und an denen sie im langen Winter knabbern. Seit der Klimawandel aber die Temperaturen im hohen Norden in die Höhe treibt, wurzeln in der einst baumlosen Tundra erste Gehölze. Und bald tauchten die ersten Biber in Regionen auf, in denen sie seit Menschengedenken niemand gesichtet hatte.

          Bei ihren Expeditionen in den Norden Alaskas hatten Ken Tape, Ben Jones und Christopher Arp von der University of Alaska in Fairbanks zwar von Biberburgen gehört. Nur leben dort oben wenige Menschen in einem riesigen Gebiet. Niemand wusste daher, ob die Nagetiere auf breiter Front nach Norden vordringen. Ökologen wiederum suchen dringend nach Antworten auf solche Fragen, weil die großen Nagetiere die Natur stark verändern.

          Das hatten Forscher in den Wäldern weiter im Süden beobachtet. Dort hatten Pelzjäger bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Biber in Alaska und Kanada fast ausgerottet. Als die Jagd eingeschränkt wurde, eroberten die Nagetiere ihre einstige Heimat zurück und bauten ihre Burgen mit einem geräumigen und trockenen Wohnkessel darin, den sie aus Sicherheitsgründen nur über einen unter Wasser liegenden Eingang erreichen: Da sich der Wasserspiegel in Flüssen und Bächen im Laufe eines Jahres oft verändert, könnte der Eingang in Dürreperioden trockenfallen, und Raubtiere könnten die Biber in ihrem Schlafzimmer überraschen. Um diese Gefahr zu bannen, bauen Biber ein wenig flussabwärts aus den Stämmen junger Bäume und Büsche einen Damm, den sie mit Schilf, Kräutern und anderem Material abdichten. Hinter dieser Naturmauer staut sich der Fluss und garantiert ein sicheres Schlafzimmer mit Unterwasser-Eingang.

          Aufnahmen aus dem Weltraum

          Zu diesem See führen Kanäle, auf denen die Biber dünne Baumstämme zu ihrer Burg flößen, um sich im Winter mit diesem weichen Holz den Bauch zu füllen. Wie stark sie damit die Landschaft verändern, beobachteten Forscher Mitte des 20. Jahrhunderts in der kanadischen Provinz Alberta: Sie zählten neunmal mehr Wasserflächen als vorher, 80 Prozent der Zunahme ging auf das Konto von Bibern. Sollte sich Ähnliches vielleicht auch im hohen Norden Alaskas wiederholen? Die Voraussetzungen dafür waren da: Der Klimawandel hat die Temperaturen in der Arktis seit dem Ende des 19. Jahrhunderts um 1,8 Grad – und damit 1,6 Mal schneller als im Rest der nördlichen Halbkugel – in die Höhe getrieben. Mit den steigenden Temperaturen verschob sich auch die Kältegrenze für Gehölze nach Norden. Dank erster Bäumchen und Sträucher gab es nun also Baumaterial und Winterfutter für den Biber. Aber nehmen die Nagetiere dieses Angebot auch an?

          Beantworten lassen sich solche Fragen am besten mit Aufnahmen aus dem Weltraum. Solche Daten werteten die AWI-Forscher Guido Grosse und Ingmar Nitze für ein Gebiet im Norden Alaskas aus. An 83 Stellen der 18.000 Quadratkilometer fand Nitze Stellen, an denen Biber zwischen 1999 und 2014 mit Dämmen ihre Seen aufgestaut haben könnten. Ob vielleicht nur ein Sturm Bäume umgeworfen und einen Fluss zufällig blockiert hat, lässt sich nur mit besser aufgelösten Satelliten-Daten oder mit Luftaufnahmen aus Wasserflugzeugen entscheiden. Nach dieser Feinanalyse blieben 56 Seen übrig, die eindeutig von Bibern aufgestaut waren. „Auf den Gewässern bildet sich im Winter eine Eisdecke, unter der die Biber zum Eingang ihres Baus schwimmen können“, sagt Nitze.

          In dem neu entstandenen Seengebiet tauchten bald auch Fische auf, die dort vorher nicht vorkamen. Das auch im Winter nicht frierende Wasser wärmt den Dauerfrostboden in der Umgebung, taut ihn auf und verändert das Ökosystem weiter. Die einst baumlose Tundra wandelt sich auf diese Weise in eine lichte Waldlandschaft mit vielen Wasserflächen. „Jedes Jahr dringen die Biber im Durchschnitt acht Kilometer weit vor“, sagt Nitze. Sie krempeln die Landschaft also schneller um, als man bisher dachte.

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