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Generation Y : Das Jetzt ist eine Wartehalle

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Unter der Uni-Glocke: Nach dem Abschluss werden Studenten mit den Härten des Jetzt konfrontiert. Bild: Getty

Zuerst kam die Uni, dann die Promotion. Jetzt habe ich einen Lebenslauf wie zu viele andere – und Angst vor dem, was vor mir liegt. Ein Bericht aus dem Zentrum der Quarterlife-Crisis.

          7 Min.

          Letztens hab ich mich wahnsinnig erwachsen gefühlt. Und dann hab ich Princess Sparkle, mein rosa Plüsch-Einhorn, im Bett gesehen, und weg war das Gefühl wieder. Ich habe mal gelesen, die Adoleszenz würde sich immer weiter nach hinten hinausschieben, und wenn ich nur mich als Beispiel nehme, glaube ich, dass das stimmt. In meinem Alter waren meine Eltern schon sechs Jahre verheiratet, meine Oma hatte mit 26 drei Kinder. Ich fühle mich schon eingeengt, wenn ich mich für den Uni-Schwimmkurs fürs ganze Semester anmelden muss.

          Meine Mitbewohnerin, die so alt ist wie ich, beendete kürzlich ganz ernst einen Satz mit „Und dann saßen neben uns noch ein paar Erwachsene“. Ich glaube, das beschreibt ganz gut, wie es ist. Viele von uns, nicht alle, aber viele, würden sich niemals als erwachsen bezeichnen, auch wenn der zwanzigste Geburtstag schon eine ganze Ecke her ist. Ich bin beleidigt, wenn Teenager mich siezen. Ich bedanke mich, wenn ich an der Kasse wegen der Flasche Gin nach dem Ausweis gefragt werde. Ich verstecke mich immer noch zum Rauchen, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Ich nehm’s nicht mal persönlich, wenn mich auf Familiengeburtstagen keiner fragt, ob ich auch ein Glas Wein will.

          Doktorarbeit klingt intelligenter als es ist

          Ich weiß nicht, ob es die Quarterlife Crisis wirklich gibt, es kommt mir ein bisschen so konstruiert vor wie Burnout, wo ja auch jeder Angst hat, Erschöpfungsdepression zu sagen. Wikipedia hat einen Eintrag dazu, da steht über die Quarterlife Crisis, sie sei der „Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt nach dem Erwachsenwerden“. Vielleicht ist es tatsächlich normal, dass man einerseits genug hat vom Dahintreiben und gleichzeitig Angst, irgendwo ankommen zu müssen. Ich weiß nicht, wen ich heirate. Ich weiß auch nicht, was ich eigentlich genau arbeiten möchte. Ich kann mir für mich alles oder nichts vorstellen, und eigentlich will ich es auch gar nicht so genau wissen. Mal will ich einen Bauernhof, mal eine Wannseevilla. Meine Berufswünsche pendeln zwischen Nobelpreisträgerin und Hausfrau und erfassen jede Nuance dazwischen.

          Meine Eltern sind Ende der fünfziger Jahre geborene Babyboomer. Als mein Vater Techniker lernte und meine Mutter in der Grundschulpädagogik-Vorlesung strickte, waren sie sich sicher, dass das jetzt die Berufe sein würden, die sie bis zur Rente haben werden. Uns, den Ende der Achtziger Geborenen, wird gesagt, dass man flexibel sein muss, dass nichts für immer ist und die Rente sowieso nicht mehr existiert, bis wir dran sind. In uns paart sich Unverbindlichkeit mit Fatalismus und einem Schuss abenteuerlustigem Tanz-am-Abgrund-Gefühl. Heraus kommen dabei entweder BWL-Studenten mit 60-Stunden-Praktika oder solche wie ich.

          Seit 10.57 Uhr tue ich nichts. Davor habe ich einen mittelmäßigen Krimi fertiggelesen. Ich muss heute noch die Wäsche machen, und das ginge auch noch morgen. Ansonsten habe ich keine Pläne. Ich weiß, das klingt für viele nach dem Paradies, nichts tun müssen, wenige Termine, keine Regeln. Aber ich hab’ das seit eineinhalb Jahren und kann gar nicht so viel Kaffee trinken gehen und in der Stadtbücherei sein, um nicht langsam meine Haare essen zu wollen. So lange promoviere ich schon, sitze also an meiner Doktorarbeit. Das klingt nach viel Arbeit und viel Intelligenz, aber ehrlich, das ist es nicht. Es fühlt sich an, als würde ich einfach auf eine sehr lange Zeit verteilt einen sehr, sehr langen Aufsatz schreiben. Die meisten meiner Freunde, die mit mir zusammen studiert haben, sind weg, weil sie nicht promovieren wollten, sondern arbeiten. Die Freunde, die noch hier sind, studieren noch und haben den ganzen Tag Vorlesungen und Seminare und bereiten Referate vor. Nur ich bin einfach so da.

          Was danach kommt, weiß keiner

          Das Jetzt ist eine große, langweilige Wartehalle. Aber vor dem Danach habe ich auch Angst, weil das Danach bedeutet, in die wirkliche Welt zu müssen. Die Uni ist ja nicht die wirkliche Welt. Die Uni ist eine Käseglocke mit Semesterticket und Studentenversicherungen, WG, Mensaspargel für zwei Euro, und für alles gibt es eine Beratungsstelle. Wir haben viel Zeit, ohne dass uns jemand sagt, wir hingen nur rum, denn wir studieren ja, wir machen etwas Wichtiges und Respektables und arbeiten mit unserem Kopf. Wenn man ins Ausland will, kann man einfach mal ein Semester in Barcelona wohnen, die Uni kümmert sich darum. Wenn ein Schein nicht klappt, macht man ihn halt nächstes Semester noch mal.

          Ich sehe seit einiger Zeit, was das wirkliche Leben ist, zumindest bilde ich mir das ein, wenn ich sehe, wie meine Freunde außerhalb der Käseglocke leben. Die haben Kredite und Schulden und Häuser und Kinder und Jobs, die ihnen zwar wirkliches Geld bringen, aber kaum Zeit, es auszugeben. Ich bin mit immer mehr Leuten befreundet, die eine Steuererklärung machen. Das ist für mich das ultimative Zeichen, erwachsen zu sein.

          Letztens habe ich gelesen, dass in Deutschland jeder vierte Student noch daheim wohnt. „Daheim“ ist generell ein zwiespältiges Wort im Studentendasein. Hände hoch, wer auch mit 25 noch sagt „Ich fahr am Wochenende heim“ anstatt „Ich fahr zu meinen Eltern“. In diesem kleinen Wort steckt die ganze zerrissene Kinderseele des Studenten. Das Studium, das ist einem klar, ist eine Übergangszeit. Man ist hier drei Jahre (Bachelor), vier Jahre (langsamer Bachelor) oder fünf Jahre (Master), und was dann kommt, weiß keiner.

          Promotion oder Regale einsortieren

          Es gibt Dinge, die stellt man sich im Vorhinein spektakulärer vor, als sie dann tatsächlich sind. Der erste Schultag, der erste Sex, das Abi – und Doktorand werden. Ich stellte es mir jedenfalls wahnsinnig hürdenreich und aufregend vor, eine Promotion anzufangen, so surreal und abgehoben, weil, Doktorarbeiten schreiben ja irgendwie immer nur die anderen. Es ist auch nicht so, als hätte ich das schon immer unbedingt vorgehabt, aber in Kunstgeschichte ist es wie in Bio oder Chemie: Entweder du promovierst, oder du sortierst im Rewe die Regale ein.

          Inzwischen klinge ich oft wie jemand, der mit dem realen Leben kaum etwas zu tun hat, das weiß ich auch. Aber meine Dissertation neigt sich dem Ende zu, ich muss also raus und vielleicht auch selber Geld verdienen. Mitte zwanzig endet das Kindergeld, die Versicherung klopft an und will mehr, insgesamt sind sich alle einig, dass man in dem Alter auf jeden Fall seine eigene Wohnung hat und sich die Versicherungssteigerung und das wegfallende Kindergeld gut leisten kann, weil man ja schon arbeitet und kreischend der langweiligen Freunde-Kochgruppe die Tropenholzpfeffermühle für achtzig Euro vorführt.

          Darum bewerbe ich mich momentan. Beim Bewerbungsfotografen war ich natürlich auch, in seinem semiprivaten Fotostudio drei Altbauwohnungen weiter. Erst wollte ich keinen Blazer dafür anziehen, weil ich nicht BWL studiert habe, genauso wie ich eine von diesen Ich-arbeite-bei-der-Bank-Blusen abgelehnt habe. Der Fotograf hat mich trotzdem zum Blazer überredet und auch dazu, meine Haare zumindest ein bisschen mit Klammern aus dem Gesicht zu stecken. Es wurde also doch nicht das wild-unkonventionelle Bild mit aufregender Lockenmähne, das ich mir vorgestellt hatte. Jetzt sehe ich aus wie jeder andere, der sich ein bisschen anbiedert, weil er kurz vor knapp auch auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist.

          Das Drei-Phasen-Bewerbungsmodell

          Lebensläufe sind etwas, das bei jedem anders aussehen sollte, weil kein Leben gleich ist. Aber wenn man die Lebensläufe von mir und meinen Freunden und auch denen, die garantiert nicht meine Freunde sind, nebeneinanderlegt, dann sind sie wie Hanni und Nanni: Schule, Abi, Work and Travel in Australien, Abstecher Neuseeland, irgendwas studiert zwischen Geschichte auf Lehramt und BWL mit Nebenfach Politik, Praktika, Sprachscheine, Erasmus-Semester in Barcelona oder Stockholm, Bachelor, Auslandspraktika, Master mit International drin.

          Ich habe ein spezielles System für meine Jobsuche erfunden. Runde eins der Bewerbungen war die Phantasie-Runde. Ich habe mich auf völlig hochrangige und extrem unwahrscheinlich zu ergatternde Jobs beworben. Zum Beispiel bei der „Vogue“, bei Jung von Matt, beim SWR. Die nächste Runde waren dann die vernünftigen Bewerbungen. Die auf ganz passable Stellen in meinem Bereich, für die ich tatsächlich ausgebildet bin. Ich bewarb mich bei der Staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung, beim Denkmalpflegeamt, beim Landesmuseum und kassierte eine Absage nach der anderen.

          Momentan bin ich in Phase drei, das ist die deprimierendste Runde. Ich bewerbe mich inzwischen auf Teilzeitsekretärinnenstellen, auf befristete Projektstellen als Studienberaterin diverser Hochschulen und sogar auf eine Halbtagesstelle in einem Pflanzencenter. Bisher kamen, da bin ich ja jetzt trainiert, nur Absagen. Eine Freundin von mir bekam letztens sogar eine von Aldi als Kassenmitarbeiterin. Mit Einser-Geschichts-Master.

          Es sind einfach zu viele!

          Viele denken, man ist selber schuld daran, wenn man halt Kunstgeschichte studiert, aber seit ich einem Freund mit Einser-Master in BWL zugeguckt habe, wie er ein halbes Jahr nach der Uni immer noch keinen Job hatte, weiß ich, dass BWL auch nicht mehr der Heilige Gral der Goldene-Zukunft-Studiengänge ist. Wir sind einfach zu viele. In den letzten Semestern fingen jedes Mal zuverlässig etwa fünfhundert Erstsemester in Heidelberg mit Jura an. So viele Straftaten kann der arbeitslose Rest gar nicht begehen, um all diese Juristen zu brauchen.

          Unvermeidlicherweise kam ich dann irgendwann in eine sehr große Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krise. Diese Krise ist vor allem unter Geisteswissenschaftlern weit verbreitet, ausgelöst durch das gehäufte Hören der schlimmsten Frage, die man Studenten stellen kann: „Und was macht man dann damit?“ Wenn ich für jedes Mal, bei dem mir diese Frage gestellt wurde, einen Euro bekommen hätte, müsste ich sie heute nicht mehr beantworten. Am Anfang habe ich noch verschämt geguckt und dann eine sehr lange Antwort gegeben, die sämtliche typischen Arbeitsfelder von Kunsthistorikern und die schwierigen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt analysierte. Dann sagte ich nur noch, dass ich das selber noch nicht wisse. Einmal sagte ich auch „Nutte“, aber das war nach drei Gläsern Sekt und einem Wodkasorbet bei dreißig Grad auf dem Geburtstag meiner Oma, und ihre golfspielenden Freunde fanden das gar nicht mal so lustig. Inzwischen beantworte ich die Frage nicht mehr.

          Nach der Uni kommt der Bausparvertrag

          Die Uni ist ein bisschen wie der erste Tag am Gymnasium: Die Kleinen schauen die Großen an und denken, dass sie niemals so gebildet und erwachsen und abgeklärt sein könnten. Und die Großen schauen die Kleinen an, fragen sich, wo die letzten fünf, sechs, sieben Jahre geblieben sind, und kreischen dann auf Partys immer ein bisschen zu laut, um sich selbst zu versichern, dass es noch ein langer Weg bis zum Altsein ist. So ist es an der Uni auch, aber grausamer. Weil für die Abiturienten das Leben ja trotzdem irgendwie gerade erst anfängt, aufregend zu werden. Wenn man an der Uni beginnt, alt zu werden, weiß man: Jetzt kommen nur noch Bausparvertrag und Kindersitz.

          Wohin geht man denn dann? Wenn man wie ich keine Ahnung hat, weil man weder eine bevorstehende Hochzeit noch ein Wahnsinns-Jobangebot hat, dann ist das eine ziemlich schwierige Frage. Ich habe keine Ahnung. An manchen Tagen macht mir das große Angst. Dann bleibe ich im Bett, gucke „Friends“, und wenn das Telefon klingelt, geh ich nicht ran. Die letzte Woche war voller solcher Tage.

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