https://www.faz.net/-gum-10q1m

Teppichdesign : Couture zum Drauftreten

Auf seinen eigenen Stücken fühlt er sich wohl: Teppichdesigner Jan Kath Bild:

Vom Textilhandel hatte er „die Schnauze voll“: Jan Kath wurde nur durch Zufall zum erfolgreichen Teppichdesigner. Er entwirft Stücke jenseits des Mainstream. Handgemachte Teppiche, die eigentlich zu schade für den Boden sind.

          Die Baumstämme, achtlos auf rohem Estrich gestapelt, hat Jan Kath sehnsüchtig erwartet. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir mal schnell hineinsehen?“, fragt er.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Darunter sind Teppiche meiner neuen Kollektion.“ Schnell entpuppt sich die braune Rinde als grobes Sackleinen, das mit einigen großzügigen Stichen weißen Garns zusammengenäht wurde. Auf dem Stoff ist die Herkunft vermerkt: Katmandu. Mit Schere und Messer werden die klobigen Rollen zunächst gehäutet, wird das Innere nach außen geholt, dann im Showroom ausgebreitet und fachmännisch von allen Seiten begutachtet.

          „Das ist ,Bud‘“, sagt Jan Kath und geht in die Knie. Vor ihm liegt ein exakt fünf mal acht Meter großes Blütenmeer aus tibetischer Hochlandwolle und chinesischer Seide. „Bud“, in einem hellen Sandton gehalten, ist Teil seiner „Classic“-Kollektion. Die vierzig Quadratmeter edelster Knüpfarbeit sind natürlich nicht für ein gewöhnliches deutsches Wohnzimmer bestimmt. Die maßgefertigte Auslegeware wird wohl einen Palast in Saudi-Arabien bereichern. Genauer mag sich Jan Kath dazu nicht äußern, Auskünfte über Kunden gibt er grundsätzlich nicht. „Diskretion“, sagt er, „ist oberstes Gebot.“

          Eigentlich ist Kath kein gelernter Designer. Aber, er werde schon kopiert, sagt er nicht ohne Stolz

          Das wird „Furore machen“

          Aus dem nächsten Baumstamm schält der 36 Jahre alte Teppichdesigner ein Stück Wüstenlandschaft. Man meint, die flimmernde Hitze unter den Füßen zu spüren, so naturgetreu wirken die 25 Quadratmeter „Gobi“ (was ein Scheich, der sowieso die größten Sandwüsten der Welt vor der Haustür hat, mit einem Stück mongolischer Steppenwüste in seinen Gemächern will, sei dahingestellt). Zum Schluss wird „Verona Air“ ausgepackt, ein ganz neuer Entwurf von Jan Kath, den er geknüpft selbst noch nie gesehen hat.

          „Verona“ ist eine ältere Arbeit, in dieser Version nähert sich der Betrachter dem einer alten veronesischen Seidentapete nachempfundenen floralen Muster wie aus sehr großer Höhe. Der Blick fällt – scheinbar – auf eine dichte Wolkendecke, die nur an einigen Stellen aufreißt und das Dekor darunter freilegt. Kaths Idee war es, eine „Satellitenaufnahme“ nachzuempfinden, eine Art Google-Earth-Teppich. „Ich bin mir sicher“, sagt Kath, „das ,Verona Air‘ im nächsten Jahr Furore machen wird.“

          Fehler mit System

          Bewusst hat er die Reihen der sich ursprünglich perfekt wiederholenden Rapporte, wie sie ein norditalienischer Meister vorgegeben hat, zerstört. Auslöschen, ausradieren, tilgen: Schon länger experimentiert er mit Entwürfen für Teppiche, die fehlerhaft wirken sollen, die von Säure oder Motten angefressen zu sein scheinen.

          Zum Beispiel „Vintage Roma“: In das herrliche, in Blau und Schwarz gehaltene Seidentapetenmuster hat er regelrecht Löcher einarbeiten lassen, die Teppichränder sehen aus wie von Mäusen angenagt. Die Kollektion heißt „Boro – erase the classics“, er nennt sie „ein wenig morbide“.

          Handgeknüpftes braucht Geduld

          Kaths Teppiche sind in einer kaum sonst noch zu findenden Perfektion in Nepal handgeknüpft worden. Er verwendet ausschließlich handversponnene und handkardierte (gekämmte) tibetische Hochlandwolle sowie feinste Seide aus China, hinzukommt von Hand aufgearbeitete Brennnesselfaser. Zwischen sechzig und 500 Knoten pro Quadratinch (2,54 mal 2,54 Zentimeter) sind möglich, doch nicht nur die Knüpfeinstellung ist variabel: Größe, Farbe (an die 1200 verschiedene) und Design lassen sich jeweils modifizieren.

          Ob die Böden einer Yacht, einer Fünf-Sterne-Hotelsuite oder gleich Dutzende Flagshipstores eines bedeutenden Pariser Modehauses – wer sich einige Monate geduldet, bekommt das Gewünschte maßangefertigt geliefert.

          Keine Kinderarbeit, gute Arbeitsbedingungen

          Dafür arbeiten inzwischen 1200 Tibeter und Nepalesen für Jan Kath in Katmandu, und das in drei Schichten 24 Stunden lang an jedem Tag. Das Wachstum seines Unternehmes liegt bei 25 bis 30 Prozent im Jahr. Er nennt es „noch natürlich“, mehr sei aber nicht zu verkraften.

          Umgerechnet produziert er derzeit 15 000 Quadratmeter Teppiche jährlich – und das streng kontrolliert. Seine Ware trägt das Fairtrade-Label „STEP“, das heißt unter anderem, die Arbeitsbedingungen und Löhne sind gerecht, es gibt keine missbräuchliche Kinderarbeit, und das Herstellungsverfahren ist umweltverträglich.

          Weitere Themen

          Indien fliegt zum Mond Video-Seite öffnen

          „Chandrayaan-2“ : Indien fliegt zum Mond

          Indiens Rakete mit der Sonde Chandrayaan-2 ist erfolgreich gestartet. Vor einer Woche war die Mission knapp eine Stunde vor dem Start noch wegen eines technischen Problems abgebrochen worden.

          Topmeldungen

          Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
          Lässt ein verheerendes Echo nicht lange verhallen: Markus Söder sucht die Abgrenzung der AfD.

          Vergleiche mit der NPD : Wie Söder sich von der AfD abgrenzt

          Vor knapp einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident erfolgreich seine Taktik im Umgang mit der AfD geändert – doch ganz genau nimmt er es mit seinen Aussagen nicht immer. Eine Analyse.
          Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

          Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

          Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.