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Terror : "Ich seh' dich, wenn du irgendwann nachkommst"

  • Aktualisiert am

Angehörige trauern um die Opfer des Terroranschlags Bild: AP Photo/Richard Drew

Die Angehörigen der Opfer des Terrorangriffs können den 11. September 2001 nicht vergessen. Immer wieder erinnern sie sich an die Abschiedsworte ihrer Liebsten.

          3 Min.

          Veronica Hynes hat sich mit dem Unabänderlichen abgefunden: Ihr Mann Walter kam als Feuerwehrmann bei den Terroranschlägen vom 11. September ums Leben. Nie mehr wird sie sein Gesicht sehen, seine Wange berühren oder seinen Geruch einatmen. Seine vertraute Stimme aber kann sie auf Knopfdruck noch hören.

          Ruhig und kräftig klang er, als er sie zum letzten Mal „Honey“ nannte. Und ihr sagte, dass er sie liebt - wissend, dass er von seinem Einsatz im World Trade Center vielleicht nicht zurückkommen würde. Honey, es sieht richtig schlimm aus“, sprach Walter Hynes nach dem Signalton auf den Anrufbeantworter, kurz bevor er mit seinen Kollegen zum Unglücksort aufbrach. Das zweite Flugzeug war gerade in den Südturm gerast. „Ich weiß nicht, ob wir lebend rauskommen. Ich möchte dir sagen, dass ich dich liebe, und ich liebe die Kinder.“

          Segen der modernen Technik

          Hunderte Male hat Veronica Hynes diesen letzten Anruf von ihm seither abgespielt. Sie hat ganze Cassetten davon für ihre Kinder aufgenommen. Sie hört das Band inzwischen nicht mehr ganz so oft wie anfangs, und sie kann es mittlerweile anhören, ohne zu weinen. „Das Band muntert mich auf“, sagt Veronica Hynes. „Er dachte an uns in jenen letzten Minuten. Das spendet mir Trost.“ Ein Segen moderner Technik: Anrufbeantworter und Mailbox trösten die Überlebenden.

          Todgeweihte Menschen in den brennenden Zwillingstürmen oder den entführten Flugzeugen griffen zum Telefon, um sich von ihren Liebsten zu verabschieden. Wer am anderen Ende der Leitung jemand erreichte, hatte die Gelegenheit zum persönlichen Abschied. Wer nur mit einer Maschine sprechen konnten, hinterließ ein herzzerreißendes Vermächtnis.

          Kontakt zu jemandem, der nicht mehr lebt

          Wissenschaftlern zufolge ist das Gehör nach dem Geruch derjenige der fünf Sinne, der die tiefsten Gefühle hervorruft. „Die Macht dieser Gefühle ist gewaltig“, sagt Radioproduzentin Nikki Silva vom Sonic Memorial Project, das Tondokumente des World Trade Centers sammelt. Das Projekt hat hunderte Aufnahmen zusammengetragen, vom Geräusch der Fahrstuhltüren bis zu Hochzeitsfeiern im Restaurant Windows on the World.

          „Fotos frieren einen Moment ein. Aber wenn man die Stimme eines Menschen hört, dann atmet er, er lebt“, sagt Silva. Die Psychologin C.C. Clauss-Ehlers berät Familien, die von den Anschlägen auseinander gerissen wurden. Es gehe nicht so sehr um die Stimme eines geliebten Menschen, sondern um die Umstände, unter denen sie aufgezeichnet wurde, sagt sie. „Es ist ein echter, direkter Kontakt mit jemandem, der nicht mehr lebt. Und er kommt aus einer Zeit, in der diese Person wusste, dass es mit ihr zu Ende geht.“

          Ein letzter Liebesschwur

          Melissa Hughes war im 101. Stockwerk eingeschlossen. „Sean, ich bin's“, sagte sie zu dem Anrufbeantworter, gegen Tränen ankämpfend. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe, und dass ich hier in diesem Gebäude in New York feststecke.“ Ihr Mann lag zu diesem Zeitpunkt in ihrer gemeinsamen Wohnung in San Francisco im Bett und schlief. Es war dort sechs Uhr morgens, und er hörte das Telefon nicht einmal klingen. „Ein Flugzeug hat das Gebäude getroffen, oder eine Bombe ist hochgegangen. Wir wissen es nicht, aber hier ist jede Menge Rauch. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich dich immer liebe. Bye.“ Das Paar war seit einem Jahr verheiratet.

          Larry Courtney war am Morgen des 11. September gerade in seinem Büro angekommen, als ein Kollege aufgeregt zu ihm eilte. Courtney hörte mit einem Ohr seine Mailbox ab, mit dem anderen verfolgte er den Bericht seines Kollegen und verstand nur die Worte Explosion, Feuer und World Trade Center. „Ich habe nichts begriffen, ich war gerade erst aus der U-Bahn ausgestiegen“, sagt Courtney. Auf seiner Mailbox war auch eine Nachricht von Eugene Clark, seit 14 Jahren sein Lebensgefährte. „Mach' dir keine Sorgen“, sagte Clark ruhig. „Das Flugzeug hat das andere Gebäude getroffen. Wir räumen unseres jetzt.“

          Und dann machte Courtney etwas, was er bis ans Ende seiner Tage bereuen wird: Er drückte die Taste Nummer 7 auf dem Telefon und löschte so Clarks Nachricht. „Schon nach zwei Sekunden habe ich das bereut. Ich habe es getan, ohne nachzudenken. Ich wusste nicht, wovon er überhaupt sprach. Er klang wie immer. Als ob er sagen würde 'bring auf dem Heimweg die Zeitung mit'.“ Courtney würde viel darum geben, dass er bereits bei der Arbeit gewesen wäre, als sein Freund anrief. Dass er ihn hätte auffordern können, sich rasch in Sicherheit zu bringen. Und dass er die Nachricht aufbewahrt hätte. „Ich habe in der ganzen Firma herumgefragt, ob man die Nachricht zurückholen kann.“ Es war nicht möglich.

          Die eigene Angst hintenangestellt

          Nikki Silva vom Geräusch-Projekt verspürt Hochachtung vor den Menschen, die im Angesicht des Todes die Kraft fanden, sich von ihren Liebsten zu verabschieden. „Sie haben ihre eigene Angst hintangestellt, ihren Angehörigen aufgetragen, auf sich aufzupassen und ihnen gesagt, dass sie sie lieben.“

          Eine dieser Botschaften hat Silva besonders bewegt. Ein Ehemann, der in einem der entführten Flugzeuge saß, rief zu Hause an und hinterließ eine Nachricht für seine Frau. „Er sagte, 'ich will, dass du glücklich bist und weitermachst'“, erinnert sich Silva. „Dann hat er sich ganz liebevoll verabschiedet: 'Ich seh' dich, wenn du irgendwann nachkommst."

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