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Tiere : Der Wal-Kieler

  • -Aktualisiert am

„Kielian” in der Kieler Förde Bild: dpa/dpaweb

Niemand weiß genau, warum der Finnwal "Kielian" mindestens einmal falsch nach Süden abgebogen ist.

          5 Min.

          Am frühen Nachmittag des 6. Juli war Andreas Pfander gerade auf dem Weg zur Kaffeestunde bei seiner Schwiegermutter, als das Telefon klingelte. An störende Anrufe auch an Sonntagen haben sich Pfander und seine Frau längst gewöhnt. Der Kappelner Chirurg ist so etwas wie die schleswig-holsteinische Notrufzentrale in Sachen Schweinswale - wenn irgendwo entlang der etwa 150 Kilometer langen Ostseeküste zwischen Flensburg und Eckernförde einer der bis zu 1,50 Meter langen Meeressäuger an den Strand gespült wird oder ein Fischer eines der Tiere in seinem Stellnetz entdeckt, wird Pfander alarmiert. Bergen, vermessen, untersuchen und statistisch auswerten sind dann seine traurigen Aufgaben. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, daß der 64 Jahre alte hochaufgeschossene Mann sein Leben den Schweinswalen gewidmet hat. Das Haus ist voller Zeichnungen der geliebten Tiere, und wenn Pfander von ihnen spricht, spürt man, wieviel sie ihm bedeuten. Doch an diesem Sonntag mittag ging es einmal nicht um einen Schweinswal. Der Rettungskreuzer Nis Randers hatte in der Flensburger Förde etwas Großes im Wasser gesehen. Pfander setzte sich ins Auto. Zwei Stunden später sahen er und seine Frau von der nahen dänischen Küste aus in etwa zwei Kilometer Entfernung die Fontäne des Wals. Ein bewegender Augenblick. Pfander vermutete einen jungen Finnwal. Doch die Freude über den seltenen Irrgast überwog nicht: "Ich dachte: O Gott, der gehört hier nicht her!" Pfander wußte natürlich, daß der letzte Finnwal in den Gewässern vor Flensburg 1911 gesichtet worden war. Damals benutzte ihn die kaiserliche Marine als Zielobjekt und tötete ihn vom Zerstörer "Württemberg" aus mit Sprengschüssen; das fünfzehn Meter lange Tier strandete auf einer Sandbank und war zwei Wochen lang eine Besucherattraktion. Es gibt gelbstichige Postkarten von damals, die den Koloß zeigen. Weitere Beobachtungen großer Wale in diesem Teil der Ostsee gibt es seitdem nicht. "Es kann 100 Jahre dauern, bis der nächste kommt", sagt Pfander.

          Als sich der Schreck gelegt hatte, dachte er an den Wochentag, es war ja Sonntag. "Niemand zu erreichen", fuhr es ihm durch den Kopf. Doch bald griff ein Rädchen ins andere. Die Wasserschutzpolizei wurde alarmiert, um Sportbootführer zu informieren, erste Anfragen der Presse mußten beantwortet werden. Die Forscher steckten die Köpfe zusammen. Was ist es für ein Wal? Was macht er hier? Obwohl Pfander kein Meeresbiologe, sondern Chirurg ist, gilt er als wichtige Kapazität in der Walforschung an der Ostseeküste. Er kennt alle, die sich in dieser Region beruflich für Wale interessieren, wie den Kieler Walforscher Professor Boris Culik vom dortigen Institut für Meereskunde. Daß Culik den Wal drei Wochen später noch aus nächster Nähe in der Kieler Förde erleben würde, konnte Pfander natürlich noch nicht ahnen.

          Der Finnwal auf Förden-Tournee

          Könnte man sich für das Sommerloch in der Ferienregion schleswig-holsteinische Ostseeküste etwas Schöneres vorstellen? Seit vier Wochen hält der fünfzehn Meter lange und zwanzig Tonnen schwere Wal den äußersten Norden nun schon in Atem. In Flensburg fraß er sich im Hafenbecken satt, und das "Flensburger Tageblatt" schrieb: "Gestern schwamm der Wal mitten durch die Stadt." So war es ja irgendwie auch. Die Flensburger standen an der Kaimauer und staunten über den vier Meter hohen Blas, über den mächtigen grauen Rücken des Tieres, das am Tag 500 Kilogramm junge Heringe, Krill und andere Krebstiere verzehrt. Die Wasserschutzpolizei informierte: "Keine Angst vor dem Wal, er ist wie ein Fisch, nur größer!" An den Stränden Ostseebad und Wassersleben hockten Urlauber und Einheimische stundenlang auf ihren Stühlen, um das Tier im Wasser zu sehen. Und sie sahen es, wenn es nach den viertelstündigen Tauchgängen zum Atmen auftauchte. Einige standen auf und klatschen Beifall.

          Als der Wal verschwand, atmeten Tierfreunde auf, weil er sich vermeintlich aus der Förde herausgerettet habe, andere waren traurig, weil sie ihn nicht gesehen hatten. Doch die Geschichte um den Riesen war nicht zu Ende: Seit Montag schwimmt er durch die Kieler Förde. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sei es der "Flensburger Wal", sagt der Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack. Dänische Walforscher berichteten, daß der Wal in der Förde von Horsens vor rund zehn Tagen von einem Motorsegler gerammt und verletzt worden sei. Die Wunde auf dem Rücken ist deutlich zu erkennen. In Kiel begann ein ähnliches Walfieber wie in Flensburg. Sie tauften ihn "Kielian". Die Wasserschutzpolizei appellierte an die Bootsführer, sich von dem Tier fernzuhalten und es nicht zu belästigen. Durch zu starken Schiffsverkehr könne der Wal seine Orientierung verlieren, bei Annäherung womöglich aggressiv reagieren. Am Donnerstag nachmittag schaltete sich sogar die Kieler Oberbürgermeisterin ein: "Die Sicherheit von Mensch und Wal hat absolute Priorität." Der Finnwal stellt die Walforscher vor Rätsel. Was macht er in der Ostsee?

          Eigentlich leben die Tiere im Nordatlantik

          Warum schwimmt er nicht einfach wieder zurück? Wird er hier verenden? Kann man ihn aus der Förde herauslocken? Das sicher nicht. Zwei Stunden erzählt Andreas Pfander über kleine und große Wale, ihre Verhaltensweisen und Instinkte, doch am Ende faßt er das gesammelte Wissen der Fachleute nüchtern zusammen. "Wir wissen nicht, warum er bei uns ist. Wir haben keine Ahnung." Möglicherweise hat Industrie-Lärm im Nordatlantik das Tier fehlgeleitet, aber Fachleute könnten sich auch einen anderen, simplen Grund für den Besuch in der Förde vorstellen: Neugierde. Nicht einmal das Geschlecht des Tieres ist bestimmt. Dazu müßte man unter den Wal schwimmen und die Geschlechtsteile ansehen oder sich dem Wal in einem Boot nähern und mit einer Harpune eine Gewebeprobe entnehmen. "Keiner meiner Kollegen würde dem Tier Leid zufügen", sagt Pfander, und sei das Forschungsinteresse noch so groß.

          Vielleicht folgte der Meeressäuger auch nur den Heringsschwärmen im Kattegat zwischen Jütland und Schweden und bog deshalb sozusagen falsch nach Süden in die Ostsee ab, statt nach Norden. Heringe haben sich in der Ostsee in den vergangenen Jahren drastisch vermehrt. Wird das Tier den Weg aus der Kieler Förde über die Ost- und Nordsee zurück in den Atlantik finden? Bei der Suche nach Günden für das Wieso, Weshalb, Warum stochern die Fachleute im Nebel. Der Kieler Professor Boris Culik sagt: "Vielleicht sollten wir uns davon verabschieden, daß der Wal überhaupt irgend etwas will." Vielleicht fühle er sich einfach nur wohl, vielleicht sei er gar kein Vorbote für eine Ausbreitung großer Wale in der Ostsee, die, wie Umweltschützer meinen, immer häufiger die Ozeane verlassen. "Alles ist möglich." Auf der Nordhalbkugel gibt es noch etwa 20 000 der bis zu 22 Meter langen Finnwale.

          Für Andreas Pfander ist der Finnwal ein Glücksfall. Denn Pfander bekommt die Möglichkeit, auf sein eigentliches Anliegen aufmerksam zu machen. Er wünscht sich ein Schutzgebiet für Schweinswale in der westlichen Ostsee. Seit 1987 hat Pfander an der Küste 134 verendete Schweinswale registriert; die meisten hat er selbst geborgen. Im Gegensatz zum Finnwal gehört die Ostsee zum natürlichen Lebensraum der Schweinswale. Bedroht sind sie vor allem durch die Stellnetze der Fischer. In ihnen verfangen sich die Meeressäuger und ersticken oder ertrinken. An der Küste sind 500 Kilometer Stellnetze ausgebracht. Pfander weiß, daß es eine schwierige, verfahrene Gemengelage ist zwischen Fischern und ihren Bedürfnissen und dem Schutz der Schweinswale. Die meisten Fischer seiner Region kennt er persönlich, er betrachtet sie nicht als Feinde. Sie seien sehr traurig, entdeckten sie einen Schweinswal in ihren Netzen. Doch von seiner Forderung, die westliche Ostsee zum Schutzgebiet für Schweinswale zu machen, weicht Pfander seit zehn Jahren nicht ab. Es gibt keine Statistiken über Schweinswale, weil sie sehr mobil und kaum zu zählen sind. Ohne konkrete Zahlen aber sind Politiker schwer davon zu überzeugen, daß der Schweinswal wirklich bedroht ist.

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