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Afrikanische Pinguine : Mysteriöses Massensterben

Die Forscher der Lüderitz Marine Research sind am 17. Januar unterwegs, um tote Pinguine einzusammeln. Bild: facebook.com/LuderitzMarineResearch/

Vor der Küste Namibias verenden seit einigen Wochen plötzlich Hunderte von Pinguinen, deren Population bereits gefährdet ist. Die Forscher vor Ort sind ratlos.

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          Es sind deprimierende Bilder, die die Forscher der Lüderitz Marine Research auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichten: Sie zeigen am Strand liegende Pinguin-Skelette, Helfer, die mit beiden Händen tote Tiere zusammentragen, einen kleinen Berg von Kadavern. 184 Tiere, die erst kürzlich verendet sein müssen, hätten sie an jenem 17. Januar auf der kleinen Insel Halifax gefunden, teilten die Mitarbeiter der Forschungsstation aus dem namibischen Lüderitz mit, vier kranke Tiere hätten sie mitgenommen, um ihnen zu helfen – allerdings seien auch diese trotz intensiver Pflege innerhalb weniger Tage verendet.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Halifax Island ist eine kleine Felseninsel im Südatlantik in unmittelbarer Nähe der namibischen Küste. Das Eiland, das zur Inselkette der sogenannten Pinguininseln gehört, ist berühmt für seine Brillenpinguine. „Seit Mitte Dezember beobachten wir ein zunehmendes Pinguinsterben auf Halifax-Island“, heißt es auf der Seite von Lüderitz Marine Research. Die toten Pinguine trieben im Meer, sie würden ans Ufer der Insel angeschwemmt und seien am Strand von Halifax-Island sogar vom Festland aus zu sehen.

          Ein Mitarbeiter von Lüderitz Marine Research sammelt tote Pinguine auf Halifax Island vor der Küste Namibias ein.

          Das plötzliche Sterben der Pinguine ist mysteriös. Zwar haben die Vogelkundler diverse Proben genommen, aber noch immer keine Ergebnisse aus dem Labor bekommen. „Wir haben keine Ahnung, was die Katastrophe verursachen könnte und wissen deshalb nicht, was wir tun können, um es zu minimieren.“ Gegenüber der Zeitung „The Namibian“ äußerte ein Mitarbeiter der Station, Jean-Paul Roux, den Verdacht, es könnte sich um ein Virus handeln, das die Tiere dahinrafft. Bei dem derzeitigen Massensterben handele es sich schon jetzt um die zweitschlimmste Katastrophe, die die Tiere in Namibia in den vergangenen 50Jahren getroffen habe. Vor 50 Jahren waren die Pinguine Opfer eines plötzlichen Sardinensterbens geworden. Neben Bastardmakrelen, Sardellen und Heringen sind Sardinen die bevorzugte Nahrung der afrikanischen Pinguine.

          Die Tiere könnten bald ausgestorben sein

          Dass es die Flossentaucher, die an Land so tollpatschig wirken, während sie im Wasser „mit größter Leichtigkeit die Wogen des stürmischen Meeres bewältigen“ (Alfred Brehm), überhaupt an der Küste des südlichen Afrikas aushalten, liegt am Benguela-Strom, der kaltes Wasser aus der Antarktis mit sich führt. Die afrikanische Pinguine (Spheniscus demersus) werden bis zu 70 Zentimeter groß, bis zu drei Kilo schwer und bis zu zwanzig Jahre alt.

          Vor mehr als 500 Jahren waren „sie die ersten Pinguine, die von Europäern entdeckt und zweifellos auch die ersten Pinguine, die von Europäern gegessen wurden“, schrieb der mittlerweile verstorbene Ornithologe Phil Hockey in seinem Buch „The African Pinguin. A Natural History“. Damals hatte der Portugiese Bartolomeu Dias als erster Europäer die Südspitze Afrikas umsegelt – das Kap der Guten Hoffnung. Zu jener Zeit muss es, so Hockey, an der Südküste Afrikas von Pinguinen gewimmelt haben. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts habe ihre Zahl bei mehr als zwei Millionen Exemplaren gelegen. In den fünfziger Jahren sollen es immerhin noch rund 300.000 afrikanische Pinguine gewesen sein. „Heute gibt es in Afrika wahrscheinlich weniger als 20.000 Pinguinpaare“, sagt Vogelschützer Ross Wanless von der Organisation Bird-Life South Africa in Kapstadt: „Wenn es so weitergeht, werden diese Tiere in freier Wildbahn bald ausgestorben sein.“

          Finden sie zu wenig Nahrung?

          Schon 2010 schlugen Tierschützer Alarm und erklärten den afrikanischen Pinguin zur gefährdeten Art; seitdem stehen die Tiere auf der Rote Liste der Weltnaturschutzunion. Weder das 1968 in Südafrika erlassene Verbot, mit Pinguineiern zu handeln, noch eine kürzlich um die Pinguinkolonien herum eingerichtete 20-Kilometer-Schutzzone konnte ihren Niedergang bislang verhindern.

          Woran der rasante Rückgang der Population liegt, wissen die Forscher nicht. „Möglicherweise liegt es daran, dass die Pinguine wegen der Überfischung immer weniger Nahrung finden“, vermutet Ross Wanless. Andere Wissenschaftler nehmen an, dass die Fisch-Schwärme weiter nach Süden, Richtung Antarktis gezogen sind, weil sich das Wasser an der Südwestküste des Kontinents in den vergangenen Jahren erwärmt hat. In jedem Fall müssen sich die Pinguine immer weiter von der Küste und damit ihren Brutplätzen entfernen, um Nahrung zu finden, und viele, so wird vermutet, schaffen aus Entkräftung den Weg nicht mehr zurück.

          Das derzeitige mysteriöse Massensterben vor der namibischen Küste, möglicherweise ausgelöst durch ein noch unbekanntes Virus, ist für die Vogelfreunde eine Katastrophe. Ihre Botschaft auf Facebook schließen sie mit der Zeile: „Frustrierende Zeiten!

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