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Tauschbörse : Wie du mir, so ich dir

Kaufst du noch, oder tauschst du schon: Was für die einen überflüssig ist, ist für andere ein Schatz Bild: Julia Zimmermann

Vintage-Shopping? Ebay? Das war gestern. Anstatt Gebrauchtes zu kaufen, kann man es neuerdings in der Givebox tauschen.

          An einem warmen Sonntagnachmittag Ende September parken zwei Mädchen im Teenager-Alter ihre Fahrräder vor einer großen Holzkiste in Berlin-Mitte. Sie sieht aus wie eine Kreuzung aus geräumiger Telefonzelle ohne Tür und begehbarem Kleiderschrank, und sie ist die erste Givebox der Stadt - und wohl auch der Welt. 2,10 Meter hoch, 1,40 Meter breit und 1,10 Meter tief, darin wühlen die Mädchen jetzt zwischen Taschen und Broschen, begutachten Blusen und T-Shirts und geraten beim Anblick der Schuhe in Verzückung. "Geil" ist ihr Lieblingswort. "Geil, schau mal die. Und die da." Die eine probiert ein Paar schwarze Schnürschuhe mit Plateausohle an. "Oh, geil." Die Aufmerksamkeit der anderen ist schon bei einem Paar fliederfarbener, zerschlissener Schläppchen. Aber die bleiben für heute stehen. "Geil", sagt die eine noch einmal, bevor sie ein paar Minuten später mit ihrer Freundin und den schwarzen Schuhen im Schlepptau wegradelt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Früher war Geiz geil. Heute ist es die Großzügigkeit. Schließlich haben die Mädchen weder nach einem Preisschild geschaut noch ihr Portemonnaie gezückt. Die Schuhe sind, wie der restliche Inhalt der Givebox, geschenkt. Jeder kann dort Ausrangiertes abstellen: Kleidung, Bücher, CDs, DVDs, Spielzeug, Geschirr, eben all das, was man einmal unbedingt brauchte und nun wieder loswerden will, nicht etwa, weil es defekt ist, sondern weil es überflüssig geworden ist. Hier in der Schenkbox kann man sich frei bedienen.

          Die Alternative zur Altkleidersammlung

          Und das in Berlin-Mitte? Der schon völlig gentrifizierte Stadtteil? Dort, wo immer mehr kleine Ideen von großen Ketten verdrängt werden, die zwangsläufig die Mieten in die Höhe treiben? Ausgerechnet hier ist die Idee zur Givebox entstanden. Sie mutet an wie ein Kaufmannsladen, in dem man früher seinen Geschäftssinn übte. Heute trainiert man darin seinen Gemeinschaftssinn.

          Aber die Holzkiste ist nicht nur eine Plattform der Philanthropie und ein Gegenprogramm zu den großen Namen, sie ist auch eine Alternative zur Altkleidersammlung, zum Flohmarkt, zu Ebay-Kleinanzeigen, zum überteuerten Vintage-Shop und dem Secondhandladen von nebenan.

          Das Gästebuch mit Dankessagung liegt in der Give-box -  in der Kleider, Schuhe, Bücher und Gegenstände aller Art getauscht werden können

          Mittlerweile ist es schon Herbst geworden, ein Tag, an dem man Handschuhe tragen könnte, und die Givebox - steht immer noch da. Andreas Richter, 28 Jahre alt, der mit seiner Freundin das Konzept Ende August entwickelt hat, plante zunächst, unerkannt zu bleiben. Das ging nicht lange gut. Jetzt steht er vor der Givebox und wird von einer Kamera gefilmt. "Ich wollte meinen Krempel loswerden", antwortet er auf die Frage eines brasilianischen Fernsehteams nach der Idee hinter der Box.

          Aus der einen Givebox ist mittlerweile ein ganzes Netzwerk entstanden, um das sich nicht nur Richter und seine Freundin kümmern. Im Gegenteil, nachbarschaftliche Verantwortung ist Teil des Konzepts. Jeder kann seine eigene Givebox bauen und unterhalten, wie es in Hamburg, Düsseldorf und Wien geschehen ist. Im Gespräch sind Boxen in Frankfurt, München, Köln, Hannover, Münster und Bonn und sogar in São Paulo, Pennsylvania und Kanada. Innerhalb Deutschlands haben Richter besonders die Resonanzen in Düsseldorf überrascht. Wer konnte auch ahnen, dass die Einwohner ein Faible für Gebrauchttaschen hätten? Eine Düsseldorfer Initiatorin berichtet, dass sie anfangs Infozettel in der Kiste bereitlegte, um zu verdeutlichen, dass es nicht um moderne Kunst ginge, sondern darum sich gegenseitig zu helfen. Mittlerweile sei der Umschlag so hoch, dass Dinge morgens in der Box einträfen und oft schon am Nachmittag den Besitzer gewechselt hätten.

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