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Flucht aus Syrien : Ich wollte nicht gehen

„Man kann nicht bereuen, wozu man gezwungen war“: Doaa Al Zamel vergangene Woche in Berlin. Bild: Andreas Pein

Ein Schicksal von vielen – aber was für eines: Die Syrerin Doaa Al Zamel floh mit ihrem Verlobten übers Mittelmeer aus den Wirren des Krieges. Dann wurde ihr Flüchtlingsboot versenkt.

          Fragen Sie sich, warum Sie schon wieder einen langen Text über ein Flüchtlingsschicksal lesen sollen? Haben Sie den Eindruck, dass Tragödien im Mittelmeer, die traumatischen Umstände von Flucht und der Krieg in Syrien seit Jahren zu Ihrer täglichen Lektüre gehören? Sind Sie ohnehin mit dem Thema übersättigt oder haben sich in improvisierten Deutschkursen oder beim Sortieren von Kleiderspenden aufgerieben?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt gute Gründe, sich trotzdem jetzt sechseinhalb Minuten Zeit für Doaa Al Zamel zu nehmen. Nicht nur, weil Sie damit rechnen müssen, dass demnächst die Filmrechte an dem Buch über die junge Frau verkauft werden, das soeben erschienen ist, weshalb diese Syrerin Ihnen früher oder später im Kino begegnen könnte.

          Zum einen ist die Geschichte dieser Frau anders. Sehr persönlich, sehr genau, sehr dramatisch. Und weil sie dort endet, wo unsere Begegnung mit Flüchtlingen normalerweise erst beginnt, nämlich mit der Ankunft in Europa, ist sie auf besondere Weise erkenntnisreich.

          Angst vor Flüchtlinge ist größer geworden

          Zum anderen kommt Doaa Al Zamel gewissermaßen zur rechten Zeit. Oder, wie es die Autorin Melissa Fleming am Dienstag bei einem Pressegespräch in Berlin ausdrückte: Gerade jetzt, da die Angst vor Flüchtlingen größer geworden sei als die Empathie für sie, sei Doaas Geschichte wichtig. Nun ist klar, dass das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, für das Fleming als Pressesprecherin arbeitet, ein genuines Interesse daran hat, die Weltöffentlichkeit für Menschen zu sensibilisieren, die gezwungenermaßen ihre Heimat verlassen. Angesichts von 65 Millionen Flüchtlingen auf der Erde ist das allerdings wahrlich kein Fehler.

          Trügerische Ruhe: Aleppo wenige Monate vor dem Bürgerkrieg

          Wie schmal sie ist! Doaa Al Zamel trägt ein Häkelkleid in einer Farbe, die an Wüstensand und Lehmhäuser erinnert. Der Pulli darunter sitzt so eng um die zierlichen Handgelenke, dass man sich gar nicht ausmalen mag, wie diese Frau ausgesehen haben mag, als sie zum zweiten Mal in einem ägyptischen Gefängnis gelandet war und ins Krankenhaus gebracht werden musste, weil sie nur 44 Kilo wog.

          „Sie war nicht naiv“

          Zweieinhalb Jahre später, an diesem sonnigen Dienstag in Berlin, wirkt ihr von einem goldschimmernden Tuch gerahmtes Gesicht fast rosig. Offenbar mag sie Gold, denkt man und erinnert sich an eine Szene aus dem Buch: Als Doaa sich im August 2014 gemeinsam mit ihrem Verlobten Bassem das erste Mal in die Hände von Schleppern begibt, um von der ägyptischen Küste nach Italien zu gelangen, weil sie tatsächlich noch glaubt, wie bei einer normalen Reise mehr als Pass, Geld, ein paar Datteln und Trinkwasser mitnehmen zu können, packt sie eine goldfarbene Bluse ein.

          Doaa Al Zamel lacht, ein kleines, perlendes Lachen, und sofort sieht sie wie ein junges Mädchen aus, fast unbeschwert. Ihre Lieblingsfarben seien Schwarz und Weiß, stellt sie richtig, und Pink, ihre Lippenstiftfarbe, möge sie auch. Seit die Einundzwanzigjährige mit ihrer Familie in Schweden lebt, die Sprache büffelt und ahnt, dass der Traum von einem Jurastudium unrealistisch sein könnte, liebäugelt sie mit Modedesign.

          Im Schoß einer liebevollen Großfamilie

          Als Doaas Geschichte beginnt, ist sie sechs. 2001, der syrische Bürgerkrieg ist noch zehn Jahre entfernt: Weil das Mädchen sich weigert, schwimmen zu lernen, wirft ihr Cousin es beim Baden in den See, und die völlig verstörte Doaa beschließt, sich niemals wieder auch nur in die Nähe von Wasser zu begeben. Von der ersten Seite an ist damit klar, was für eine Überwindung es diese Frau gekostet haben muss, sich für eine Flucht über das Meer zu entscheiden. „Sie war nicht naiv“, sagt Fleming.

          Heimat in Trümmern: Die syrischen Armee marschiert in die zerstörte Stadt Dara’a ein.

          Zunächst jedoch ist Kindheit. Einfache Verhältnisse, sehr liebevoll, Doaa wächst im Schoß der Großfamilie auf. „Ich war meine gesamte Kindheit glücklich“, sagt Doaa. Der Vater betreibt einen Friseurladen, die Mutter kümmert sich um die sechs Schwestern und das Nesthäkchen, den lang ersehnten Sohn. Nicht erst seit der Sache mit dem See ist klar, dass Doaa, die vierte Tochter, eine gehörige Portion Eigensinn besitzt. Sie lasse sich von niemandem sagen, was sie tun soll, sagt ihre Mutter schon damals nicht ohne Stolz. Während die älteren Schwestern heiraten, denkt Doaa über Berufswünsche nach. Noch in Ägypten, als Bassem ihr den Hof macht und die Familie längst für sich eingenommen hat, weist sie sein Werben zurück. „Ich freute mich für andere Mädchen, wenn sie heirateten, aber ich wusste von Anfang an, dass ich das nicht wollte. Das war nichts für mich“, sagt Doaa. So viel für alle, die eine Erinnerung brauchen, dass unter einem Kopftuch sehr wohl ein kluger Geist und eine starke Persönlichkeit stecken können.

          Rollende Panzer auf der Straße

          Falls Sie unterdessen in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs den Überblick verloren haben – hier sind die Anfänge: Doaa kommt aus Dara’a, einer Kleinstadt ganz im Süden des Landes. Hier wurden 2011 im Frühjahr 15 Jugendliche eingesperrt und gefoltert, weil sie regimekritische Parolen auf die Wände ihrer Schule gesprüht haben sollten. Doaa ist Augenzeugin der ersten Demonstrationen, die zunächst nur die Freilassung der Jugendlichen fordern. Und sie sieht die Gewalt, mit der Machthaber Baschar al Assad reagiert. Die Fünfzehnjährige schließt sich den Protesten an. Als ihr ein fliehender Aktivist ein Megafon zusteckt, versteckt sie es unter dem Ganzkörperschleier, den sie dem Vater zuliebe in diesen Tagen trägt. Schließlich wird sie selbst fast von der Polizei geschnappt. Erst als sich die Lage weiter zuspitzt, bleibt sie auf Wunsch der Eltern im Haus.

          Dann rollen Panzer durch die Straßen, Demonstranten gelten inzwischen als Terroristen. Eine Stadt im Ausnahmezustand: Tagelang können die Al Zamels nicht mehr vor die Tür, um Brot zu kaufen. Stattdessen durchsuchen Soldaten regelmäßig das Haus. Einmal versteckt die Familie trotzdem einen Kämpfer der frisch gegründeten Rebellentruppen. Der Alltag entwickelt sich zu einer riskanten Angelegenheit. Bei einem Raketenangriff wird der Friseurladen des Vaters zerstört. Frauen müssen fürchten, von der Straße weggeschleppt und misshandelt zu werden. Einmal kann Doaa nur um Haaresbreite einer Gruppe aggressiver Soldaten entwischen. „Die Gefahr kam von allen Seiten“, sagt Doaa. Selten wird die Vorgeschichte einer Flucht so plausibel und konkret.

          Flucht nach Ägypten

          Die Familie Al Zamel geht nach Ägypten. Vom Süden Syriens aus ist das nicht allzu weit, einmal über die Grenze nach Jordanien, dann mit der Fähre weiter. Im November 2012 werden Flüchtlinge aus Syrien noch mit großer Hilfsbereitschaft aufgenommen. Das ändert sich acht Monate später, als ein Militärputsch die Herrschaft der Muslimbrüder beendet. Nachdem Doaas Familie sich einigermaßen eingerichtet hat im Exil, wird das Leben nun schwieriger. Schmuddelige Wohnverhältnisse, harte Arbeit für Hungerlöhne. Die jüngeren Geschwister dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Fleming zufolge ist es ein Hauptgrund für den Aufbruch nach Europa, dass Flüchtlinge in arabischen Ländern keine Bildungschancen für ihre Kinder sehen. Doaa, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, leidet zunehmend an Erschöpfung und depressiven Verstimmungen. „Nachdem ich mein Land verlassen musste, fühlte es sich an, als hätte mich mein Geist verlassen“, sagt sie. „Mein Körper war kaputt.“

          Warten auf die tödliche Überfahrt nach Europa.

          Zum Glück gibt es inzwischen Bassem. Der junge Mann, der sich in Doaa verliebt hat, ist zehn Jahre älter als sie und ein Freund eines Cousins. Ein Kapitel dauert es in Flemings Buch, bis Doaa einer Verlobung zustimmt, die es möglich macht, dass das Paar Zeit zu zweit verbringt und sich Hand in Hand auf der Straße zeigt. Es muss eine schöne Beziehung gewesen sein. Auch zweieinhalb Jahre nach Bassems Tod im Mittelmeer glänzen die Augen der Syrerin, wenn sie von ihrem Verlobten redet. „Bassem ist die großartige Essenz von allem, was ein Mann sein soll“, sagt Doaa: ein warmer Mensch. Liebenswert. Hilfsbereit. „Er respektierte mich und er liebte mich. Er liebte sogar meinen Starrsinn.“

          Detaillierte Erinnerungen für internationales Publikum

          Fleming hat für ihr Buch detailliert Erinnerungen zusammengetragen, nicht nur von Doaa, und für ein internationales Massenpublikum aufbereitet: Die Biographie der jungen Frau, die auf Englisch bereits erschienen ist, soll unter anderem ins Arabische und Chinesische übersetzt werden. Da trifft es sich gut, dass diese mitunter kitschig geschilderte Liebesgeschichte genauso muslimisch keusch ist, wie sie westlichen Idealen einer selbstbestimmten Partnerwahl entspricht. Doaa ist eine Protagonistin, wie man sie besser nicht hätte casten können.

          Als der Druck in Ägypten wächst, als zu der allgemeinen Hoffnungslosigkeit Diskriminierung im Alltag und gezielte sexuelle Belästigungen treten, beginnt Bassem, die gefährliche Überfahrt über das Meer zu erwägen. Immer wieder erhält der junge Mann Nachrichten von syrischen Freunden aus Schweden oder den Niederlanden, die davon schwärmen, dass sich in Europa ein neues Leben aufbauen lasse. Die Facebook-Anzeigen der Schlepper nehmen sich wie Werbung von Touristikunternehmen aus. Schließlich willigt Doaa ein. Es ist, wie sie heute sagt, die Wahl zwischen einem schleichenden Tod in Ägypten und einem schnellen auf dem Meer mit einem Fitzelchen Hoffnung auf Zukunft: Wie hätte das Paar angesichts der Lebensbedingungen in Ägypten jemals eine Familie gründen sollen? „Ich wollte nicht gehen“, sagt Doaa. „Ich ging seinetwegen.“ Sie zögert. Als sie weiterspricht, ist ihre helle, sonst so feste Stimme leiser. „Aber leider bin ich jetzt hier. Und er ist es nicht.“

          Tragisches Ende im Mittelmeer

          Um die 2500 Dollar Anzahlung für die Schlepper zusammenzubekommen, wird der Familien- und Verlobungsschmuck verkauft, Verwandte sammeln Geld. Dann wird Doaas Geschichte zur true crime story. Dreimal bricht das Paar auf. Einmal wird es von den Menschenhändlern verraten. Einmal greift die Polizei es auf. Beide Versuche enden im Gefängnis. Beim dritten Mal rennt Doaa an Bassems Hand, ihre Panik vor dem Wasser überwindend, über den Strand ins Meer und klettert auf einen klapprigen Kahn. Am vierten Tag der Überfahrt wird das Schiff von einem anderen Boot absichtlich gerammt. Nie hat es eine offizielle Untersuchung des ungewöhnlichen Vorfalls gegeben, den elf von etwa 500 Flüchtlingen überlebten. Wahrscheinlich ist, dass die Angreifer mit den Schleppern unter einer Decke steckten. „Die Fische sollen euer Fleisch fressen!“, höhnen die Männer und drehen ab.

          Was folgt, bevor Doaa vier Tage später von dem Containerschiff eines deutschen Reeders gerettet wird, möchte man eigentlich lieber nicht lesen. Auf 28 Seiten wird wie in Großaufnahme herangezoomt, was man ausblendet, wenn in den Nachrichten wieder einmal von einem Bootsunglück im Mittelmeer die Rede ist. Körper, die in die Schiffsschraube geraten. Männer, die sich irgendwann die Rettungswesten ausziehen, um sich dem Meer zu überantworten. Leichen überall. Bevor Bassem stirbt, hat er seiner Nichtschwimmer-Freundin einen Kinderschwimmreifen besorgt. Auf dem treibt sie dahin, zwei Mädchen im Arm, acht Monate und zwei Jahre alt, die ertrinkende Verwandte ihr im Angesicht des eigenen Todes anvertraut haben. Die Zweijährige wird überleben. Sie wächst heute bei ihrem Onkel in Schweden auf.

          Und? Haben Sie nicht doch etwas mitgenommen aus dieser Lektüre? Doaa Al Zamels Geschichte hält keine Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart bereit. Die junge Syrerin selbst wird bis heute von den Bildern auf See verfolgt. „Das ist etwas, das ich allein tragen muss“, sagt sie. Und verweigert sich der Frage, ob das Wagnis Mittelmeer ein Fehler war. „Dieser Gedanke bricht mir das Herz“, sagt sie. Und: „Man kann nicht bereuen, wozu man gezwungen war.“ An der rechten Hand trägt sie zwei Ringe, die Bassem ihr geschenkt hat. Einen schmalen Reif aus Gold, einen breiteren aus Silber. Sie legt sie nie ab. An ihrer linken Hand schieben sich goldene Fühler mit funkelnden Kristallen zwischen den Fingern hindurch auf den Handrücken. Eine ungewöhnliche Konstruktion, orientalisches Bling-Bling, aber ziemlich raffiniert, sehr modebewusst und ganz bestimmt neu. Zukunft.

          Das Buch

          Melissa Fleming, „Doaa – Meine Hoffnung trug mich über das Meer“; Knaur Verlag, 296 Seiten, 19,99 Euro.

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