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Tief im Westen

Eine Webreportage über Bochum
Prolog

Blume im Revier

Scheitern und wieder aufstehen. Darum geht es in dieser Geschichte über Bochum, die auch eine Geschichte über den Ruhrpott ist. Und sie muss hier spielen, im geografischen Zentrum des Ruhrgebiets. 4630 Bochum.
Du Blume im Revier, singt Herbert Grönemeyer, der auch lange weg ist von hier. Bochum blüht nicht mehr.

Vor ein paar Monaten ist der letzte Opel vom Band gelaufen, ein Zafira. Die Fernsehkameras sind weg, aber die Sorgen der Leute bleiben. Die Politik ist einigermaßen ratlos. Und auch beim Fussball sind die großen Zeiten vorbei, der VfL dümpelt durch die Zweite Bundesliga.
Trotzdem gilt das Ruhrgebiet als Ort rauer Herzlichkeit. Zum Start also die Frage: Pott - was ist das eigentlich?

Ruhrpott – Was ist das?

Im Werk

Pulsschlag aus Stahl

„Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt“, singt Herbert Grönemeyer seit 1985. Der moderne Gründungsmythos des Ruhrpotts: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Kohle- und Stahlindustrie in Duisburg, Bochum, Dortmund entscheidend zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen. Als die ersten Zechen in Bochum geschlossen wurden, kam Opel. Autos statt Kohle. Viele Kumpel wechselten ans Fließband.

Im Ruhrgebiet erinnern sie sich gerne an diese Zeit. Aber längst wird der deutsche Wohlstand im Süden Deutschlands gefördert. In kleinen mittelständischen Unternehmen, in Technologiekonzernen, die nichts mit Kohle, Stahl oder Fließbandarbeit zu tun haben. Fast trotzig erinnert der Bochumer SPD-Abgeordnete Axel Schäfer an die Anfänge des Länderfinanzausgleichs: „Nordrhein-Westfalen hat an Bayern 38 Jahre lang gezahlt.“ Früher war das Ruhrgebiet mal Wohlstandsmotor, heute bekommt es Almosen aus reichen Bundesländern wie Bayern.

Vor 40 Jahren wurde die letzte Zeche in Bochum geschlossen, der letzte Opel ist im Dezember 2014 vom Band gelaufen. Die Opel-Arbeiter, die meisten älter als 50 und seit Jahrzehnten im Betrieb, haben schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Ein paar Dutzend kommen in einem Logistikzentrum unter, das auf dem früheren Werksgelände entstehen soll. Der Rest bleibt ein Jahr in der Transfergesellschaft, landet in Qualifizierungsmaßnahmen oder gleich in der Frührente.

Vor ein paar Wochen hat die Lokalzeitung WAZ ihre Leser aufgerufen, zum 30-jährigen Jubiläum von Grönemeyers Bochum-Song eine fünfte Strophe zu texten. Das Ergebnis sind Zeilen wie: „Gefördert wird, was Zukunft hat.“ Aber so recht weiß Bochum noch nicht, was es fördern soll. In der Erde wartet nichts mehr, die Kohleflöze sind leer. Die Politik ist sich einig, dass es eine Großansiedlung wie Opel wohl nicht mehr geben wird. Aber was ist Bochum ohne Maloche?
Im Werk

Hennes Bender

Hennes Bender hat es der Adam Opel AG zu verdanken, dass er in Bochum geboren ist. Als der Autokonzern hier ein Werk eröffnet, ziehen seine Eltern ins Ruhrgebiet. Das Licht des Opel-Werks im Stadtteil Laer scheint in sein Kinderzimmer, nach der Schule holt Bender seinen Vater am Werkstor ab.
Benders Eltern ziehen in den 80er Jahren wieder weg, ihr Sohn bleibt und startet eine Karriere als Schauspieler und Komiker. Heute fährt er einen Antara, sein nächstes Auto wird kein Opel mehr sein.
Im Werk

Es ist Vergangenheit

Im Werk

Axel Schäfer

Der SPD-Politiker stand selbst mal für eine Woche am Band bei Opel. Einmal im Jahr macht er ein solches Betriebspraktikum. „Da bekommt man viel von den Sorgen der Leute mit“, sagt er. Nach dem Opel-Aus gibt sich Schäfer als Kümmerer: „Jeder, der jetzt arbeitslos ist, kann mich anrufen und ich versuche zu helfen.“
Wie es mit Bochum weitergeht? Schäfer verweist auf die Universität, auf Unternehmen wie den Mineralölkonzern BP Aral und das Wohnungsunternehmen Deutsche Annington, die ihren Sitz in der Stadt haben. Wo die vielen Opelaner jetzt Arbeit finden sollen, weiß auch er nicht.
Im Werk

Ende der Solidarität

In der Kneipe

Wo das Herz noch zählt

Wenn nichts läuft, läuft wenigstens das Bier. Hier im Haus Fey jedenfalls stimmt das noch. Strammer Max auf Anfrage, das kleine Pils für einsdreißig. Am Tresen: Heinz, Jochen, Frank. Und am Zapfhahn steht Elfriede Fey, 74. Eine Frau voller Geschichten, die auch beim dritten Hören noch großartig sind.
In der Kneipe

Und jetzt soll ich abhauen?

Wo das Herz noch zählt

Haus Fey

Im Haus Fey ist die Zeit stehen geblieben. Eigentlich erwartet man ein paar erschöpfte Kumpel aus der Zeche am Tresen, beim Feierabendbier. Aber natürlich sind da doch wieder die immer gleichen Gesichter. Sie rufen sich Geschichten zu, lästern, frotzeln, knobeln, lachen. Abend für Abend.
Haus Fey, es muss so heißen. Nicht Pension oder Kneipe. Seit über vierzig Jahren an dieser Stelle, Hofsteder Straße, 44791 Bochum. Der Ton hier: ruppig liebevoll. „Warste bei Altkleidersammlung?“, fragt Wirtin Elfriede den Stammgast mit dem deutlich zu groß geratenen Hemd. „Pfeife, du. Komm, geh' wech.“

Wenn Heinz in die Kneipe kommt, hält er sich immer erstmal am Tresen fest, mit beiden Händen. Kneipe, Halt, Zuhause. Heinz hat sein Leben lang bei der Post gearbeitet. Kürzlich hat er ein paar Anschaffungen gemacht, unter anderem neue Schlafanzüge. Zwei Monate konnte er danach nicht kommen, das Geld war zu knapp für die Kneipe.

Jochen sitzt auf der Eckbank, er knobelt, wie immer. Tagsüber schleppt er für ein Möbelgeschäft Stühle, Sofagarnituren und Schrankwände. Letztens musste er eine Küche in den vierten Stock tragen. „Meinse die haben mir ‘n Wasser angeboten? Die meinten: Bitte passen Sie auf, dass ihr Schweiß nicht aufs Parkett tropft.“ Jochen kann nur noch an drei Tagen in der Woche arbeiten. Nach 40 Jahren machen die Knochen nicht mehr mit.
Frank hält am Tresen große Reden, über Fußball, Arbeit, Ungerechtigkeit. Im Haus Fey verdrehen sie dann manchmal die Augen. Früher war Frank im Betriebsrat von ThyssenKrupp, jetzt ist er Frührentner. Der Stahlkonzern hat in Bochum geschlossen.
Das Haus Fey ist das Wohnzimmer seiner Gäste. Überall hängen Erinnerungen: Wimpel, Schals, eine Weste übersät mit Anstecknadeln. Schusssicher, sagt Elfriede.
In der Stadt

Du bist keine Schönheit

Bochum. 362.000 Einwohner. Ein Schauspielhaus. Neun Hochschulen. 56.000 Studenten. Zehn Prozent Arbeitslosigkeit. Schlechter als im NRW-Durchschnitt, besser als in den meisten Ruhrpott-Städten. Stadtfarben: Blau-Weiß. So wie der Fußball-Verein VfL, 2. Liga.

Im September wählt Bochum einen neuen Oberbürgermeister. Die Amtsinhaberin tritt nicht mehr an, die SPD nominiert den Landtagsabgeordneten Thomas Eiskirch. Seine Chancen sind ganz gut, die SPD hat noch nie in Bochum verloren.
Der Punksänger Wölfi Wendland tritt auch zur OB-Wahl an. Er wird wahrscheinlich nicht gewinnen, das weiß er. Wendland will nur ein bisschen Unruhe stiften in der Bochumer Kommunalpolitik.
In der Stadt

Wo es keine Kohle gibt

In der Stadt

Wölfi Wendland

Seit 30 Jahren ist Wölfi Wendland Sänger der Punkband „Die Kassierer“. Bei seinen Auftritten trägt der Mann aus Bochum-Wattenscheid selten mehr als eine Hose. Die Songtexte liest er von einem Blatt ab, er könnte ja Zeilen wie „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ vergessen.
2009 war Wendland Kanzlerkandidat der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands. Sein Wahlspruch: „Arbeit ist Scheiße“. Jetzt will er die fast 70-jährige SPD-Herrschaft in Bochum brechen. Die nötigen Unterschriften für seine Kandidatur als Oberbürgermeister hat er in einer Aldi-Tüte abgegeben.

Wendland tritt an, weil er den SPD-Kandidaten Thomas Eiskirch für unfähig hält: „Ein Karrierepolitiker, der nicht mal eine abgeschlossene Ausbildung hat“, sagt Wendland. Er selbst ist gelernter Mediengestalter. Wendland sagt: „Es ist ein Phänomen im Ruhrgebiet, dass für Leute, die sonst nichts können, die Politik ein berufliches Auffangbecken ist.“
In der Stadt

Das Bier verbindet

Der Soziologe David Gehne sagt: Früher hat Arbeit die Menschen im Ruhrpott verbunden. Heute stiften nur noch Bier und Fußball Identifikation.

Wie geht es Bochum im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten? So mittel. Bochum bewegt sich häufig im Mittelfeld. Die Arbeitslosigkeit liegt nahe am Durchschnitt des Ruhrgebiets. Die soziale Spaltung der Stadt in arme und reiche Stadtteile ist nicht so ausgeprägt wie in Essen oder Dortmund. Bochum ist zwar auch pleite, aber nicht ganz so pleite wie Oberhausen. Der VfL Bochum ist zwar nicht Borussia Dortmund, aber viel besser als der MSV Duisburg. Diese Liste ließe sich fortsetzen.

Was macht Bochum aus? Bochum ist von der „Nicht-Mehr-Phase“ in die „Nicht-So-Wie-Phase“ gewechselt. Also schon lange nicht mehr Kohle und Stahl, nicht mehr Nokia und jetzt auch nicht mehr Opel. Nachdem bekannt wurde, dass das Opel-Werk geschlossen wird, gab es die Kunstaktion „This is not Detroit“ in Bochum. Es ging darum, dass die Stadt bloß nicht so enden sollte wie die US-Stadt Detroit nach dem Niedergang der Auto-Industrie. Früher hieß es hier „Woanders is’ auch scheiße“, heute eher: „Woanders is’ noch beschissener“. Das reicht aber nicht als Perspektive. Bochum braucht die „Jetzt-Aber-Phase“, indem man die Vielfalt der Hochschul- und Bildungslandschaft stärker als Potential begreift.

Viele Politiker loben das Ruhrgebiet für seine gelungene Integration. Stimmt das noch? 
Früher waren die Zechen und Stahlwerke Integrationsmotoren. Für neue Migranten gibt es heute aber häufig keine Beschäftigung. Gemeinsame Arbeit hat verbunden, Armut macht eher einsam. Diese traditionelle Solidarität im Ruhrgebiet verschwindet. Trotzdem funktioniert Integration im Alltag hier oft besser als in Regionen ohne ausgeprägte Zuwanderungsgeschichte.

Wenn Arbeit früher verbunden hat, was bringt die Menschen heute zusammen? Fiege, VfL Bochum und Grönemeyer. Das Fiege-Pils wird fast ausschließlich in der Stadt verkauft und in fast jeder Kneipe ausgeschenkt. Der Bochumer hat immer noch sein Bier. In anderen Städten des Ruhrgebiets sind die Brauereien aufgekauft worden oder verschwunden. Der Fußball stiftet noch immer über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg Identifikation. Er bringt Arm und Reich zusammen, auch wenn man sich wünschen würde, dass mal wieder mehr Zuschauer kommen als 12.000. Und Herbert Grönemeyer wegen der Stadthymne „Bochum“.

Gehne, Jahrgang 1971, arbeitet am „Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung“ an der Ruhr-Universität Bochum.
Im Stadion

Du und dein VfL

Arm und reich, jung und alt, zusammen auf einer Tribüne. Für Bochums Fans ist der VfL der letzte Fixpunkt in ihrer Stadt. Vor jedem Heimspiel singt das ganze Stadion Herbert Grönemeyers „Bochum“.
Im Stadion

Peter Neururer

Peter Neururer, 59, Porsche Panamera. Gerade ist er ein Fussballtrainer ohne Verein, mal wieder. Im Dezember 2014 haben sie ihn beim VfL Bochum rausgeschmissen, nach einem öffentlich ausgetragenen Streit mit dem Sportvorstand.
Seitdem verbringt Neururer viel Zeit im Golfclub. Trotzdem ist er Vertreter und Schnauze des Potts geblieben. Neururer ist der Trainer des Ruhrgebiets: Rot-Weiss Essen, Schalke 04, MSV Duisburg.
Zweimal hat er den VfL Bochum trainiert, der seit einigen Jahren durch die Zweite Bundesliga dümpelt. Letzte Saison wären sie fast abgestiegen, Neururer hat sie gerettet. Peter, der Feuerwehrmann. Peter, der Motivator. „Der labert die Spieler so lange bekloppt, bis sie wieder an sich glauben“, sagen sie in der Kneipe.
Im Stadion

Dem VfL die Daumen drücken

Im Stadion

Dariusz Wosz

Abstieg, Aufstieg, Abstieg, Aufstieg: Der VfL Bochum war die Fahrstuhlmannschaft des deutschen Fußballs. Heute hängt der VfL in der Zweiten Liga fest. In Bochum wären sie gerne wieder Fahrstuhlmannschaft.
Dariusz Wosz ist mit dem VFL dreimal abgestiegen und viermal aufgestiegen. Er prägte in den Neunzigern Bochums erfolgreichste Zeit, sein Spiel war leicht und trickreich, nur selten Maloche.
Jetzt will Wosz noch einmal zurück in die Bundesliga. Als Jugendtrainer soll er Talente ausbilden, die den Sprung in den nächsten Jahren schaffen. Er lässt seine Nachwuchsspieler selbst ihre Taschen packen und Schuhe putzen. Die wichtigsten Eigenschaften für ihn: Biss und harte Arbeit. „Meine Spieler haben alle Talent, aber nicht alle haben auch Herz.“
Im Stadion

Waren fast schon weg

Epilog

Wissen, Wandel, Wir-Gefühl

In den vergangenen Jahren warb Bochum noch mit einem Slogan für sich, den man leicht ironisch verstehen konnte: „Bochum macht jung“. Zu allem Überfluss schmückten den Slogan bunte Blütenblätter, die aussahen wie Prilblumen zum Ausschneiden. Das Motiv hätte zu San Francisco in den 70ern gepasst, nicht aber zu Bochum, dieser ehrlichen Haut, die von Arbeit ganz grau ist.

Seit Anfang des Jahres hat Bochum ein neues, ein besseres Logo: ein aufgeschlagenes Buch, darunter ein Strich, daneben der Schriftzug „Bochum“. Die Schlagworte der neuen Image-Kampagne: Wissen, Wandel, Wir-Gefühl. Eine Million Euro will die Stadt in bundesweite Kampagnen stecken, die den neuen „Markenkern“ der Stadt in die Welt tragen sollen.

Die Botschaft ist klar: Bochum schlägt ein neues Kapitel auf, präsentiert sich als Stadt des Wissens mit ihrer Ruhr-Universität und ihren 56 000 Studierenden. Zugleich besinnt sich die Stadt auf das, was sie immer schon war: Seit dem Mittelalter findet sich in Bochums Stadtwappen ein Buch, allerdings ein geschlossenes.

Bochum verändert sich, weil es sich verändern muss. Keine Marketing-Agentur bringt diesen Wandel besser auf den Punkt als Elfriede Fey: „Früher konnteste sehen auffe Straße, wer auffe Zeche gearbeitet hat. Die hatten alle so 'n schwarzen Ring umme Augen“, erzählt sie. „Da kriechte man so 'n Stückchen Margarine aufn Finger und dann musste man sich dat Schwarze vonne Augen wegreiben.“ Heute hat keiner mehr schwarze Ringe um die Augen. Wo Zechen waren, sind Wälder und Bäume.

Gegenüber von Haus Fey ist ein Studentenwohnheim. Einmal haben sie dort auf dem Flur gegrillt, erzählt Elfriede. Wenn mal ein paar Nachteulen von drüben in die Eckkneipe kommen, dann zapft Elfriede auch für sie ein Fiege-Pils, garniert mit Geschichten von früher. Nur: Sie kommen immer seltener. Wenn sie mal nicht mehr kann, sagt Elfriede, dann will die Fiege-Brauerei ein Museum aus ihrer Kneipe machen.
Eine Multimedia-Reportage von Thorsten Glotzmann
Maximilian Heim
Timo Steppat
Andreas Wenleder

Foto auf Seite 2 (Förderturm): © Benjamin Hahn (flickr.com/people/rotwang/)
Foto auf Seite 12 (Autobahn): © D Schwarz Photography (CC BY 2.0)
alle weiteren Fotos: © Thorsten Glotzmann & Andreas Wenleder

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 08.03.2015 18:53 Uhr