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Generation Y : Das Jetzt ist eine Wartehalle

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Das Drei-Phasen-Bewerbungsmodell

Lebensläufe sind etwas, das bei jedem anders aussehen sollte, weil kein Leben gleich ist. Aber wenn man die Lebensläufe von mir und meinen Freunden und auch denen, die garantiert nicht meine Freunde sind, nebeneinanderlegt, dann sind sie wie Hanni und Nanni: Schule, Abi, Work and Travel in Australien, Abstecher Neuseeland, irgendwas studiert zwischen Geschichte auf Lehramt und BWL mit Nebenfach Politik, Praktika, Sprachscheine, Erasmus-Semester in Barcelona oder Stockholm, Bachelor, Auslandspraktika, Master mit International drin.

Ich habe ein spezielles System für meine Jobsuche erfunden. Runde eins der Bewerbungen war die Phantasie-Runde. Ich habe mich auf völlig hochrangige und extrem unwahrscheinlich zu ergatternde Jobs beworben. Zum Beispiel bei der „Vogue“, bei Jung von Matt, beim SWR. Die nächste Runde waren dann die vernünftigen Bewerbungen. Die auf ganz passable Stellen in meinem Bereich, für die ich tatsächlich ausgebildet bin. Ich bewarb mich bei der Staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung, beim Denkmalpflegeamt, beim Landesmuseum und kassierte eine Absage nach der anderen.

Momentan bin ich in Phase drei, das ist die deprimierendste Runde. Ich bewerbe mich inzwischen auf Teilzeitsekretärinnenstellen, auf befristete Projektstellen als Studienberaterin diverser Hochschulen und sogar auf eine Halbtagesstelle in einem Pflanzencenter. Bisher kamen, da bin ich ja jetzt trainiert, nur Absagen. Eine Freundin von mir bekam letztens sogar eine von Aldi als Kassenmitarbeiterin. Mit Einser-Geschichts-Master.

Es sind einfach zu viele!

Viele denken, man ist selber schuld daran, wenn man halt Kunstgeschichte studiert, aber seit ich einem Freund mit Einser-Master in BWL zugeguckt habe, wie er ein halbes Jahr nach der Uni immer noch keinen Job hatte, weiß ich, dass BWL auch nicht mehr der Heilige Gral der Goldene-Zukunft-Studiengänge ist. Wir sind einfach zu viele. In den letzten Semestern fingen jedes Mal zuverlässig etwa fünfhundert Erstsemester in Heidelberg mit Jura an. So viele Straftaten kann der arbeitslose Rest gar nicht begehen, um all diese Juristen zu brauchen.

Unvermeidlicherweise kam ich dann irgendwann in eine sehr große Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krise. Diese Krise ist vor allem unter Geisteswissenschaftlern weit verbreitet, ausgelöst durch das gehäufte Hören der schlimmsten Frage, die man Studenten stellen kann: „Und was macht man dann damit?“ Wenn ich für jedes Mal, bei dem mir diese Frage gestellt wurde, einen Euro bekommen hätte, müsste ich sie heute nicht mehr beantworten. Am Anfang habe ich noch verschämt geguckt und dann eine sehr lange Antwort gegeben, die sämtliche typischen Arbeitsfelder von Kunsthistorikern und die schwierigen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt analysierte. Dann sagte ich nur noch, dass ich das selber noch nicht wisse. Einmal sagte ich auch „Nutte“, aber das war nach drei Gläsern Sekt und einem Wodkasorbet bei dreißig Grad auf dem Geburtstag meiner Oma, und ihre golfspielenden Freunde fanden das gar nicht mal so lustig. Inzwischen beantworte ich die Frage nicht mehr.

Nach der Uni kommt der Bausparvertrag

Die Uni ist ein bisschen wie der erste Tag am Gymnasium: Die Kleinen schauen die Großen an und denken, dass sie niemals so gebildet und erwachsen und abgeklärt sein könnten. Und die Großen schauen die Kleinen an, fragen sich, wo die letzten fünf, sechs, sieben Jahre geblieben sind, und kreischen dann auf Partys immer ein bisschen zu laut, um sich selbst zu versichern, dass es noch ein langer Weg bis zum Altsein ist. So ist es an der Uni auch, aber grausamer. Weil für die Abiturienten das Leben ja trotzdem irgendwie gerade erst anfängt, aufregend zu werden. Wenn man an der Uni beginnt, alt zu werden, weiß man: Jetzt kommen nur noch Bausparvertrag und Kindersitz.

Wohin geht man denn dann? Wenn man wie ich keine Ahnung hat, weil man weder eine bevorstehende Hochzeit noch ein Wahnsinns-Jobangebot hat, dann ist das eine ziemlich schwierige Frage. Ich habe keine Ahnung. An manchen Tagen macht mir das große Angst. Dann bleibe ich im Bett, gucke „Friends“, und wenn das Telefon klingelt, geh ich nicht ran. Die letzte Woche war voller solcher Tage.

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