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Tag des Kusses : Die Kunst des Küssens

Wenn’s hilft: Der spanische Fußballnationalspieler Sergio Ramos (rechts) küsst seinen Mitspieler David Villa Bild: AP

Küssen verbindet, aber nicht alle sind so fleißig wie die Franzosen. Einige haben ganz andere Formen der Intimität. Selbst in die Welt des Sports hat die Zuneigungsbekundung ihren Weg gefunden. Eine Erklärung des Sozialkontakts auf Augenhöhe.

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          Einmal, zweimal, dreimal auf die Wange oder die Luft daneben: Vor allem zwischen Frauen ist dieses Begrüßungsritual beliebt, gern auch zwischen Mann und Frau. Nur Männer küssen sich untereinander selten. Das war schon einmal anders, denn der Begrüßungskuss ist alt. „In der Antike“, sagt die Münsteraner Volkskundlerin Christiane Cantauw, „war es allgemein üblich, dass Männer sich zur Begrüßung küssten.“

          Die Kuss-Sitten sind regional ebenso unterschiedlich wie veränderlich. Vor allem in Süddeutschland trifft man auf das Busserl, in Frankreich la bise, in Italien il bacio, in Spanien el beso. In Köln werden Bützchen verteilt, aber nur im Karneval. Weiter nördlich hält man sich dagegen zurück und meidet Wangen- oder Lippenkontakt. Wie kommt es zu dieser regionalen Ballung im frankophonen und mediterranen Raum? „Das liegt wohl daran, dass in Bezug auf dieses Kulturelement hier noch die antiken Traditionen fortleben“, vermutet Cantauw, die Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist. Aber überall, nämlich international, wird heute der Tag des Kusses gefeiert. Das Begrüßungsküsschen hat mit dem erotischen Kuss erst einmal wenig gemeinsam. „Bei Küssen unter Liebenden schwingt stets die Bedeutung des Kusses als Vorwegnahme des Geschlechtsaktes mit“, sagt Cantauw, denn damit sei auf jeden Fall ein Zungenkuss gemeint. Und bei dem stehe die Vorstellung dahinter, dass sich der Atem der Liebenden verbindet, denn darin sitzt nach alter Vorstellung die Seele. Durch den Atem und den Kuss verbinden sich zwei Seelen, aber natürlich nur, wenn man den Mund öffnet.

          Bleibt nur die Frage: erst rechts oder links?

          So weit geht das Begrüßungsküsschen nicht. Es gibt aber dennoch Parallelen: „Beide Kussformen beruhen auf der Gleichstellung der Küssenden. Denn bei beiden Kussformen begegnet man sich auf Augenhöhe - anderes als zum Beispiel beim Adorationskuss, wo der Saum des Kleides oder die Füße geküsst werden.“ Je weiter der Kuss vom Kopf entfernt ist, desto größer der soziale Unterschied der Küssenden.

          Durch den Kuss verbinden sich zwei Seelen, aber natürlich nur, wenn man den Mund öffnet: Die Wulffs beim Sommerfest des Bundespräsidenten
          Durch den Kuss verbinden sich zwei Seelen, aber natürlich nur, wenn man den Mund öffnet: Die Wulffs beim Sommerfest des Bundespräsidenten : Bild: dpa

          Manchmal sind Begrüßungskuss und erotischer Kuss nur schwer abzugrenzen. „Auch ein neutraler Kuss kann Erotik in sich bergen“, meint die Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld. „Es gibt keine objektiven Kriterien, nach denen neutrale oder erotische Küsse definiert werden können.“ Auch vermeintlich harmlose Begrüßungsküsse tun etwas kund, denn sie geben dem Gegenüber Gewissheit. Wenn ein Begrüßungskuss verweigert wird, ist auch das eine Aussage - keine freundliche allerdings. Manchmal sind es auch praktische Erwägungen: In der bretonischen Gemeinde Guilvinec wurde im vergangenen Herbst das Begrüßungsküsschen an Kindergärten und Grundschulen untersagt, um der Schweinegrippe Einhalt zu gebieten. Die französische Gesundheitsministerin ermahnte ihre Landsleute, Distanz zu wahren - eine zumindest für Franzosen eindeutige Aufforderung zum Kussverzicht. Der allerdings kaum jemand nachkam, zu tief ist la bise in den sozialen Umgangsformen verankert. Es gibt für Frankreich sogar eine Landkarte, auf der die nationale Kussgeographie verzeichnet ist: Auf Combiendebises kann der Reisende ablesen, wie oft in welchem Département geküsst wird. Bleibt nur die Frage: erst rechts oder links?

          „Nicht jede Kultur küsst“

          „Man nimmt beim Begrüßungskuss viel von einander wahr, den Geruch zum Beispiel“, sagt Ebberfeld. „Man merkt auch, wie man begrüßt wird, herzlich oder voller Abwehr. Und je enger die Verbindung, desto körperlicher wird sie. Man lässt ja nicht jeden in seinen Dunstkreis.“

          Manchmal ist der Dunstkreis auch tabu, etwa in Japan. Wer hier küsst, ist mit dem Geküssten mindestens verlobt, und öffentlich darf weder gebusselt noch geknutscht werden. „Nicht jede Kultur küsst“, sagt Ebberfeld. „Einige haben ganz andere Formen der Intimität. In Japan wahrt man eben Distanz, dort wäre ein Begrüßungskuss eine riesige Überschreitung. Und Chinesen waren in der Vergangenheit entsetzt, wie sich Europäer am Bahnhof begrüßen.“

          Sogar die kussfaulen Männer tauen partiell auf

          „Der Kuss berührt sehr viele verschiedene Bereiche des kulturellen Lebens“, sagt Cantauw. „Neben kulturell geprägten Vorstellungen von körperlicher Nähe sind das auch Vorstellungen von Hygiene, Beziehungspflege und Anstandsformen.“

          Doch auch die können sich ändern, und sogar die kussfaulen Männer tauen partiell auf. „Noch vor zwanzig Jahren“, hat Ebberfeld beobachtet, „wären sich Fußballer nach dem Tor nicht in die Arme gefallen, da hätten sie als homosexuell gegolten.“ Aber, so meint die Bremer Forscherin, es etabliere sich vieles. Sogar der Cappuccino in Norddeutschland.

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