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Thor Heyerdahls Andenken : Mit dem Sonnengott in die Südsee

Sechs Mann auf einem Floß: Die rund 14 Meter lange „Kon-Tiki“ 1947 auf ihrer Fahrt von Peru nach Polynesien Bild: ullstein bild

Vor 65 Jahren stach Thor Heyerdahl, der wohl berühmteste Norweger, mit einem Floß in See. Sein Sohn Thor hält auf einer Halbinsel vor Oslo das Erbe lebendig.

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          Wie bekannt Thor Heyerdahl auch in Deutschland ist, das erzählt Thor Heyerdahl gerne mittels einer Erinnerung an einen Auftritt in der SWR-Sendung „Ich trage einen großen Namen“. Nur ein paar Fragen hätten ihm die Kandidaten stellen müssen, um zu erraten, wer er ist. Europäer? „Yes.“ Brite? „No.“ Skandinavier? „Yes.“ Norweger? „Yes.“ Thor Heyerdahl? - Als Thor Heyerdahl junior Thor Heyerdahl senior von seinem Auftritt berichtete, stiegen dem Vater Tränen in die Augen, erzählt der Sohn. Vor Rührung. Schließlich hatte er im Krieg gegen die Deutschen gekämpft.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Thor Heyerdahl heißt also wie sein Vater, der vor zehn Jahren starb. Schon sein Großvater, ein Brauer aus dem norwegischen Küstenort Larvik, hieß Thor, sprich „Tur“. Seinen ältesten Sohn nannte Thor Heyerdahl junior auch Thor. Der wiederum nannte seinen Sohn so. Macht bisher fünf Generationen Thor Heyerdahl. Im Kon-Tiki-Museum auf der Halbinsel Bygdøy bei Oslo wacht der Junior, der auch schon Mitte 70 ist, als Vorsitzender der Heyerdahl-Stiftung über das Erbe seines Vaters, des wohl berühmtesten Norwegers. Von dem Prozess, der gerade jenseits des Fjords gegen den derzeit berüchtigtsten Norweger, „diesen Wahnsinnigen“, seinen Lauf nimmt, will Heyerdahl wie viele seiner Landsleute nichts mehr hören. Unvorstellbar, dass so etwas ausgerechnet in Norwegen geschehen sei, sagt er unter einem Porträt-Ölbild seines Vaters im Museum.

          Ein Symbol für Entdeckergeist und Wagemut

          Es heißt nach dem Floß, das den Vater mit fünf Gefährten 1947 von Peru über Tausende Seemeilen in 101 Tagen nach Polynesien brachte. Die Expedition mit der „Kon-Tiki“, die Heyerdahl selbst in Buch und Film dokumentierte, machte ihn zu einem Symbol für Entdeckergeist und Wagemut. Vom „Friedenszentrum“ des Nobel-Komitees gleich neben dem Steg am Rathausplatz im Zentrum der Hauptstadt fahren zwischen April und Oktober Fähren über den Fjord nach Bygdøy, wo noch andere Museen an Norwegens große Seefahrer erinnern. Aber nicht die Wikingerschiffe, nicht einmal die „Fram“ des Polarforschers Roald Amundsen, die gleich nebenan auf der Halbinsel zu bestaunen ist, können mit der Strahlkraft der „Kon-Tiki“ mithalten - auch wenn deren neun Balsastämme, die seit 1949 hier im Museum ruhen, in die Jahre gekommen sind.

          An diesem Samstag ist es 65 Jahre her, dass das nach dem Inka-Sonnengottkönig benannte Floß im peruanischen Callao in See stach, am 28. April 1947. Entgegen herrschender Lehre wollte Heyerdahl senior zeigen, dass eine Besiedlung der Südseeinseln von Südamerika aus möglich war, lange bevor die Europäer dort ankamen: mit den Mitteln der Inka (dem Floß aus Holz, Lianen, Bambus, Bananenblättern) und der Hilfe der Natur (der Meeresströmungen und Winde). Die Konstruktion werde nicht halten, unkten Fachleute, die Besatzung werde ertrinken.

          Thor Heyerdahl junior in den Räumen des Kon-Tiki-Musuems bei Oslo

          Thor Heyerdahl junior, der damals neun Jahre alt war, sah das damals nicht so dramatisch. Dass sein Vater lange weg sein würde, habe er gewusst, aber „die Tragweite des Abenteuers“ nicht verstanden. Als sein Vater im September 1947 wiederkam - einen Monat nach der Strandung auf dem Raroia-Riff im Südseearchipel Tuamotu-, habe er sich alles erzählen lassen. Von den Dutzenden Haien, die das Floß zeitweilig umschwammen. Von dem gigantischen Walhai, auf den ein Gefährte seines Vaters eine Harpune warf. Von der Schlangenmakrele, die nächtens in den Schlafsack eines Besatzungsmitglieds gespült wurde. Und von den blumenbekränzten Polynesierinnen, die Hula tanzten.

          Geschichten wie diese begründeten den Ruhm Thor Heyerdahls. Ein Abenteurer sei der Vater nicht gewesen, sagt der Sohn. Denn das Abenteuer habe dieser „praktische Wissenschaftler“ nicht um seiner selbst willen gesucht, sondern um seine Thesen zu belegen. Der Erfolg des Vaters habe dann darauf beruht, dass er „auch ein Künstler“ gewesen sei: Für den „Kon-Tiki“-Film erhielt er 1951 einen Oscar, die Auflage des Buches schätzen die Leute im Museum auf bis zu 100 Millionen. Genau wisse man das vor allem deshalb nicht, weil es die Sowjetunion - wiewohl Nikita Chruschtschow ein Fan Heyerdahls war - nicht so mit dem Zählen (und Zahlen) gehabt habe. Die Einnahmen aus diesem Erfolg finanzierten Heyerdahls spätere Arbeit, etwa die Expeditionen mit den (nach dem ägyptischen Sonnengott benannten) Papyrusbooten „Ra I“ und „Ra II“. Sie sollten zeigen, dass die alten Ägypter Jahrtausende vor Kolumbus Zentralamerika erreichen konnten. Die erste „Ra“ brach 1969 kurz vor dem Ziel auseinander, doch die zweite erreichte 1970 Barbados.

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