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Tiere bei der Bundeswehr : Das Muli ist der beste Kamerad

  • -Aktualisiert am

Trittsicher: Soldat und Lasttier auf dem Weg nach oben. Bild: Andreas Müller

Auch als Tier kann man in der Bundeswehr dienen. Dafür muss man aber ein Maultier sein und nach Bad Reichenhall ziehen. Für die Gebirgsjäger im Berchtesgadener Land sind die belastbaren Tiere unersetzlich.

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          Philipp hat alles, was ein begnadeter Bergsteiger haben sollte. Er ist trittsicher, genügsam, unempfindlich und schwindelfrei. Für die Gebirgsjäger der Bundeswehr ist er deshalb überaus wertvoll. Seit 1997 machen sie sich seine Fähigkeiten zunutze und nehmen dabei in Kauf, dass er nicht einmal schießen kann. Ausgemustert wird er deshalb nicht. Aus dem Bundesverteidigungsministerium heißt es sogar, er sei „für die logistische Unterstützung von Einsätzen im Hochgebirge unerlässlich“. Philipp ist ein Maultier, eines von mehr als 30, die im „Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen der Bundeswehr“ in Bad Reichenhall ihren Dienst verrichten.

          An diesem Morgen herrscht viel Betrieb vor Philipps Stall. Die Maultiere sind angetreten, nebeneinander an die Stallmauer gebunden. Schmeißfliegen schwirren umher, es riecht nach Heu und Maultier-Äpfeln. Die Soldaten des Tragtierzuges machen ihre „Mulis“, wie die Kreuzungsprodukte aus Pferdestute und Eselhengst genannt werden, zurecht für den bevorstehenden Bergmarsch. Felle putzen, Hufeisen kontrollieren, Gesundheit überprüfen. Ist alles in Ordnung, werden sie beladen. Diesmal bekommt jedes Tier zwei Metallkisten übergehängt, gefüllt mit je 30 Kilogramm Sand. Das ist nicht viel, bedenkt man, dass ein kräftiges Maultier bis zu 140 Kilogramm Nutzlast tragen kann. Heute aber reicht das. Es steht nur ein kleiner Bergmarsch an: zwei Stunden rauf, eine runter. Starke Mulis können die vierfache Dauer aushalten.

          Tross in Bewegung

          „Heute gehen zwölf Tiere mit“, sagt Oberfeldwebel Steven Pyko. Die gut einstündige Vorbereitung des Marsches und Temperaturen von über 20 Grad schon am Morgen haben bei dem Achtundzwanzigjährigen Spuren hinterlassen. Der Schweiß läuft, bevor der Marsch überhaupt angefangen hat. Mulis seien „leistungswillig und zäh“, sagt der Unteroffizier. Dennoch gebe es natürlich Unterschiede: „Tiere, die einen Schritt langsamer gehen, kommen nach vorne.“ Unterschiedlich ist auch der Erfahrungshorizont ihrer Führer. Einige Mannschaftssoldaten gehören erst seit ein paar Wochen zur animalischen Kompanie. Ihnen blindlings irgendein Tier an die Hand zu geben wäre riskant. Vielmehr gilt, was ein Feldwebel so formuliert: „Wer nicht so erfahren ist, kriegt ein erfahrenes Tier.“

          Wenige Minuten später setzt sich der Tross in Bewegung. Jeder Soldat führt ein Maultier an der Leine. Philipp trabt in der Mitte der Kolonne. Die Truppe marschiert aus dem Kasernentor. Gemächlich geht es durch ein Wohngebiet. Die Anwohner nehmen kaum mehr Notiz von den Maultieren, schließlich haben die Tiere und ihre Treiber schon seit einem halben Jahrhundert in der oberbayerischen Kurstadt ihren Sitz. Wenn sie marschieren, herrscht Ordnung: Abstände und Tempo sind zu halten, Befehle abzuwarten. Hin und wieder nähert sich der Gruppe ein Auto. „Fahrzeug von hinten“ schallt es dann. Sonst ist auf ebener Strecke nur das Klackern der Hufe zu hören.

          Hobbysportler müssten schnell aufgeben

          Der Weg wird steiler und enger. Es geht hinein in den Wald, über Stock und Stein. Die Mulis machen keine Anstalten, langsamer zu werden. Sie brauchen Schwung, um den zerklüfteten Bergweg zu meistern. „Zwölf Höhenmeter pro Minute“, bemerkt Presseoffizier Johannes Schmid, während er auf seinen Höhenmesser schaut. Erfahrene Infanteristen legten sechs bis sieben zurück. Für einen Hobbysportler sei das Tempo über zwei Stunden „grenzwertig“, meint der Oberleutnant.

          Plötzlich stoppt die Kolonne. „Engstelle - einzeln begehen!“ Auf ein paar Metern verengt sich der Pfad nochmals, und die Steigung nimmt zu. Der Boden ist steinig, gespickt mit tiefen Furchen. Als Philipp an der Reihe ist, atmet Dominik Neuwinger durch. Der Zweiundzwanzigjährige führt Philipp an diesem Tag. Er marschiert los, die Leine hält er straff. Nach einigen großen Schritten ist die heikle Passage überstanden. Der Obergefreite freut sich: „Heute ist Philipp fit.“ Beim Muli spielt die Tagesform genauso eine Rolle wie beim Menschen. Wenn sie einen schlechten Tag haben, sind sie langsamer oder bleiben einfach mal stehen. Dominik ist erst das zweite Mal mit Philipp unterwegs. Meistens führt er ein anderes Maultier namens Anton. Mit ihm habe sich „eine Freundschaft“ entwickelt.

          Tiere in anderen Armeen

          Freundschaften zwischen Mensch und Tier werden auch in anderen Armeen geschlossen. So führt das Marine Corps der amerikanischen Streitkräfte Tragtiere in seinen Reihen. Geschult werden die Marines am „Marine Corps Mountain Warfare Training Center“ im kalifornischen Bridgeport. Das Center und die tierlieben Gebirgsjäger pflegen mittlerweile einen guten Kontakt.. „Erst vor kurzem war eine Abordnung der Amerikaner wieder zu Besuch in Bad Reichenhall“, erzählt der Leiter des Tragtierzentrums, Oberfeldveterinär Franz von Rennenkampf. Sie seien sehr interessiert gewesen, vor allem an der deutschen Sattelausrüstung und -technik. Die erlaubt es den Gebirgsjägern nämlich, schweres militärisches Gerät über Schienen und Verzurrmöglichkeiten zu befestigen und auf dem Rücken der Mulis zu transportieren: Mörser, Maschinengewehr, Granatwerfer. Die Amerikaner setzten hingegen mehr auf Knoten und verwendeten Holzsättel. Damit seien sie zwar auch in der Lage, große Waffen zu tragen. Sie zu befestigen falle aber ungleich schwerer. Ihn erinnere das manchmal an alte Western-Filme.

          Auch die Österreicher und die Schweizer nennen Tragtiere ihr eigen. Die israelischen Streitkräfte haben schon Lamas auf die Golanhöhen geschickt und setzen sie zurzeit im Libanon ein. Wo Berge sind, haben Vierbeiner im Militär ihren Platz.

          Soldat beschlägt Muli.
          Soldat beschlägt Muli. : Bild: Andreas Müller

          Das Heeresführungskommando hält die Mulis immer noch für unabkömmlich: „Der Einsatz der Gebirgsjäger findet vorwiegend in stark gebirgigem Terrain statt, das häufig gekennzeichnet ist durch unwegsames Gelände sowie durch fehlende Infrastruktur. Neben dem Hubschrauber, dessen Einsatz im Gebirge sehr stark wetterabhängig ist, stellen die Tragtiere die einzig verfügbare Form von größerer Transportkapazität dar.“ Das habe sich unter anderem im Kosovo über Jahre hinweg bestätigt. Anders als ihre Führer gehen die Mulis aus Bad Reichenhall aber nicht in den Einsatz. Als die Gebirgsjäger 2002 und 2004 im Kosovo waren, blieben Philipp und seine Kameraden im heimischen Stall. Strenge Einfuhrbestimmungen und Tierseuchengefahr führten dazu, dass sich die Tragtierführer zehn Tiere vor Ort besorgen mussten. Auch nach Afghanistan ist Philipp bislang nicht geflogen. Dort, entlang der hoch gelegenen Bergpässe an der pakistanischen Grenze, hatten Maultiere übrigens ihren letzten großen Auftritt als militärische Nachschub- und Transport-Elite: Während der sowjetischen Intervention in Afghanistan besorgten die Mudschahedin über Höhenstraßen aus dem Nachbarland Nachschub an Waffen und Munition - auf dem Rücken der Maultiere, in über 4000 Metern Höhe.

          In Bad Reichenhall bewegen sich die Tiere nicht auf diesem Niveau. Im Sommer ist das höchste Ziel mit knapp 1400 Metern die Zwieselalm, eine privat geführte Schutzhütte. Die versorgen sie einmal in der Woche mit Lebensmitteln. Mit dem Wirt hat man einen Vertrag geschlossen. „Wir sind die einzige Einheit der Bundeswehr, die Geld verdient und nicht nur ausgibt“, scherzt ein Feldwebel.

          Nassgeschwitzt zurück in die Kaserne

          Der Aufstieg an diesem Tag hat zwei Stunden gedauert. Nun beginnt der Abstieg. Den Bergpfad hinunter geht es vorbei an der Listanger Stube, einem Rastplatz für Wanderer. Es duftet nach Nadelholz, der Himmel strahlt bayerisch blau, und in einigen hundert Metern Entfernung tauchen die ersten Wohnhäuser auf. Während manchen Soldaten der Schweiß aus dem Gesicht tropft, wirken die Mulis noch so frisch wie zu Beginn des Marsches. „Die lassen sich das nicht so anmerken und haben eine deutlich bessere Fitness als manch anderer hier“, sagt Dominik Neuwinger. Für den Obergefreiten ist es mittlerweile der siebzigste Marsch als Tragtierführer.

          Nassgeschwitzt trottet er mit Philipp zurück in die Kaserne. Bei den Stallungen angekommen, ist für die Mulis der Arbeitstag zu Ende. Man nimmt Philipp die Last vom Rücken, richtet seine Hufeisen, putzt sein Fell, reicht ihm Heu und redet ihm gut zu. Tierliebe ist obligatorisch. Schließlich sollen Philipp, Anton und die anderen noch einige Jahre Dienst tun. Denn in manchem Verteidigungsfall könnten sie wichtiger sein als Drohnen.

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