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Tiere : Der Wal-Kieler

  • -Aktualisiert am

Als der Wal verschwand, atmeten Tierfreunde auf, weil er sich vermeintlich aus der Förde herausgerettet habe, andere waren traurig, weil sie ihn nicht gesehen hatten. Doch die Geschichte um den Riesen war nicht zu Ende: Seit Montag schwimmt er durch die Kieler Förde. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sei es der "Flensburger Wal", sagt der Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack. Dänische Walforscher berichteten, daß der Wal in der Förde von Horsens vor rund zehn Tagen von einem Motorsegler gerammt und verletzt worden sei. Die Wunde auf dem Rücken ist deutlich zu erkennen. In Kiel begann ein ähnliches Walfieber wie in Flensburg. Sie tauften ihn "Kielian". Die Wasserschutzpolizei appellierte an die Bootsführer, sich von dem Tier fernzuhalten und es nicht zu belästigen. Durch zu starken Schiffsverkehr könne der Wal seine Orientierung verlieren, bei Annäherung womöglich aggressiv reagieren. Am Donnerstag nachmittag schaltete sich sogar die Kieler Oberbürgermeisterin ein: "Die Sicherheit von Mensch und Wal hat absolute Priorität." Der Finnwal stellt die Walforscher vor Rätsel. Was macht er in der Ostsee?

Eigentlich leben die Tiere im Nordatlantik

Warum schwimmt er nicht einfach wieder zurück? Wird er hier verenden? Kann man ihn aus der Förde herauslocken? Das sicher nicht. Zwei Stunden erzählt Andreas Pfander über kleine und große Wale, ihre Verhaltensweisen und Instinkte, doch am Ende faßt er das gesammelte Wissen der Fachleute nüchtern zusammen. "Wir wissen nicht, warum er bei uns ist. Wir haben keine Ahnung." Möglicherweise hat Industrie-Lärm im Nordatlantik das Tier fehlgeleitet, aber Fachleute könnten sich auch einen anderen, simplen Grund für den Besuch in der Förde vorstellen: Neugierde. Nicht einmal das Geschlecht des Tieres ist bestimmt. Dazu müßte man unter den Wal schwimmen und die Geschlechtsteile ansehen oder sich dem Wal in einem Boot nähern und mit einer Harpune eine Gewebeprobe entnehmen. "Keiner meiner Kollegen würde dem Tier Leid zufügen", sagt Pfander, und sei das Forschungsinteresse noch so groß.

Vielleicht folgte der Meeressäuger auch nur den Heringsschwärmen im Kattegat zwischen Jütland und Schweden und bog deshalb sozusagen falsch nach Süden in die Ostsee ab, statt nach Norden. Heringe haben sich in der Ostsee in den vergangenen Jahren drastisch vermehrt. Wird das Tier den Weg aus der Kieler Förde über die Ost- und Nordsee zurück in den Atlantik finden? Bei der Suche nach Günden für das Wieso, Weshalb, Warum stochern die Fachleute im Nebel. Der Kieler Professor Boris Culik sagt: "Vielleicht sollten wir uns davon verabschieden, daß der Wal überhaupt irgend etwas will." Vielleicht fühle er sich einfach nur wohl, vielleicht sei er gar kein Vorbote für eine Ausbreitung großer Wale in der Ostsee, die, wie Umweltschützer meinen, immer häufiger die Ozeane verlassen. "Alles ist möglich." Auf der Nordhalbkugel gibt es noch etwa 20 000 der bis zu 22 Meter langen Finnwale.

Für Andreas Pfander ist der Finnwal ein Glücksfall. Denn Pfander bekommt die Möglichkeit, auf sein eigentliches Anliegen aufmerksam zu machen. Er wünscht sich ein Schutzgebiet für Schweinswale in der westlichen Ostsee. Seit 1987 hat Pfander an der Küste 134 verendete Schweinswale registriert; die meisten hat er selbst geborgen. Im Gegensatz zum Finnwal gehört die Ostsee zum natürlichen Lebensraum der Schweinswale. Bedroht sind sie vor allem durch die Stellnetze der Fischer. In ihnen verfangen sich die Meeressäuger und ersticken oder ertrinken. An der Küste sind 500 Kilometer Stellnetze ausgebracht. Pfander weiß, daß es eine schwierige, verfahrene Gemengelage ist zwischen Fischern und ihren Bedürfnissen und dem Schutz der Schweinswale. Die meisten Fischer seiner Region kennt er persönlich, er betrachtet sie nicht als Feinde. Sie seien sehr traurig, entdeckten sie einen Schweinswal in ihren Netzen. Doch von seiner Forderung, die westliche Ostsee zum Schutzgebiet für Schweinswale zu machen, weicht Pfander seit zehn Jahren nicht ab. Es gibt keine Statistiken über Schweinswale, weil sie sehr mobil und kaum zu zählen sind. Ohne konkrete Zahlen aber sind Politiker schwer davon zu überzeugen, daß der Schweinswal wirklich bedroht ist.

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