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Vereinigte Staaten : Gehört der Wolf zu Kalifornien?

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Am Berg Shasta: Das Wolfsrudel wurde am 9. August von den Kameras der Wildhüter aufgenommen. Bild: AP

Nach mehr als 90 Jahren ist der Graue Wolf nach Kalifornien zurückgekehrt – und ruft unterschiedliche Gefühle hervor. Den einen ist nach Feiern zumute, die anderen würden am liebsten das Gewehr aus dem Schrank holen.

          Die Kameras der Behörde für Fischerei und Wild im Siskiyou County ließen schon im Frühjahr Hoffnungen aufkeimen. War das dunkelhaarige hundeartige Tier, das gleich mehrere Wanderer in den Wäldern an der Grenze des amerikanischen Bundesstaates Kalifornien zu Oregon beobachtet hatten, ein Wolf? Das erste Foto schien alles andere als eindeutig. Vielleicht streifte doch nur ein Kojote durch die entlegene Region? Nicht einmal der Kot, den die Biologen nach DNA-Spuren untersuchten, brachte ein eindeutiges Ergebnis.

          Als das Tier sich nicht mehr vor den Kameras zeigte, ebbte die Aufregung bald wieder ab. Erst Ende Juni gaben Spuren im weichen Waldboden wieder Hinweise auf einen Wolf. Bei der Arbeit an einer Studie über Rehe und ihre Kitze hatten Mitarbeiter der Wildbehörde die Pfotenabdrücke einige Meilen südlich im Siskiyou County zufällig entdeckt. Wieder wurden Kameras installiert, wieder wurde gewartet. „Ende August erreichte uns dann der Anruf der Behörde für Fischerei und Wild. Auf den Bildschirmen war nicht nur ein einzelner Wolf zu sehen, sondern gleich eine ganzes Rudel“, erinnert sich Karin Vardaman, Leiterin der Tierschutzorganisation California Wolf Center. „Nach mehr als 90 Jahren ist der Graue Wolf nach Kalifornien zurückgekehrt. Für uns war das eine phantastische Neuigkeit.“

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          Die Auswertung der Aufnahmen zeigte, dass sich ein Wolfspaar mit fünf etwa vier Monate alten Jungen im Siskiyou County niedergelassen hat. „Die Tiere versammeln sich immer wieder an demselben Platz, unterhalb von Berg Shasta“, sagt Vardaman. Wo genau das Territorium des Rudels liegt, verrät sie aber nicht. „In wohl keiner Region Kaliforniens sitzt das Misstrauen gegenüber Wölfen tiefer als im Siskiyou County. Wir müssen die Tiere vor ungebetenen Besuchern bewahren.“ Während das California Wolf Center in Julian und die etwa 15 weiteren Wolfsschutzorganisationen des Pazifikstaates das „Shasta pack“ als Rückkehr einer verschwundenen Spezies feiern, sehen Viehbesitzer dies kritisch. Schon als der einsame Wolf OR7 vor einigen Jahren immer wieder aus Oregon nach Kalifornien wanderte, begannen die Züchter, um ihre Herden zu fürchten. Sie verwiesen auf eine Untersuchung des Landwirtschaftsministeriums, nach der ein Wolf weit häufiger Schafe und Rinder reißt als andere Raubtiere - etwa zehn Mal häufiger als Berglöwen, 20 Mal häufiger als Kojoten und 50 Mal häufiger als Schwarzbären. „Wir wissen, dass Wölfe gefährliche Räuber sind, die Vieh jagen und töten“, warnte der Landwirtschaftsverein Farm Bureau.

          Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Züchter die Waldbehörde überzeugt, dass „Canis lupus“ in Wäldern und Prärien Viehherden heimsuchte. Der U.S. Forest Service erlaubte den Ranchern damals, Weidegebiete durch Abschuss von Wölfen freizuhalten. In den nächsten Jahrzehnten schrumpfte die Population zwischen Kanada und Mexiko von einigen hunderttausend Tieren auf ein paar hundert. Auf Druck von Tierschützern setzte die Behörde für Fischerei und Wild den fast ausgerotteten „Gray wolf“ im Jahr 1973 schließlich auf die Liste der gefährdeten Arten. Als sich die Population südlich von Alaska vor drei Jahren wieder auf etwa 5500 Tiere erholt hatte, strich das Innenministerium in Washington den Wolf aber wieder von der Liste.

          Streit um Jagdlizenzen und das Wolfsmanagement

          Seitdem wird in den Vereinigten Staaten heftig um Jagdlizenzen und das Wolfsmanagement gestritten. Um Abschussquoten wie in Minnesota, Wyoming und Wisconsin zuvorzukommen, entschloss sich Kalifornien im vergangenen Jahr bereits vor der Rückkehr der Wölfe, die Tiere unter Schutz zu stellen. „Wir können nicht absehen, welche Rolle der Wolf für das Ökosystem des Bundesstaates spielen wird. Wir wissen auch nicht, wie groß die Population in ein paar Jahren oder Jahrzehnten sein wird“, gab Vardaman zu. „Wir wissen aber, dass Wölfe in Kalifornien beheimatet waren, bis 1924 der letzte erlegt wurde.“ Die Skepsis gegenüber der Art schreibt sie vor allem dem schlechten Image des Wolfes zu, das jahrhundertelang durch Märchen und Werwolf-Sagen geschürt wurde.

          Um die Viehzüchter dennoch zu bewegen, das Gewehr im Schrank zu lassen, setzen Wolfsschützer auf Aufklärung. Wie Robert Wielgus, ein Biologe an der Washington State University, bei der Auswertung von Daten aus Montana, Idaho und Wyoming feststellte, lassen sich Angriffe auf Viehherden nicht durch Abschüsse verhindern. Die Zahl der Angriffe auf Schafe und Rinder nimmt nach den Recherchen des Wissenschaftlers vielmehr mit jedem erschossenen Wolf zu, da sich das Rudel nach dem Töten des Alpha-Tiers und seiner Partnerin, welche die Fortpflanzung der anderen Mitglieder des Rudels hemmen, zerfällt. „Die übrigen Wölfe, die sich bislang nicht fortpflanzten, suchen sich Partner und gründen eigene Familien.

          Für jeden Wolf, der erlegt wird, nimmt die Zahl der Angriffe auf Nutztiere im folgenden Jahr daher um etwa fünf Prozentpunkte zu“, stellte Wielgus fest. Der Wildbiologe und Vardaman befürworten „Non-lethal means“ anstelle von Abschussquoten. „In anderen Bundesstaaten haben die Rancher gute Erfahrungen mit Bewegungsmeldern, Flaggen an Zäunen und Kontrollritten gemacht. Wölfe meiden Konflikte und weichen aus“, sagt Vardaman. Nach der Ankunft des Shasta-Rudels rät sie den Viehzüchtern zum Umdenken. „Der Wolf gehört zu Kalifornien. Alle werden einen Weg finden müssen, mit ihm zu leben.“

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