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Tod im Gras : Besonders viele Tiere fallen Mähmaschinen zum Opfer

  • -Aktualisiert am

Ein Rehkitz wird von einer Wiese gerettet. Bild: dpa

In diesem Frühjahr sind besonders viele Rehkitze, Junghasen und Vögel den Mähmaschinen zu Tode gekommen. Um diese künftig zu retten, fördert der Bund Drohnen und Infrarotkameras.

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          Der Hobbyjäger, dessen Name hier nicht genannt werden muss, hat im westmecklenburgischen Landkreis Ludwigslust-Parchim ein 420 Hektar großes Jagdrevier von einer Jagdgenossenschaft gepachtet: 335 Hektar Ackerland, 75 Hektar Grünland, zehn Hektar Wald, Feldgehölze und Wegraine. Sie gehören mehreren Landeigentümern, einige davon bewirtschaften ihre Flächen selbst. Rehe, Wildschweine und wenige Hasen kommen neben Beutegreifern wie Fuchs und Marderhund als Standwild regelmäßig vor, Dam- und Rothirsche lassen sich gelegentlich als Wechselwild blicken.

          In diesem Frühjahr ist der jagdlich zurückhaltende und dem Naturschutz zugetane Jäger verärgert, ja verzweifelt. Es ist ihm nicht gelungen, 60 Hektar der Grünlandflächen in seinem Revier rechtzeitig vor dem ersten Grasschnitt durch zwei landwirtschaftliche Pächter nach Jungwild und bodenbrütenden Vögeln abzusuchen und deren Verstecke im hohen Gras zu kennzeichnen, damit sie nicht getötet werden. Er kann nur hoffen, dass auf den verbliebenen 15 Hektar Grünland, die nach ökologischen Vorgaben frühestens Ende Juni erstmals gemäht werden dürfen, das eine oder andere Jungtier oder manche Bodenbrut überlebt haben.

          Kurzfristiger erster Grasschnitt

          Nur knapp einen Tag vor Mähbeginn wurde er von den beiden Landwirten benachrichtigt. Zu kurzfristig, um die großen Flächen mit einem Hund abzusuchen, die Jungtiere aufzuspüren, aus den Gefahrenbereichen zu tragen und an einem sicheren Platz abzulegen. Gerade blieb noch Zeit, einen Teil der Flächen im Eiltempo mit menschlichen Gerüchen und Hundehaaren zu „verstänkern“. Doch das reichte nicht, um etwa die Ricken zu veranlassen, ihre Kitze aus dem Gras herauszuführen. Am Abend des Mähtages waren mindestens sieben von den Mähmessern getötete Rehkitze zu beklagen – das entspricht fast dem gesamten von der Unteren Jagdbehörde fürs ganze Revier vorgegebenen Jahresabschuss von neun Tieren.

          Besondere Umstände haben zu dieser Situation geführt. Das kurze Zwischenhoch mit wenigen Schönwettertagen um die Monatswende Mai/Juni hat die Landwirte, die Grünland bewirtschaften, dazu veranlasst, kurzfristig den ersten Grasschnitt durchzuführen. In ständiger Furcht vor der nächsten Regenfront fuhren zumindest in Norddeutschland fast alle gleichzeitig mit ihren Mähmaschinen innerhalb von zwei Tagen auf ihr Grasland und ließen die Messer kreisen. Da blieb wenig Zeit, die zuständigen Jäger zu benachrichtigen oder gar den Besitzer einer Drohne mit Wärmebildkamera zu ordern. So kurzfristig lassen sich auch selten freiwillige Helfer alarmieren, um die Flächen systematisch nach Rehkitzen, Junghasen und am Boden brütenden Vögeln abzusuchen.

          In den 26 Jahren, die der sechzigjährige Jäger sein Revier mit zwei Inhabern von Begehungsscheinen bejagt, hat er so etwas noch nicht erlebt. Die lange Schlechtwetterperiode hat Ricken vielerorts veranlasst, die Geburt ihrer Kitze um etwa eine Woche hinauszuzögern, sodass es zu diesem zeitlichen Engpass gekommen ist. Den Landwirten ist nur dann ein Vorwurf zu machen, wenn sie nicht die Empfehlungen von Bauern- und Jagdverbänden befolgen: den Beginn der Mahd dem Jäger mindestens 24 Stunden vorher anzukündigen, mit dem Mähen der Flächen von innen zu beginnen und eine Schnitthöhe über dem Boden von mindestens 15 bis 20 Zentimetern einzuhalten.

          Empfohlene Schnitthöhe wird missachtet

          Bei der ersten Frühjahrsmahd, die besonders eiweißreiches Gras liefert, halten sich viele Bauern nicht an die empfohlene Schnitthöhe. Um möglichst viel Masse zu ernten, säbeln sie das Gras bis auf die Narbe ab. Wenn es zu Ballen gepresst und mit einer Plastikfolie versehen am Wiesenrand abgelegt ist oder gleich abgefahren wird, ist oft genug der blanke Boden zu sehen und jedwede Deckung und Nahrung für einige Wochen zerstört.

          Bauern wollen Mähopfer vermeiden, vor allem, wenn sie selbst Jäger sind. Auch aus Mitgefühl statten viele ihre Mähmaschinen mit mechanischen Rettungsgeräten aus, deren Wirksamkeit allerdings beschränkt ist. Ein weiterer Grund: Tierkadaver im Grünschnitt verderben die Qualität des Viehfutters und können bei den Nutztieren Krankheiten verursachen.

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