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Tel Aviv : Der Kampf um die Weiße Stadt

Haus Levy in Tel Aviv: Das Bauhaus-Erbe der Stadt soll bewahrt werden Bild: ullstein

Deutschland und Israel wollen gemeinsam das Bauhaus-Erbe erhalten. Wie schwierig das sein kann, zeigt sich vor allem in der Bauhaus-Stadt Tel Aviv.

          Von der Weißen Stadt ist wenig übriggeblieben. Die meisten Fassaden der Häuser im Zentrum Tel Avivs sind grau oder braun. Die feuchte Luft, die vom Mittelmeer in die Stadt weht, lässt den Putz abblättern. Die Bewohner haben Balkone und Terrassen mit hässlichen Plastikwänden zu Zimmern ausgebaut. An vielen Ecken muss man ein zweites Mal hinsehen, bis sich die Weiße Stadt zeigt, die vor zehn Jahren von der UN-Kulturorganisation Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde: In keiner Stadt der Welt stehen so viele Häuser im Bauhaus-Stil, den Architekten wie Walter Gropius, Erich Mendelsohn und Le Corbusier prägten; es sind viel mehr als in Weimar, wo das Bauhaus gegründet wurde, und in Dessau, wohin es später umzog. Die zwischen 1933 und 1948 errichteten etwa 4000 Gebäude sind von den Ideen geprägt, die gut 20 jüdische Architekten aus Deutschland ans Mittelmeer mitbrachten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch Tel Aviv ist seit seiner Gründung im Jahr 1909 nie stehengeblieben. Die Stadt gleicht heute in vielen Vierteln einer Großbaustelle. Es fehlen Wohnungen, Investoren wollen bauen, die Miet- und Immobilienpreise steigen unaufhörlich. Im Sommer vor zwei Jahren errichteten wütende Israelis unter den Bäumen des Rothschild-Boulevards ihre Zelte und demonstrierten für bezahlbaren Wohnraum. Der Ort war gut gewählt, denn die Prachtstraße ist von luxussanierten Bauhaus-Gebäuden gesäumt, die sich nur wenige Israelis leisten können. Vom Rothschild-Boulevard aus sind es nur gut zehn Minuten zum Dizengoff-Platz. Dort streichen Maler die geschwungenen Balkone eines Hauses mit weißer Farbe. Auf den ersten Blick wirkt das Haus vorbildlich renoviert. In Wirklichkeit wurde es entkernt, und nur seine Fassade ist noch original. Wegen dieser eigenwilligen Auslegung von Denkmalschutz gab es schon Ärger mit der Unesco. Dahinter erhebt sich ein gerade fertiggestelltes Hochhaus. Es konnte nur errichtet werden, weil die Behörden es genehmigten, bevor die historischen Viertel der Stadt unter besonderen Schutz gestellt wurden.

          Auch die historischen Häuser brauchen Schutzräume

          “Wir haben in Israel keine gewachsene Kultur, historische Gebäude zu erhalten. Für Denkmalschutz gibt es kein staatliches Geld, nicht einmal steuerliche Vergünstigungen“, sagt Jeremie Hoffmann, der die Denkmalschutzabteilung der Stadt Tel Aviv leitet. Im Vergleich zum Tausende Jahre alten Jerusalem ist Tel Aviv mit seinen gut hundert Jahren eine sehr junge Stadt. Lange Zeit gab es in Israel nur das „Altertumsgesetz“, das Gebäude schützte, die vor dem Jahr 1700 errichtet worden waren. Im Tel Aviver Rathaus ist man schon froh darüber, dass im Haushalt umgerechnet 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stehen, um Eigentümer bei der Sanierung zu unterstützen. Aber bei allein 400 besonders schützenswerten Bauten reicht das bei weitem nicht aus. Das architektonische Erbe bedeute eine „riesige Herausforderung“, heißt es im Tel Aviver Rathaus, dessen Mitarbeiter zunehmend zwischen die kommunalpolitischen Fronten geraten.

          Behutsam renovieren: Bauhaus-Beispiel in Tel Aviv

          In Tel Aviv versuchte man es bislang mit pragmatischen Lösungen: Wer das Originalgebäude renoviert, darf es um bis zu zweieinhalb Stockwerke ausbauen. Das macht Sanierungen auch ohne Steuergeld möglich und für Eigentümer wie Unternehmer sogar lukrativ. So wuchsen viele Altbauten in den vergangenen Jahren in die Höhe - die neuen Stockwerke leicht nach hinten versetzt, um den von Bäumen bestandenen Straßen und Plätzen nicht zu viel Licht zu nehmen. Vielleicht könne man nach 250 sanierten Häusern später etwas „strenger“ werden, sagt Konservator Jeremie Hoffmann. Er baut dabei auch auf die Bevölkerung: „Es gibt einen großen Wandel. Die Einwohner sind stolz auf ihr architektonisches Erbe und wollen es bewahren.“

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