https://www.faz.net/-gum-8vk0s

Flucht aus Syrien : Ich wollte nicht gehen

Im Schoß einer liebevollen Großfamilie

Als Doaas Geschichte beginnt, ist sie sechs. 2001, der syrische Bürgerkrieg ist noch zehn Jahre entfernt: Weil das Mädchen sich weigert, schwimmen zu lernen, wirft ihr Cousin es beim Baden in den See, und die völlig verstörte Doaa beschließt, sich niemals wieder auch nur in die Nähe von Wasser zu begeben. Von der ersten Seite an ist damit klar, was für eine Überwindung es diese Frau gekostet haben muss, sich für eine Flucht über das Meer zu entscheiden. „Sie war nicht naiv“, sagt Fleming.

Heimat in Trümmern: Die syrischen Armee marschiert in die zerstörte Stadt Dara’a ein.

Zunächst jedoch ist Kindheit. Einfache Verhältnisse, sehr liebevoll, Doaa wächst im Schoß der Großfamilie auf. „Ich war meine gesamte Kindheit glücklich“, sagt Doaa. Der Vater betreibt einen Friseurladen, die Mutter kümmert sich um die sechs Schwestern und das Nesthäkchen, den lang ersehnten Sohn. Nicht erst seit der Sache mit dem See ist klar, dass Doaa, die vierte Tochter, eine gehörige Portion Eigensinn besitzt. Sie lasse sich von niemandem sagen, was sie tun soll, sagt ihre Mutter schon damals nicht ohne Stolz. Während die älteren Schwestern heiraten, denkt Doaa über Berufswünsche nach. Noch in Ägypten, als Bassem ihr den Hof macht und die Familie längst für sich eingenommen hat, weist sie sein Werben zurück. „Ich freute mich für andere Mädchen, wenn sie heirateten, aber ich wusste von Anfang an, dass ich das nicht wollte. Das war nichts für mich“, sagt Doaa. So viel für alle, die eine Erinnerung brauchen, dass unter einem Kopftuch sehr wohl ein kluger Geist und eine starke Persönlichkeit stecken können.

Rollende Panzer auf der Straße

Falls Sie unterdessen in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs den Überblick verloren haben – hier sind die Anfänge: Doaa kommt aus Dara’a, einer Kleinstadt ganz im Süden des Landes. Hier wurden 2011 im Frühjahr 15 Jugendliche eingesperrt und gefoltert, weil sie regimekritische Parolen auf die Wände ihrer Schule gesprüht haben sollten. Doaa ist Augenzeugin der ersten Demonstrationen, die zunächst nur die Freilassung der Jugendlichen fordern. Und sie sieht die Gewalt, mit der Machthaber Baschar al Assad reagiert. Die Fünfzehnjährige schließt sich den Protesten an. Als ihr ein fliehender Aktivist ein Megafon zusteckt, versteckt sie es unter dem Ganzkörperschleier, den sie dem Vater zuliebe in diesen Tagen trägt. Schließlich wird sie selbst fast von der Polizei geschnappt. Erst als sich die Lage weiter zuspitzt, bleibt sie auf Wunsch der Eltern im Haus.

Dann rollen Panzer durch die Straßen, Demonstranten gelten inzwischen als Terroristen. Eine Stadt im Ausnahmezustand: Tagelang können die Al Zamels nicht mehr vor die Tür, um Brot zu kaufen. Stattdessen durchsuchen Soldaten regelmäßig das Haus. Einmal versteckt die Familie trotzdem einen Kämpfer der frisch gegründeten Rebellentruppen. Der Alltag entwickelt sich zu einer riskanten Angelegenheit. Bei einem Raketenangriff wird der Friseurladen des Vaters zerstört. Frauen müssen fürchten, von der Straße weggeschleppt und misshandelt zu werden. Einmal kann Doaa nur um Haaresbreite einer Gruppe aggressiver Soldaten entwischen. „Die Gefahr kam von allen Seiten“, sagt Doaa. Selten wird die Vorgeschichte einer Flucht so plausibel und konkret.

Weitere Themen

Posen mit dem Traktor Video-Seite öffnen

„Bayern Girls Edition“ : Posen mit dem Traktor

Mit High Heels auf dem Trecker - das ist nicht gerade der erste Gedanke, wenn man an Feldarbeit denkt. Beim Fotoshooting für die „Bayern Girls Edition“ des Jungbauern-Kalenders 2020 zählt aber natürlich mehr die Pose, als die landwirtschaftliche Produktivität.

Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.