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Teures Sammlerstück : Die Briefmarke, die es nicht geben darf

  • -Aktualisiert am

Gewinnlos: der Gscheidle-Brief Bild: Rapp AG

Die „Gscheidle-Marke“ gehört zu den teuersten der alten Bundesrepublik - dank der Frau eines ehemaligen Postministers. In der Schweiz wird nun eines der 24 bekannten Exemplare versteigert.

          An diesem Mittwoch wird im Schweizer Wil eine der teuersten Briefmarken der alten Bundesrepublik versteigert, die „Gscheidle-Marke“. Zwar ist eine Briefmarke zunächst nicht mehr als der Quittungsbeleg einer im Voraus bezahlten Dienstleistung. Wenn aber eine Marke eigentlich gar nicht existiert, aber dennoch auf einen Brief aufgeklebt ist und von der Post zugestellt wird, erwacht das Interesse der Sammler. Vor allem, wenn noch die Frau eines Bundespostministers im Spiel ist.

          1980 entwarf die Deutsche Bundespost aus Anlass der Olympischen Sommerspiele in Moskau eine Sondermarke zum Wert von 60 Pfennig plus 30 Pfennig als Zugabe für die Sporthilfe. Weil aber die Bundesrepublik wegen des Einmarsches der Sowjetunion in Afghanistan die Spiele boykottierte, erreichte die Briefmarke mit der olympischen Fahne und den Ringen nie den Postschalter. Die Auflage wurde größtenteils eingestampft, der Rest lagert in Archiven und Tresoren der Post.

          Frau des Postministers verschickte Marken

          Doch einige Jahre später tauchten zwei Marken auf, abgestempelt, befördert. Zwei aufmerksame Sammler, die immer wieder Berge von Preisausschreiben-Karten durchsuchten, fanden die Exemplare unter zwei Millionen Einsendungen eines Zigarettenkonzerns. Absender war jeweils Elisabeth Gscheidle, deren Ehemann Kurt vor dem Regierungswechsel von 1982 Postminister in der SPD-geführten Bundesregierung war. Frau Gscheidle gewann bei einem Preisausschreiben immerhin eine Polaroid-Kamera, die Finder aber kamen zu ganz anderen Summen. 1983 brachte die Versteigerung der ersten Marke 46.000 Mark ein, die zweite kam im selben Jahr, weil offenbar besser erhalten, für 74.000 Mark unter den Hammer. Bald danach entdeckte ein Student eine weitere Marke, die damals schon unter dem Stichwort „Gscheidle-Irrtum“ lief, in einem ein Kilogramm schweren Briefmarkenpaket aus dem Kaufhaus.

          Der Irrtum kam offenbar daher, dass der Postminister drei Bögen mit je 50 Stück bekommen hatte und sie zu Hause in die Schublade legte. Als er schon nicht mehr Minister war, griff die Familie offenbar auf die Marken in der Schublade zu.

          Von 24 „Gscheidle-Marken“ weiß man heute. 20 sollen lose sein oder auf Briefstücken aufgeklebt sein, drei befinden sich auf unbeschädigten Briefen, eine auf einer Gewinnspiel-Karte. Versteigerungen ergaben zuletzt Summen von 76.000 Mark im Jahr 1998, von 85.000 Euro 2008, von 26.000 Euro 2010, von 52.000 Schweizer Franken 2004.

          Gscheidle beteuerte damals, er habe keine Marken mehr in seinem Besitz. Nach Angaben der Post gab er wegen des Irrtums 60-Pfennig-Marken im Nennwert der irrtümlich verwendeten an die Bundespost zurück. Schaden war dieser somit nicht entstanden. Und Ansprüche kann sie auch nicht erheben, denn sie stempelte und beförderte die Briefe und Karten, als ob sie ordentlich frankiert gewesen seien. Nur Strafporto hätte man erheben können, meinte jetzt ein Mitarbeiter des Archivs für Philatelie. Ob Gscheidles Sohn vielleicht nicht doch noch einige ungestempelte Marken besitzt, darüber gibt es in der Branche Spekulationen und Geraune. Diese seien Post-Eigentum, heißt es dort, und eigentlich nutzloses Papier. Anfangs bekam die Sporthilfe auch einen Teil des Erlöses ab, doch in der Schweiz will man davon jetzt nichts wissen.

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