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Tel Aviv : Der Kampf um die Weiße Stadt

Haus Levy in Tel Aviv: Das Bauhaus-Erbe der Stadt soll bewahrt werden Bild: ullstein

Deutschland und Israel wollen gemeinsam das Bauhaus-Erbe erhalten. Wie schwierig das sein kann, zeigt sich vor allem in der Bauhaus-Stadt Tel Aviv.

          4 Min.

          Von der Weißen Stadt ist wenig übriggeblieben. Die meisten Fassaden der Häuser im Zentrum Tel Avivs sind grau oder braun. Die feuchte Luft, die vom Mittelmeer in die Stadt weht, lässt den Putz abblättern. Die Bewohner haben Balkone und Terrassen mit hässlichen Plastikwänden zu Zimmern ausgebaut. An vielen Ecken muss man ein zweites Mal hinsehen, bis sich die Weiße Stadt zeigt, die vor zehn Jahren von der UN-Kulturorganisation Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde: In keiner Stadt der Welt stehen so viele Häuser im Bauhaus-Stil, den Architekten wie Walter Gropius, Erich Mendelsohn und Le Corbusier prägten; es sind viel mehr als in Weimar, wo das Bauhaus gegründet wurde, und in Dessau, wohin es später umzog. Die zwischen 1933 und 1948 errichteten etwa 4000 Gebäude sind von den Ideen geprägt, die gut 20 jüdische Architekten aus Deutschland ans Mittelmeer mitbrachten.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch Tel Aviv ist seit seiner Gründung im Jahr 1909 nie stehengeblieben. Die Stadt gleicht heute in vielen Vierteln einer Großbaustelle. Es fehlen Wohnungen, Investoren wollen bauen, die Miet- und Immobilienpreise steigen unaufhörlich. Im Sommer vor zwei Jahren errichteten wütende Israelis unter den Bäumen des Rothschild-Boulevards ihre Zelte und demonstrierten für bezahlbaren Wohnraum. Der Ort war gut gewählt, denn die Prachtstraße ist von luxussanierten Bauhaus-Gebäuden gesäumt, die sich nur wenige Israelis leisten können. Vom Rothschild-Boulevard aus sind es nur gut zehn Minuten zum Dizengoff-Platz. Dort streichen Maler die geschwungenen Balkone eines Hauses mit weißer Farbe. Auf den ersten Blick wirkt das Haus vorbildlich renoviert. In Wirklichkeit wurde es entkernt, und nur seine Fassade ist noch original. Wegen dieser eigenwilligen Auslegung von Denkmalschutz gab es schon Ärger mit der Unesco. Dahinter erhebt sich ein gerade fertiggestelltes Hochhaus. Es konnte nur errichtet werden, weil die Behörden es genehmigten, bevor die historischen Viertel der Stadt unter besonderen Schutz gestellt wurden.

          Auch die historischen Häuser brauchen Schutzräume

          “Wir haben in Israel keine gewachsene Kultur, historische Gebäude zu erhalten. Für Denkmalschutz gibt es kein staatliches Geld, nicht einmal steuerliche Vergünstigungen“, sagt Jeremie Hoffmann, der die Denkmalschutzabteilung der Stadt Tel Aviv leitet. Im Vergleich zum Tausende Jahre alten Jerusalem ist Tel Aviv mit seinen gut hundert Jahren eine sehr junge Stadt. Lange Zeit gab es in Israel nur das „Altertumsgesetz“, das Gebäude schützte, die vor dem Jahr 1700 errichtet worden waren. Im Tel Aviver Rathaus ist man schon froh darüber, dass im Haushalt umgerechnet 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stehen, um Eigentümer bei der Sanierung zu unterstützen. Aber bei allein 400 besonders schützenswerten Bauten reicht das bei weitem nicht aus. Das architektonische Erbe bedeute eine „riesige Herausforderung“, heißt es im Tel Aviver Rathaus, dessen Mitarbeiter zunehmend zwischen die kommunalpolitischen Fronten geraten.

          Behutsam renovieren: Bauhaus-Beispiel in Tel Aviv
          Behutsam renovieren: Bauhaus-Beispiel in Tel Aviv : Bild: Stadtverwaltung Tel Aviv

          In Tel Aviv versuchte man es bislang mit pragmatischen Lösungen: Wer das Originalgebäude renoviert, darf es um bis zu zweieinhalb Stockwerke ausbauen. Das macht Sanierungen auch ohne Steuergeld möglich und für Eigentümer wie Unternehmer sogar lukrativ. So wuchsen viele Altbauten in den vergangenen Jahren in die Höhe - die neuen Stockwerke leicht nach hinten versetzt, um den von Bäumen bestandenen Straßen und Plätzen nicht zu viel Licht zu nehmen. Vielleicht könne man nach 250 sanierten Häusern später etwas „strenger“ werden, sagt Konservator Jeremie Hoffmann. Er baut dabei auch auf die Bevölkerung: „Es gibt einen großen Wandel. Die Einwohner sind stolz auf ihr architektonisches Erbe und wollen es bewahren.“

          Doch das reicht nicht mehr aus: Im vergangenen Gaza-Konflikt schlugen in Tel Aviv Raketen ein. Auch die historischen Häuser brauchen Schutzräume; die meisten würden auch nicht dem nächsten großen Erdbeben standhalten, das man in Israel schon seit längerer Zeit erwartet. Wer die Fundamente verstärkt, darf sein Haus auch gleich ausbauen. „Wir müssen die Stadt erhalten. Gleichzeitig muss sie auch wachsen können“, beschreibt die in Deutschland geborene Architektin Sharon Golan das Dilemma der Stadtverwaltung, für die sie arbeitet. Nicht nur sie setzt dabei auf die Zusammenarbeit mit Deutschland. Sie organisierte gerade zusammen mit der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv eine internationale Konferenz. Möglichkeiten sollten ausgelotet werden, wie man die „weiße Stadt grün machen kann“.

          Eine deutsch-israelische Architekturgeschichte

          An Berührungspunkten mangelt es nicht: Israelische Bauleute verwenden bis heute deutsche Begriffe wie Wasch- und Kratzputz, die einst die Bauhaus-Architekten mitbrachten. Im deutschen Bundesbauministerium kann man sich vorstellen, dass es in absehbarer Zeit einen Lehrlingsaustausch und gemeinsame Fortbildungen gibt. „Wir wollen keine einseitige Entwicklungshilfe, sondern eine richtige Partnerschaft“, sagt Matthias Vollmer von Bundesbauministerium, der an der Konferenz in Tel Aviv teilnahm. Zwei Mitarbeiter in seinem Ressort arbeiten schon am Aufbau des „Netzwerks Weiße Stadt“, das - zusammen mit der Stadt Tel Aviv - zur Gründung eines gemeinsamen Zentrums in Tel Aviv führen soll. Nach dem Willen der Regierungen in Berlin und Jerusalem soll die gemeinsame architektonische Vergangenheit ein Baustein sein für die künftigen Beziehungen. Der Weißen Stadt komme eine „wichtige Rolle in der gemeinsamen deutsch-israelischen Geschichte zu“, heißt es in der Abschlusserklärung der bilateralen Regierungskonsultationen vom Dezember 2012 in Berlin: Das deutsche Bauministerium und die Stadtverwaltung Tel Aviv „werden bei der Erforschung, Dokumentation und Erhaltung von Bauhaus-Gebäuden in Tel Aviv zusammenarbeiten“.

          Die Bauhaus-Architekten aus dem kalten Deutschland machten aber in Israel nicht einfach weiter, wie sie es in Deutschland gelernt hatten. Die Neueinwanderer mussten sich ihrer neuen nahöstlichen Umgebung stellen - und erwiesen sich als kreativ. Sie versahen zum Beispiel die charakteristischen langen Balkone mit schmalen Schlitzen. Sie fangen die Meeresbrise ein und machen die schwülwarme Hitze erträglich. Über den Terrassen und Balkonen brachten die Architekten Brüstungen und Lamellen an, die Schatten spendeten. Als Schutz vor der sengenden Sonne ersetzten sie die typischen großflächigen Fensterfronten durch kleinere Fenster oder Bullaugen, die zugleich eine Anspielung auf die Schiffe auf dem nahen Mittelmeer waren.

          In Tel Aviv, wo man statt vom Bauhaus auch vom „Internationalen Stil“ spricht, versteckt sich sogar hinter unscheinbaren Details eine deutsch-israelische Architekturgeschichte. Am Eingang eines Wohnhauses in der Yael-Straße fallen die eigenwillig geformten, dunkelbraunen Kacheln auf. Sie wurden in den dreißiger Jahren aus Deutschland importiert, weil man sie in Palästina noch nicht herstellen konnte. Jüdische Einwanderer brachten damals nicht nur Baumaterial, sondern auch Maschinen und Möbel mit. Deutsche Juden durften nicht einfach ihr Vermögen in ihre neue Heimat überweisen, sondern mussten gemäß dem Haavara-Abkommen von ihrem Geld in Deutschland hergestellte Güter kaufen, die zum Teil noch bis heute ihren Zweck erfüllen.

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