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Bedrohte Vogelart : „Weißkehlchen“ meist nur noch auf dem Durchzug

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Bodenvogel: So wie dieses Weibchen halten Steinschmätze bei der Nahrungssuche immer wieder inne. Bild: Foto Carl-Albrecht von Treuenfels

Nach dem Krieg fand der Steinschmätzer oft Unterschlupf in zerstörten Häusern. Heute ist der Vogel stark bedroht: Weniger als 5000 Paare brüten noch in Deutschland.

          Für Vogelbeobachter ist das zweite Quartal des Jahres ein Wechselbad der Gefühle. Sehen sie eine seltene Vogelart, überwiegt zunächst die Freude, vor allem, wenn sich Männchen und Weibchen gemeinsam zeigen. Das nährt die Hoffnung, dass das Vogelpaar sich vielleicht in der Nähe zum Nestbau und zum Brüten entschließt, sofern die Voraussetzungen des Lebensraumes stimmen. Doch selbst nach mehreren Tagen wiederholter Sichtungen in derselben Umgebung schlägt die Hoffnung oft in Enttäuschung um. Von heute auf morgen ist das Vogelpaar verschwunden und taucht nicht mehr auf. Es hat nur Station auf seinem Flug in den Norden gemacht und ist weitergezogen. Das kann bis in den Juni passieren.

          Zu den Vögeln, die auf diese Weise wenigstens für ein kurzfristiges ornithologisches Aha-Erlebnis sorgen, gehören die Steinschmätzer aus der mit gut 300 Arten großen Familie der Drosselvögel (Turdidae). Nach neuerer systematischer Einteilung werden sie der Familie der Fliegenschnäpper (Muscicapidae) zugeordnet. Noch in den fünfziger Jahren galt der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe) in Mitteleuropa als häufiger Brutvogel, besonders in Trockenlandschaften, Mooren und Kiesgruben. Steiniger Untergrund ist ihm ein beliebter Biotop, in den Mauerspalten von Weinbergen baut er gern sein Nest.

          In nördlichen Ländern und auf Inseln im Nordatlantik, wo die Steinschmätzer häufiger vorkommen, bieten ihnen die vielen Feldsteinmauern ebenfalls ideale Aufenthaltsorte. Nach dem Krieg siedelten sie sich besonders gern in von Bomben zerstörten deutschen Städten an: Bis Anfang der sechziger Jahre vermehrte sich der Bestand merkbar. So waren die schwarz-weiß-grauen Vögel in Berlin lange ein gewohnter Anblick. Hier konnten die Männchen mit dem schwarzen Augenstreifen, der orangefarbenen Kehle und Brust und den schwarzen Flügeln und Schwanz sowie die etwas dezenter gefärbten Weibchen leicht ihre bevorzugten Nistplätze finden: In den Trümmern von zerbombten Häusern fanden sie die Nischen, Spalten und Löcher, in denen sie ihre Nester bauen konnten. Ihre vornehmlich aus Insekten, Kerbtieren, Würmern, Spinnen und anderen Gliederfüßern bestehende Nahrung gab es in den Trümmerlandschaften reichlich. Das änderte sich mit dem Wiederaufbau.

          Nur noch ein Bruchteil einstiger Bestände

          Ebenso verschwanden in der freien Landschaft zunehmend die unkultivierten Bereiche. Der Brutvogel, einstmals „weit verbreitet“, wie der Ornithologe Johann Friedrich Naumann in seiner „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“ 1818 schrieb, wurde bald immer lückenhafter nachgewiesen. Von den gemeinsam mit Nachtigall und Sprosser, Rot- und Blaukehlchen, Gartenrotschwanz und Hausrotschwanz, Braun- und Schwarzkehlchen auch in der Gruppe der „Erdsänger“ zusammengefassten Steinschmätzern gab es hierzulande um 1980 noch etwa 23.000 Brutpaare. Um 2000 wurde ihre Zahl mit 7000 bis 13.000 angegeben. Und der 2014 von der Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) herausgegebene „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ verzeichnet den Bestand zwischen 2005 und 2009 mit 4200 bis 6500 Brutpaaren.

          Demnach dürfte der Brutbestand heute auf unter 5000 Paare gesunken sein. Ihre Art steht auf der jüngsten Roten Liste der Vögel in der Kategorie 1: „Vom Aussterben bedroht“. Lange vorbei sind damit die Zeiten, in denen der Volksmund der einst weitverbreiteten Art mehr als 50 Namen gab, wie Walter Wüst sie in seinem Buch „Die Brutvögel Europas“ (1970) zusammengestellt hat. Im „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“, herausgegeben von Urs N. Glutz von Blotzheim, sind allein den Steinschmätzern 157 Seiten gewidmet.

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