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Stuttgarter Fernsehturm : Gähnende Leere im Oberstübchen

Herausragend: Weite Ausblicke bietet der Stuttgarter Fernsehturm jetzt allerdings nicht mehr. Bild: Manfred Grohe

Weil Rettungswege fehlen, soll der Stuttgarter Fernsehturm geschlossen werden. Das hat selbst den SWR überrascht, dem der Turm gehört. Der Unmut in der Bevölkerung wächst. Nun sollen Brandschutzfachleute die Lage prüfen.

          Die Stuttgarter haben es mit ihrem Widerstandsgeist zu Weltruhm gebracht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es wenige Tage nach der von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) angeordneten Schließung des Fernsehturms für Besucher Buttons mit der Aufschrift „Offen bleiben“ zu kaufen gibt. „Oben bleiben“ ist ja bis heute der Schlachtruf der Bahnhofsgegner, auch wenn die Zeiten vorbei sind, zu denen man als Partygast bestimmte Szene-Kneipen nur mit entsprechendem Bekenntnis und Button betreten konnte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Der Bevölkerung wird ein einzigartiges Bauwerk entzogen, gleichzeitig können Menschen, die über die Schließung des Fernsehturms empört sind, zu Wutbürgern werden, wenn etwas passiert“, schrieb ein Leser der „Stuttgarter Nachrichten“. Genau in dieser Zwangslage steckte Kuhn kurz vor Ostern, als er eine Entscheidung fällen musste. Der Baubürgermeister Matthias Hahn und der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer hatten dem Oberbürgermeister die Schließung des Turms empfohlen, weil im Bauwerk Rettungswege fehlten. Die neue Lage ergab sich, weil in der Stadtverwaltung neue Mitarbeiter den Brandschutz neu bewertet hatten, nachdem das „Theater über den Wolken“ eine Spielgenehmigung für Aufführungen im Turmkorb gestellt hatte.

          Verwirrung über die Schließungsgründe

          Am Tag der überraschend verkündeten Schließung kam es dann zu Unstimmigkeiten zwischen dem SWR, dem Oberbürgermeister und dem Wirt des Fernsehturm-Restaurants. Die Beschäftigten des Restaurants erfuhren aus Funk und Fernsehen von der Schließung. Der SWR, dem der Fernsehturm gehört, zeigte sich verwundert über die von der Stadtverwaltung vorgebrachten Gründe zur Schließung. Dass die Beschäftigten im Fernsehturm von der Nachricht überrascht wurden, lag daran, dass Kuhn dem SWR seine Schließungsabsicht zunächst nur mündlich mitgeteilt hatte. Der SWR beharrte aber aus juristischen Gründen auf einer schriftlichen Mitteilung. Dass es Verwirrung über die Schließungsgründe gab, lag an der Gleichsetzung von technischem und baulichem Brandschutz. Beim technischen Brandschutz hatte der SWR in den vergangenen Jahren große Anstrengungen zur Verbesserung unternommen.

          Die höchsten Fernsehtürme Deutschlands

          Nachdem im August 2000 bei einem Brand auf dem Moskauer Fernsehturm acht Personen ums Leben gekommen waren, verbesserte man auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt die Sicherheitstechnik. Der SWR ließ die Sprinkleranlage modernisieren, neue Löschwasserpumpen einbauen, Wandhydranten ersetzen und leicht entflammbare Materialien austauschen. Allein im Jahr 2011 investierte der Sender noch einmal eine Million Euro. Was sich nicht änderte, war der bauliche Brandschutz, zusätzliche Fluchtwege wurden nicht gebaut, die Aufzüge und die vorhandene Treppe sollten angeblich ausreichend sein. Über Probleme beim Brandschutz und fehlende Rettungswege war schon im Jahr 1968 diskutiert worden: Am 8. Juli 1968 war im Turmkorb des 217 Meter hohen Turms ein Feuer ausgebrochen, die Löschwasserpumpen versagten. Nur weil der Schwelbrand im Restaurant mangels Sauerstoff erstickte, kam es nicht zur Katastrophe.

          „Du warst immer für mich da“

          Kuhn und der Intendant des SWR, Peter Boudgoust, vereinbarten in dieser Woche, das Ingenieurbüro „Halfkann-Kirchner“ prüfen zu lassen, wie die Fluchtmöglichkeiten verbessert werden können. „Was muss mindestens getan werden, um im Falle eines Brandes für die Besucher im und auf dem Turm eine sichere Rettung zu gewährleisten?“, fragte Kuhn. Es muss die Frage beantwortet werden, ob die vorhandene Treppe zu einer sicheren Fluchttreppe ausgebaut werden kann.

          Billig wird das gewiss nicht. Und wenn das Gutachten vorliegt, dürfte es zwischen der Stadt und dem SWR Streit über die Kosten des Umbaus geben. Boudgoust machte deutlich, dass die „Nutzung der Aussichtsplattform“ keinerlei Bedeutung für den Rundfunkauftrag des Senders habe. „Investitionen des SWR sind daher nur in dem Maße vertretbar, wie sie refinanzierbar erscheinen“, sagte der Intendant.

          Auf Facebook schrieb ein Stuttgarter über das Wahrzeichen der Stadt: „Du warst immer für mich da. Jedes Mal, wenn ich verpeilt durch die Gegend gejoggt bin, hast du mir den Weg gewiesen.“ Ob der Korb irgendwann wieder geöffnet werden kann, hängt von den Kosten ab. Das Wahrzeichen, der Orientierungspunkt auf dem „Hohen Bopser“, entworfen von Fritz Leonhardt, wird bleiben. Von Abriss redet niemand.

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