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Südkorea : Frauen im Gebärstreik

  • -Aktualisiert am

Ein „Babybonus” würde Familien fördern Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Traditionelle Großfamilien gibt es im modernen Seoul fast nicht mehr. Südkoreas Politik der Kleinfamilie hat zur niedrigsten Geburtenrate der Welt geführt. Schuld sind auch die enormen Bildungskosten.

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          Familie Hong ist eine südkoreanische Bilderbuchfamilie. In dem adretten Ziegelhaus nahe der Residenz des Staatspräsidenten leben drei Generationen unter einem Dach. Der 87 Jahre alte Großvater Hong Duk-woo und seine Frau, Sohn und Schwiegertochter, zwei Enkelsöhne und eine Enkeltochter.

          Im Wohnzimmer weisen gerahmte Urkunden auf die vorbildlichen Leistungen der Hausfrau, die ihre bettlägerige Großmutter jahrelang aufopfernd pflegte. Im Hause Hong wird die Tradition nicht nur an Chuseok hochgehalten, wenn koreanische Familien zum Erntedankfest nach Hause strömen.

          „Die Frauen wollen keine Kinder mehr“

          Der beste Platz am Tisch ist für den Großvater reserviert, der als Reisbauer das Fundament für das Haus seiner Nachkommen legte.

          Während seine Schwiegertochter ihm beflissen den Tee reicht und die Enkel respektvoll lauschen, erzählt er aus alten Zeiten, als die Familie noch am meisten galt, wenn sie viele Kinder, vor allem Söhne, hervorbrachte.

          Hong Duk-woo hatte acht Geschwister, bekam sieben Kinder, sein Sohn Hong Song-soo nur mehr drei. Doch jetzt, klagt der Greis, ist die Moral im Niedergang: „Die Frauen wollen keine Kinder mehr.“

          Kinderlose Gesellschaft

          Die Bilderbuch-Großfamilie Hong ist im modernen Seoul eine beinahe exotisch anmutende Minderheit. Jahrelang hatte die Regierung die Kleinfamilie als Zukunftsmodell gepriesen, jetzt ist die kinderlose Gesellschaft eines der größten Probleme.

          Auch andere Länder Asiens haben im Gefolge von Wirtschaftswachstum und rasantem sozialen Wandel mit sinkenden Geburtenraten zu kämpfen, aber nirgends ist sie so abgestürzt wie in Südkorea.

          Noch nie sind so wenig Kinder geboren worden wie im vergangenen Jahr, 1,16 Kinder bringt eine Frau, statistisch betrachtet, in ihrem Leben zur Welt, das ist weniger als in Japan, Taiwan und der Volksrepublik China. In Koreas größten Wirtschaftszentren, Seoul und Busan, liegt die Geburtenrate schon unter 1,0.

          Frauen ziehen den Job dem Kinderkriegen vor

          Vor vier Jahrzehnten, als Korea noch ein armer Agrarstaat war, hatten Familien in der Regel mindestens vier Kinder, damals war die größte Sorge der Regierung, daß Überbevölkerung den Aufschwung lähmen könnte. Die Kampagnen für die Zwei-Kind-Familie schossen über das Ziel hinaus.

          Noch 1983, als schon eine gesunde Balance erreicht war, wurden die Krankenkassen angewiesen, für Entbindungen des dritten und jedes weiteren Kindes nicht mehr zu zahlen. Heute ist vielen schon ein Kind mehr als genug.

          „Die Einstellung der Frauen hat sich völlig verändert. Früher war die Alternative: Heirat oder Studium? Heute wollen die Frauen ein Studium, einen guten Job und erst dann wird über ein Kind entschieden“, sagt Yoo Kyung-hee von der Frauenorganisation „Womenlink“.

          Mit 30 wird das erste Kind geboren

          Bis vor wenigen Jahren war es in der konfuzianisch und patriarchalisch geprägten Gesellschaft üblich, daß eine Frau mit Mitte Zwanzig ihr erstes Kind bekam - und die Arbeitsstelle kündigte. Doch inzwischen wird im Durchschnitt erst mit Ende Zwanzig geheiratet und mit 30 das erste Kind geboren.

          Hatten die Mütter noch weit hinter dem Mann zurückzustehen, so sehen sich ihre erstklassig ausgebildeten, selbstbewußten und die Freiheit genießenden Töchter erstmals vor die Wahl gestellt.

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