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Taiwaner in Frankfurt : Die Unsichtbaren

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam beten: Bei einer buddhistischen Andacht im Fo-Guang-Shan-Tempel an der Hanauer Landstraße suchen Deutsche, Taiwaner, Vietnamesen und vor allem Chinesen Nahrung für die Seele. Bild: Cornelia Sick

Rund 200 Taiwaner leben in Frankfurt. Ihre Heimat ist hierzulande offiziell nicht anerkannt. Doch trotz des politischen Drucks kommen die meisten gut mit ihren Landsleuten aus der Volksrepublik aus.

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          Ihr Auftreten wirft immer Fragen auf. Nennt man sie Taiwaner oder Taiwanesen? Heißt ihr Land Taiwan oder Republik China? Ist es ein eigener Staat oder eine Provinz Chinas? Oder heißt es nicht doch Formosa? Und hat Taiwan wirklich nichts mit Thailand zu tun?

          In Frankfurt leben rund 200 Taiwaner, wie sie in diesem Text heißen sollen. „Taiwaner“ deswegen, weil die Taipeh-Vertretung im Westend, wo der taiwanische Repräsentant die Aufgaben eines Konsuls wahrnimmt, so von ihren Landsleuten redet. Meist sind Frankfurts Taiwaner unsichtbar. Zum einen, weil sie nicht zahlreich sind. Und zum anderen, weil sie unter den Asiaten der Stadt nicht weiter auffallen. Sie sehen aus wie Chinesen, deren es in Frankfurt an die 3000 gibt, und sprechen Hochchinesisch, wenn auch mit einigen feinen Unterschieden. Dabei ist es China, mit dem Taiwan sein größtes politisches Problem hat.

          Die Tische, die Stühle, die Lampen: In Lin Som Zeis Restaurant ist alles rund. „Yuan“ heißt auf Deutsch „rund“, und „Yuanman“ bedeutet, dass etwas zu jemandes Zufriedenheit verläuft. „Ich wünsche mir, dass jeder Gast bei uns vollends zufrieden ist“, sagt Lin auf Mandarin. Der Achtundfünfzigjährige hat volle Wangen, trägt ein kurzärmliges blau-weiß kariertes Hemd und eine Brille mit schmalem Rahmen. „Stopp“, ruft er, nachdem er eine Gabel gegen die Haut einer Kanton-Ente gedrückt hat, um deren Zartheit zu prüfen: „Bring eine neue. Du weißt, was ich meine“, murmelt er einem Kellner zu.

          Lin Som Zei wird als Sohn chinesischer Eltern in Laos geboren. Da seine Eltern die Gegner Mao Tse-tungs, die Nationalpartei Kuomintang unter Tschiang Kai-schek, unterstützen, erhält er nach seiner Geburt nicht etwa einen laotischen oder volksrepublikanischen Pass, sondern den der Republik China, wie Taiwan politisch heißt. Nach einem Schulaufenthalt auf Taiwan kommt er 1979 mit seiner taiwanischen Frau Lin Nan Lee nach Deutschland. 1990 eröffnen die beiden ihr erstes gemeinsames Restaurant, seit 2008 führen sie das China-Restaurant „San San“ im Fünf-Sterne-Hotel „The Westin Grand“ an der Konrad-Adenauer Straße.

          Kulinarische Botschaft: Lin Nan Lee und Lin Som Zei betreiben das Restaurant „San San“.

          In der Schanghai-Suite des „San San“ lächeln chinesische Kinostars der dreißiger Jahre von Postern; im Separee streckt eine holzgeschnitzte Guanyin-Skulptur, der Bodhisattwa des Mitgefühls, ihre tausend Arme von sich. Fragt man Lin Som Zei nach den Spezialitäten des Hauses, empfiehlt er: die Kanton-Ente und „Sanbeiji“, geschmortes Huhn mit drei Tassen verschiedener Saucen.

          Laut den Frankfurter Gastronomie-Führern ist das „San San“ ein chinesisches Restaurant. Auch prangt auf dem Schild des „San San“ vor der Tür ein großes „Zhong“, das Schriftzeichen für „chinesisch“. Was nun macht den Unterschied aus zwischen taiwanischer und chinesischer Küche?

          „Taiwan ist ein kleines China“, sagt Lin Som Zei. Die Insel, die mit rund 36 000 Quadratkilometern nur so groß wie Baden-Württemberg ist, vereine wegen der zahlreichen Einwanderungswellen vom chinesischen Festland alle lokalen Küchen Chinas. „Das besondere in Taiwan aber ist der Anspruch ans Essen. Selbst in China bereitet man chinesische Speisen nicht so gut zu wie in Taiwan. Diesen Anspruch führe ich fort“, erklärt der Gastronom, der sein Handwerk in Taiwan lernte.

          Doch auch das „San San“ ist auf chinesische Gäste angewiesen, alleine mit Taiwanern bekäme es das Haus nicht voll. Die Kundschaft sei zu 80 Prozent chinesisch, sagt Lin Som Zei: „Die meisten arbeiten bei Banken und bringen oft deutsche Kunden zum Essen mit.“ Und: „Beim Essen gibt es keine politischen Auseinandersetzungen. Die meisten Chinesen freuen sich einfach nur, dass es hier authentische chinesische Gerichte gibt.“

          1912 ruft der chinesische Revolutionär Sun Yat-sen die Republik China aus und beendet damit das mehr als 2000 Jahre alte chinesische Kaiserreich. Doch schon bald bricht Bürgerkrieg aus - die 1921 gegründete Kommunistische Partei kämpft mit den Anhängern der Republik China, der Nationalpartei Kuomintang, um die Vorherrschaft. Als die Kommunisten die Oberhand gewinnen und Mao Tse-tung 1949 die Volksrepublik China proklamiert, flieht die Kuomintang unter ihrem Anführer Tschiang Kai-schek nach Taiwan, wo sie die Republik China fortführt. Bis heute bestehen de facto beide Staaten, sowohl die Republik China als auch die Volksrepublik China. Nur beansprucht die Volksrepublik China die Republik China, sprich Taiwan, als Teil ihres Territoriums. Und da die Volksrepublik mächtig ist und es sich kein Staat der Welt mit ihr verscherzen will, erkennt kein einflussreicher Staat die Republik China diplomatisch an, auch nicht die Bundesrepublik Deutschland. Dabei ist die Republik China auf Taiwan heute ein demokratischer Staat mit reichem kulturellen Erbe.

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