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Flucht aus Syrien : Ich wollte nicht gehen

Tragisches Ende im Mittelmeer

Um die 2500 Dollar Anzahlung für die Schlepper zusammenzubekommen, wird der Familien- und Verlobungsschmuck verkauft, Verwandte sammeln Geld. Dann wird Doaas Geschichte zur true crime story. Dreimal bricht das Paar auf. Einmal wird es von den Menschenhändlern verraten. Einmal greift die Polizei es auf. Beide Versuche enden im Gefängnis. Beim dritten Mal rennt Doaa an Bassems Hand, ihre Panik vor dem Wasser überwindend, über den Strand ins Meer und klettert auf einen klapprigen Kahn. Am vierten Tag der Überfahrt wird das Schiff von einem anderen Boot absichtlich gerammt. Nie hat es eine offizielle Untersuchung des ungewöhnlichen Vorfalls gegeben, den elf von etwa 500 Flüchtlingen überlebten. Wahrscheinlich ist, dass die Angreifer mit den Schleppern unter einer Decke steckten. „Die Fische sollen euer Fleisch fressen!“, höhnen die Männer und drehen ab.

Was folgt, bevor Doaa vier Tage später von dem Containerschiff eines deutschen Reeders gerettet wird, möchte man eigentlich lieber nicht lesen. Auf 28 Seiten wird wie in Großaufnahme herangezoomt, was man ausblendet, wenn in den Nachrichten wieder einmal von einem Bootsunglück im Mittelmeer die Rede ist. Körper, die in die Schiffsschraube geraten. Männer, die sich irgendwann die Rettungswesten ausziehen, um sich dem Meer zu überantworten. Leichen überall. Bevor Bassem stirbt, hat er seiner Nichtschwimmer-Freundin einen Kinderschwimmreifen besorgt. Auf dem treibt sie dahin, zwei Mädchen im Arm, acht Monate und zwei Jahre alt, die ertrinkende Verwandte ihr im Angesicht des eigenen Todes anvertraut haben. Die Zweijährige wird überleben. Sie wächst heute bei ihrem Onkel in Schweden auf.

Und? Haben Sie nicht doch etwas mitgenommen aus dieser Lektüre? Doaa Al Zamels Geschichte hält keine Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart bereit. Die junge Syrerin selbst wird bis heute von den Bildern auf See verfolgt. „Das ist etwas, das ich allein tragen muss“, sagt sie. Und verweigert sich der Frage, ob das Wagnis Mittelmeer ein Fehler war. „Dieser Gedanke bricht mir das Herz“, sagt sie. Und: „Man kann nicht bereuen, wozu man gezwungen war.“ An der rechten Hand trägt sie zwei Ringe, die Bassem ihr geschenkt hat. Einen schmalen Reif aus Gold, einen breiteren aus Silber. Sie legt sie nie ab. An ihrer linken Hand schieben sich goldene Fühler mit funkelnden Kristallen zwischen den Fingern hindurch auf den Handrücken. Eine ungewöhnliche Konstruktion, orientalisches Bling-Bling, aber ziemlich raffiniert, sehr modebewusst und ganz bestimmt neu. Zukunft.

Das Buch

Melissa Fleming, „Doaa – Meine Hoffnung trug mich über das Meer“; Knaur Verlag, 296 Seiten, 19,99 Euro.

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