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Synagoge in Ulm : Skulptur der Entschiedenheit

Fenster aus Davidsternen: die neue Synagoge in Ulm, rechts der Turm des Münsters Bild: dpa

Im Zentrum von Ulm ist die neue Synagoge an einem historischem Ort eröffnet worden. In der Eröffnungsrede kritisierte Bundespräsident Gauck auch die Diskussion um Beschneidungen.

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          Der Tora-Schrein ist aus dunkel gebeizter Buche, die Wände sind mit hellem Holz verkleidet. Dominiert wird der Gebetsraum der neuen kubischen Ulmer Synagoge von einem übers Eck nach Jerusalem ausgerichteten Fenster. Strukturiert ist das Fenster durch Davidsterne. Tags fällt das Licht in den Gebetsraum der orthodoxen Chabad-Lubawitsch-Gemeinde. Am Abend werfen die Davidsterne einen Schatten auf das Ulmer Pflaster. Mit der neuen Synagoge bekam die Stadt, so der Architekturhistoriker Ulrich Knufinke, am historischen Ort eine „Skulptur der Entschiedenheit“. Sie steht im Ulmer Weinhof, also dort, wo die 854 erstmals urkundlich erwähnte Kaiserpfalz vermutet wird.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Entwurf stammt von der Kölner Architektin Susanne Gross (Büro Kister- Scheithauder-Gross). Zum Neubau gehören die Synagoge mit Frauenempore, ein Ritualbad (Mikwe), ein Gemeindesaal, eine Bibliothek, ein Jugendraum und ein Kindergarten mit abgeschlossenem Terrassenspielplatz. Den Gebetsraum haben Handwerker aus Israel gebaut; von den zwei Tora-Rollen stammt eine aus Israel, die andere aus der alten Synagoge. „Wir haben hier nicht eine Synagoge gebaut, weil hier in der Nähe eine alte stand, sondern weil wir eine brauchen. Wir brauchen sie für die Zukunft und nicht für die Vergangenheit“, sagt Rabbiner Shneur Trebnik. Nach dem Holocaust gab es in Ulm kein jüdisches Leben mehr. Ein Gemeindeleben kam erst wieder nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus, als Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa einwanderten. „In den ersten Jahren fand der Gottesdienst bei mir zu Hause statt, im Sommer 2000 mieteten wir dann Räume, die wurden bald zu klein“, sagt der Rabbiner. Heute zählt die Ulmer Gemeinde 450 Mitglieder, ihr Einzugsgebiet erstreckt sich vom Bodensee bis nach Heidenheim. Der Ulmer Synagogenbau ist einer von dreien in Württemberg. In Stuttgart baute man 1952 ein Gemeindezentrum, in Esslingen Anfang 2012.

          Die alte Ulmer Synagoge, 1868 gebaut, am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört, stand etwa zehn Meter von dem neuen kubischen Bau entfernt. Auf diesem Gelände lässt die Sparkasse gerade ein neues Bürohaus errichten. „1499 sind die Juden aus Ulm vertrieben worden, es gab deshalb in der Umgebung viele Landjudengemeinden, das änderte sich erst nach 1805, als Ulm für wenige Jahre bayerisch war und nun viele jüdische Bürger wieder in die Stadt zogen“, sagt der Historiker Ingo Bergmann, der über die Ulmer Holocaust-Opfer ein Buch geschrieben hat. Bergmann hat recherchiert, dass 141 Juden von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Die Wahlergebnisse der NSDAP in Ulm lagen etwas über dem Reichsdurchschnitt. Ulm war damals eine protestantische Stadt, und schon Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Antisemiten in Ulm eine eigene Partei und publizierten die „Ulmer Schnellpost“, ein antisemitische Zeitung. Ende des 19. Jahrhunderts lebten fast 1000 Juden in Ulm, um 1930 zählte die Stadtverwaltung 600 jüdische Bürger.

          Besonders während der Industrialisierung spielten einige jüdische Fabrikanten in der Stadt, in der auch Albert Einstein geboren wurde, eine wichtige Rolle. Der Textilfabrikant Lebrecht zum Beispiel. Unter den Gewerbetreibenden sticht das 1914 gegründete bekannte „Schuhhaus Pallas“ der Familie Fried hervor. „Unmittelbar nachdem die Synagoge 1938 gebrannt hatte, gab die nationalsozialistische Stadtspitze die Anweisung, das Gebäude abzureißen. Das wurde mit einem gewissen Fanatismus betrieben, was nicht in jeder Stadt der Fall war“, sagt Bergmann. Zur Eröffnung des Gotteshauses am Wochenende kehrten 20 betagte, einst vertriebene Ulmer Juden in die Stadt zurück.

          Die politische Diskussion über den Neubau der Synagoge verlief ohne nennenswerte Auseinandersetzungen. Das Vorhaben stieß bei allen vier im Gemeinderat vertretenen Fraktionen auf großes Verständnis. Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) unterstützte die jüdische Gemeinde und das Projekt nach Kräften. Dass die Synagoge aber im Weinhof, unweit des berühmten Ulmer Schwörhauses, gebaut wurde, ist auch ein Verdienst des SPD-Landtagsabgeordneten Martin Rivoir. Der erkannte schnell, dass die Synagoge in die Stadtmitte gehört und nicht in einen unwirtlichen Außenbezirk. Der Synagogenbau mit seinem Jerusalem-Fenster und einer Höhe von gut 17 Metern ergänzt auch die vielfach gelobte städtebauliche Erneuerung der Ulmer Mitte.

          Anlass für einen erbitterten Streit lieferte die Finanzierung des 4,6 Millionen Euro teuren Baus. Im Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg (IRGW) bekämpften sich die religiös liberal eingestellte Vorstandssprecherin Barbara Traub und Martin Widerker - er wird der orthodoxen Strömung zugerechnet. Kurz vor dem Spatenstich im März 2011 hatte Widerker den Bau ein „finanzielles Abenteuer“ genannt. Das Schiedsgericht des Zentralrats der Juden in Deutschland musste angerufen werden, es beanstandete die Finanzierung dann aber nicht. Das Land Baden-Württemberg beteiligte sich mit 475 000 Euro an den Baukosten.

          Bundespräsident Gauck nannte die Eröffnung bei einem Festakt in Ulm einen „Freudentag für die jüdische Gemeinschaft“ und für alle Menschen, die davon überzeugt seien, dass der Glaube dem menschlichen Leben eine Dimension eröffne, auf die nicht verzichtet werden könne. Gauck kritisierte die Diskussion über Beschneidungen. Die Sorge um das Kindeswohl habe sich gelegentlich „mit einem Vulgärrationalismus“ gemischt, in dem antisemitische und antimuslimische Einstellungen sichtbar geworden seien. Das sei schlimm. Der religiöse Glaube, sagte Gauck, müsse sich zwar der Kritik der Vernunft stellen, doch dürfe nicht vergessen werden, welche Verbrechen begangen wurden, weil dem Glauben seine Existenzberechtigung abgesprochen worden sei.

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