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Debatte nach Angriff : Der Bär schoss wie eine Rakete aus dem Unterholz

Ein Braunbär in der Region Trentino 2016 Bild: dpa

In Italien ist nach dem Angriff auf zwei Männer ein Weltanschauungsstreit um Wildtiere entbrannt. Der Umweltminister kündigt mögliche rechtliche Schritte gegen die Abschussfreigabe von zwei Bären durch den Provinzpräsidenten an.

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          Die Auseinandersetzung über den Bären, der am Montagabend in der norditalienischen Provinz Trentino zwei Wanderer verletzt hatte und nach dem Willen der Provinzregierung in Trient deshalb geschossen werden soll, spitzt sich zu. Am Sonntag wies der 28 Jahre alte Christian Misseroni in der Tageszeitung „Corriere della Sera“ die gegen ihn und seinen 59 Jahre alten Vater Fabio erhobenen Vorwürfe zurück, wonach sie das Wildtier zu dem Angriff provoziert hätten. „Nichts könnte falscher sein“, sagte Misseroni dem Blatt: „Wir waren, rund 200 Meter von der Hauptstraße entfernt, auf einem Wanderweg unterwegs. Ich trug helle Kleidung, hatte keinen Fotoapparat oder sonst etwas dabei, was einen Angriff hätte auslösen können. Der Bär kam wie eine Rakete aus dem Unterholz geschossen und stürzte sich auf mich.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nachdem sich Christian Misseronis Vater Fabio seinerseits auf den Bären geworfen hatte, griff das Tier den älteren der beiden Männer an und verletzte ihn weit schwerer als sein erstes Opfer. Fabio Misseroni musste wegen Bisswunden an Händen, Armen und Beinen sowie wegen eines Wadenbeinbruchs mehrere Tage stationär behandelt werden. Sein Sohn Christian konnte nach ambulanter Behandlung im Krankenhaus von Cles noch am Montagabend nach Hause.

          In dem Gespräch mit dem „Corriere“ beklagt Christian Misseroni, er werde von Umweltschützern heftig dafür angegriffen, für den möglichen Tod des Bären verantwortlich zu sein: „Immer mehr Tierschützer beschuldigen mich. Das macht mich ganz fertig. Dabei können wir gar nichts für den Vorfall und dessen Folgen.“ In dem Interview spricht sich Misseroni dagegen aus, das Tier zu schießen, schließlich sei er in dessen Habitat eingedrungen und nicht der Bär in jenes der Menschen. Misseroni fordert aber Maßnahmen, die beliebten Wanderwege in den Brenta-Dolomiten sicherer zu machen.

          Abschussfreigabe durch den Provinzpräsident

          In Rom kündigte unterdessen Umweltminister Sergio Costa mögliche rechtliche Schritte gegen die Abschussfreigabe durch Provinzpräsident Maurizio Fugatti an. Costa ist parteilos, steht aber der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung nahe. Fugatti gehört zur rechtsnationalistischen Lega des früheren Innenministers Matteo Salvini. In einem Schreiben an Fugatti forderte Costa, zuerst müssten „sichere wissenschaftliche Informationen zu dem Bären gesammelt“ werden, ehe man Maßnahmen beschließen könne. Die Ergebnisse der Analyse von DNA-Spuren des Bären, die Aufschluss über Alter und Geschlecht des Tieres geben sollen, werden in dieser Woche erwartet. Zu Angriffen von Bären auf Menschen kommt es in der Regel, wenn Weibchen ihren Wurf bedroht sehen und ihre Jungen verteidigen.

          Die Debatte über den Umgang mit dem „Problembär“ ist längst zum Weltanschauungsstreit zwischen „linken“ Umwelt- und Tierschützern und „rechten“ Befürwortern eines Abschusses geworden. Provinzpräsident Fugatti sagt, abgesehen von der Gefahr, die von diesem offensichtlich aggressiven Tier ausgehe, gebe es inzwischen zu viele Bären im Trentino. Deren Zahl beläuft sich auf 82 bis 93, wobei jüngst geworfene Welpen nicht mitgerechnet werden. Solche Zahlen gefährdeten „das Zusammenleben von Mensch und Bär“, argumentiert Fugatti. Als typische Gegenposition kann die des Schauspielers Alessandro Gassmann gelten, der in einem Tweet schreibt: „In Italien sind wir 60 Millionen, und im Trentino leben etwa 80 Bären. In deren Revier sind wir eingedrungen, haben es ausgeplündert, abgeholzt, gerodet, zubetoniert. Und jetzt wollt ihr ein angeblich gefährliches Tier erschießen, weil es seinen Nachwuchs geschützt hat? Ihr seid ahnungslos und solltet euch schämen!“

          Bären im Trentino gibt es erst wieder seit 1999. Damals wurde im Rahmen eines EU-Projekts ein knappes Dutzend Jungbären aus Slowenien und Kroatien im Naturpark Adamello-Brenta in den Dolomiten ausgesetzt. Im nach wie vor waldreichen Trentino haben sich die geschützten Tiere gut eingelebt und ihr Habitat ausgeweitet. Auch in der benachbarten Provinz Südtirol wurden in jüngster Zeit mehrfach Bären gesichtet, ohne dass es bisher dort zu Zwischenfällen gekommen wäre.

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