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Flucht aus Syrien : Ich wollte nicht gehen

Flucht nach Ägypten

Die Familie Al Zamel geht nach Ägypten. Vom Süden Syriens aus ist das nicht allzu weit, einmal über die Grenze nach Jordanien, dann mit der Fähre weiter. Im November 2012 werden Flüchtlinge aus Syrien noch mit großer Hilfsbereitschaft aufgenommen. Das ändert sich acht Monate später, als ein Militärputsch die Herrschaft der Muslimbrüder beendet. Nachdem Doaas Familie sich einigermaßen eingerichtet hat im Exil, wird das Leben nun schwieriger. Schmuddelige Wohnverhältnisse, harte Arbeit für Hungerlöhne. Die jüngeren Geschwister dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Fleming zufolge ist es ein Hauptgrund für den Aufbruch nach Europa, dass Flüchtlinge in arabischen Ländern keine Bildungschancen für ihre Kinder sehen. Doaa, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, leidet zunehmend an Erschöpfung und depressiven Verstimmungen. „Nachdem ich mein Land verlassen musste, fühlte es sich an, als hätte mich mein Geist verlassen“, sagt sie. „Mein Körper war kaputt.“

Warten auf die tödliche Überfahrt nach Europa.

Zum Glück gibt es inzwischen Bassem. Der junge Mann, der sich in Doaa verliebt hat, ist zehn Jahre älter als sie und ein Freund eines Cousins. Ein Kapitel dauert es in Flemings Buch, bis Doaa einer Verlobung zustimmt, die es möglich macht, dass das Paar Zeit zu zweit verbringt und sich Hand in Hand auf der Straße zeigt. Es muss eine schöne Beziehung gewesen sein. Auch zweieinhalb Jahre nach Bassems Tod im Mittelmeer glänzen die Augen der Syrerin, wenn sie von ihrem Verlobten redet. „Bassem ist die großartige Essenz von allem, was ein Mann sein soll“, sagt Doaa: ein warmer Mensch. Liebenswert. Hilfsbereit. „Er respektierte mich und er liebte mich. Er liebte sogar meinen Starrsinn.“

Detaillierte Erinnerungen für internationales Publikum

Fleming hat für ihr Buch detailliert Erinnerungen zusammengetragen, nicht nur von Doaa, und für ein internationales Massenpublikum aufbereitet: Die Biographie der jungen Frau, die auf Englisch bereits erschienen ist, soll unter anderem ins Arabische und Chinesische übersetzt werden. Da trifft es sich gut, dass diese mitunter kitschig geschilderte Liebesgeschichte genauso muslimisch keusch ist, wie sie westlichen Idealen einer selbstbestimmten Partnerwahl entspricht. Doaa ist eine Protagonistin, wie man sie besser nicht hätte casten können.

Als der Druck in Ägypten wächst, als zu der allgemeinen Hoffnungslosigkeit Diskriminierung im Alltag und gezielte sexuelle Belästigungen treten, beginnt Bassem, die gefährliche Überfahrt über das Meer zu erwägen. Immer wieder erhält der junge Mann Nachrichten von syrischen Freunden aus Schweden oder den Niederlanden, die davon schwärmen, dass sich in Europa ein neues Leben aufbauen lasse. Die Facebook-Anzeigen der Schlepper nehmen sich wie Werbung von Touristikunternehmen aus. Schließlich willigt Doaa ein. Es ist, wie sie heute sagt, die Wahl zwischen einem schleichenden Tod in Ägypten und einem schnellen auf dem Meer mit einem Fitzelchen Hoffnung auf Zukunft: Wie hätte das Paar angesichts der Lebensbedingungen in Ägypten jemals eine Familie gründen sollen? „Ich wollte nicht gehen“, sagt Doaa. „Ich ging seinetwegen.“ Sie zögert. Als sie weiterspricht, ist ihre helle, sonst so feste Stimme leiser. „Aber leider bin ich jetzt hier. Und er ist es nicht.“

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