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Generation Y : Das Jetzt ist eine Wartehalle

  • -Aktualisiert am

Was danach kommt, weiß keiner

Das Jetzt ist eine große, langweilige Wartehalle. Aber vor dem Danach habe ich auch Angst, weil das Danach bedeutet, in die wirkliche Welt zu müssen. Die Uni ist ja nicht die wirkliche Welt. Die Uni ist eine Käseglocke mit Semesterticket und Studentenversicherungen, WG, Mensaspargel für zwei Euro, und für alles gibt es eine Beratungsstelle. Wir haben viel Zeit, ohne dass uns jemand sagt, wir hingen nur rum, denn wir studieren ja, wir machen etwas Wichtiges und Respektables und arbeiten mit unserem Kopf. Wenn man ins Ausland will, kann man einfach mal ein Semester in Barcelona wohnen, die Uni kümmert sich darum. Wenn ein Schein nicht klappt, macht man ihn halt nächstes Semester noch mal.

Ich sehe seit einiger Zeit, was das wirkliche Leben ist, zumindest bilde ich mir das ein, wenn ich sehe, wie meine Freunde außerhalb der Käseglocke leben. Die haben Kredite und Schulden und Häuser und Kinder und Jobs, die ihnen zwar wirkliches Geld bringen, aber kaum Zeit, es auszugeben. Ich bin mit immer mehr Leuten befreundet, die eine Steuererklärung machen. Das ist für mich das ultimative Zeichen, erwachsen zu sein.

Letztens habe ich gelesen, dass in Deutschland jeder vierte Student noch daheim wohnt. „Daheim“ ist generell ein zwiespältiges Wort im Studentendasein. Hände hoch, wer auch mit 25 noch sagt „Ich fahr am Wochenende heim“ anstatt „Ich fahr zu meinen Eltern“. In diesem kleinen Wort steckt die ganze zerrissene Kinderseele des Studenten. Das Studium, das ist einem klar, ist eine Übergangszeit. Man ist hier drei Jahre (Bachelor), vier Jahre (langsamer Bachelor) oder fünf Jahre (Master), und was dann kommt, weiß keiner.

Promotion oder Regale einsortieren

Es gibt Dinge, die stellt man sich im Vorhinein spektakulärer vor, als sie dann tatsächlich sind. Der erste Schultag, der erste Sex, das Abi – und Doktorand werden. Ich stellte es mir jedenfalls wahnsinnig hürdenreich und aufregend vor, eine Promotion anzufangen, so surreal und abgehoben, weil, Doktorarbeiten schreiben ja irgendwie immer nur die anderen. Es ist auch nicht so, als hätte ich das schon immer unbedingt vorgehabt, aber in Kunstgeschichte ist es wie in Bio oder Chemie: Entweder du promovierst, oder du sortierst im Rewe die Regale ein.

Inzwischen klinge ich oft wie jemand, der mit dem realen Leben kaum etwas zu tun hat, das weiß ich auch. Aber meine Dissertation neigt sich dem Ende zu, ich muss also raus und vielleicht auch selber Geld verdienen. Mitte zwanzig endet das Kindergeld, die Versicherung klopft an und will mehr, insgesamt sind sich alle einig, dass man in dem Alter auf jeden Fall seine eigene Wohnung hat und sich die Versicherungssteigerung und das wegfallende Kindergeld gut leisten kann, weil man ja schon arbeitet und kreischend der langweiligen Freunde-Kochgruppe die Tropenholzpfeffermühle für achtzig Euro vorführt.

Darum bewerbe ich mich momentan. Beim Bewerbungsfotografen war ich natürlich auch, in seinem semiprivaten Fotostudio drei Altbauwohnungen weiter. Erst wollte ich keinen Blazer dafür anziehen, weil ich nicht BWL studiert habe, genauso wie ich eine von diesen Ich-arbeite-bei-der-Bank-Blusen abgelehnt habe. Der Fotograf hat mich trotzdem zum Blazer überredet und auch dazu, meine Haare zumindest ein bisschen mit Klammern aus dem Gesicht zu stecken. Es wurde also doch nicht das wild-unkonventionelle Bild mit aufregender Lockenmähne, das ich mir vorgestellt hatte. Jetzt sehe ich aus wie jeder andere, der sich ein bisschen anbiedert, weil er kurz vor knapp auch auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist.

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