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Häusliche Gewalt : Wenn Frauen ihre Männer verprügeln

Wenn Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, geben sie das ungern zu. Und wenn sie es zugeben, finden sie nur schwer Hilfe. Ein einzigartiges Projekt in Stuttgart will das ändern.

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          Das Wort Opfer findet sich nicht auf der Postkarte der Stuttgarter „Männerinterventionsstelle“. Stattdessen ist von „Gewaltschutz für Männer“ die Rede. Denn Männer geben ungern zu, Opfer von häuslicher Gewalt geworden zu sein.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Männer müssen erst einmal diesen Schambereich verlassen. Die sagen am Arbeitsplatz dann eher, das war doch die Katze“, sagt Ursula Matschke von der Abteilung für Chancengleichheit der baden-württembergischen Landeshauptstadt. „Das Klischee, dass der Mann immer der Täter und die Frau immer das Opfer ist, stimmt so nicht“, sagt Jasmin Alzinger, die das neue Beratungsangebot wissenschaftlich begleitet. Das in Deutschland einzigartige Projekt bietet männlichen Opfern häuslicher Gewalt eine psychosoziale Beratung an, wie es sie für verprügelte Frauen vielerorts schon seit langem gibt.

          Etwa 400 Mal im Jahr muss die Polizei in Stuttgart wegen häuslicher Gewalt ausrücken. In etwa sieben bis zehn Prozent der Fälle, schätzen die Sozialarbeiter, geht die Gewalt in der Familie oder in der Beziehung von Frauen aus. Die Dunkelziffer ist hoch, eben weil die meisten männlichen Opfer über ihre prügelnden Frauen lange schweigen, die Gesellschaft und auch die Polizei hierfür wenig sensibilisiert sind.

          435 Frauenhäuser und drei Männerhäuser

          Seit den zwanziger Jahren existieren Hilfsangebote für misshandelte Frauen. Heute gibt es in Deutschland 435 Frauenhäuser, aber nur drei ehrenamtlich betriebene „Männerhäuser“. Das Stuttgarter Projekt will nicht die gegen Frauen gerichtete Gewalt verharmlosen – sondern auch den Männern helfen, mit einem gleichwertigen Angebot.

          Zur Zeit beraten die Sozialarbeiter 14 Männer. „Wenn sie bei uns anrufen, sind sie verzweifelt, weil sie erst spät auf die Idee kommen, sich zu melden“, sagt Projektleiter Jürgen Waldmann. Frauen griffen zur Kompensation ihrer physischen Benachteiligung häufiger zum Messer, oft eskalierten die Konflikte in der Küche. Die Klienten stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Wahrscheinlich werde man mit 100 Männern pro Jahr rechnen müssen.

          „Frauen werden aufgefangen, von Frauenhäusern oder Freundinnen“, sagt Ursula Matschke. „Die Männer stehen vor dem Nichts. Sie haben keine Wohnung, keine Beratung. Das wollen wir überwinden.“

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