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Wohin nur mit all der Liebe? : Ein Herz für Kanalratten

Bild: dpa

Das menschliche Herz ist randvoll mit Liebe. Die muss raus. Aber wohin damit? Immer seltener verschenken wir sie an unsere Mitmenschen. Das zeigt sich zum Beispiel im Straßenverkehr.

          Das Herz des Menschen ist ein Wunderding. All diese Kammern und Klappen, Pulmonalarterien und Hohlvenen! Und dann diese Kraft! Wussten Sie, dass das Herz am Tag ungefähr 100.000 Mal schlägt und dabei bis zu 10.000 Liter Blut durch die Adern pumpt? Einfach so. Großartig.

          Das ist längst nicht alles. Denn das menschliche Herz ist auch randvoll mit Liebe. Die muss raus. Aber wohin damit? Immer seltener verschenken wir sie an unsere Mitmenschen. Das zeigt sich zum Beispiel im Straßenverkehr. Wer nach drei Zehntelsekunden an einer grünen Ampel nicht mit quietschenden Reifen losfährt, bekommt ein Hupkonzert, dass die Herzklappe bebt.

          Der Charakter und die Taten

          Andere Dispute zwischen Bordstein und Felge enden nicht unter einmal Arschloch und zweimal Mittelfinger. Wegen einzelner Äste zerren Nachbarn einander vor Gericht. Kollegen zicken sich lieber 30 Mal übers Smartphone an, bevor sie ins Nachbarbüro gehen, um die Sache zu klären. Und im Internet wird sowieso am liebsten anonym gehasst, dass die Glasfaser glüht. Rousseau hat einmal gesagt: „Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.“ Der Mann hat recht.

          Weil die Menschen ihr pralles Herz trotzdem öffnen und all die Liebe darin verschenken möchten, nutzen sie dafür immer öfter Tiere. Jeder noch so gewöhnliche Straßenköter wird liebkost, als wäre er ein leibliches Baby. Am Nidda-Ufer verzärteln Verwirrte südamerikanische Biberratten. Nilgänse werden mit Brotwürfeln gefüttert, die sie dann auf Liegewiesen koten. Und wenn ein Storch sich herablässt, sein Nest zu plazieren, flippen sogar sonst besonnene Gemüter aus.

          Zu Vollversagern gestempelt

          Übertroffen wird all das nur von sieben Feuerwehrleuten und einem Tierretter, die in Bensheim eine Ratte aus einem Loch im Gullydeckel befreit haben. Während Autofahrer aus dem Sitz gehupt, unter Stress arbeitende Journalisten und Politiker wegen kleinster Fehler zu Vollversagern gestempelt, Kollegen angeschnauzt und Nachbarn per Anwalt zurechtgewiesen werden, schafft es ein Film über die Rettung eines nagenden Schädlings im Internet zum Hit. Das Herz, es will verschenkt werden. Und wenn es an eine Kanalratte ist.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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