https://www.faz.net/-gum-7qfoz

Studie : Super Abi, aber nichts dahinter

Bei Abifeiern sind die Noten egal: Viele Schüler wissen zur Party sowieso noch nicht, ob sie überhaupt bestanden haben. Bild: Patrick Slesiona

Sie haben bessere Noten - wissen aber weniger: Deutsche Abiturienten machen zwar häufiger ihren Abschluss mit 1,0. Aber einer noch unveröffentlichten Studie zufolge bekommen heute auch diejenigen einen Studienplatz, die dafür 2003 noch zu schlecht gewesen wären.

          1 Min.

          Deutsche Abiturienten haben immer bessere Noten, obwohl sie immer weniger gebildet sind. So ist der Anteil derer, die einen Abiturschnitt von 1,0 haben, allein zwischen 2006 und 2012 um vierzig Prozent gestiegen. Die Durchschnittsnote der Abiturienten hat sich in dieser Zeit ebenfalls in allen Bundesländern mit Ausnahme von Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt verbessert.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass die Schüler trotzdem weniger gebildet sind als früher, weist das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in einer noch unveröffentlichten Untersuchung nach. Dazu wird folgende Berechnung angestellt: Wenn man alle Schüler eines Jahrgangs, geordnet nach den von ihnen erreichten Pisa-Punkten in der Klasse neun, in eine lange Reihe stellt und dann die offenen Studienplätze, vorne in der Reihe beginnend, an diese Schüler vergibt, dann würden heute auch Schüler einen Studienplatz bekommen, die in der Reihe weiter hinten stünden als noch 2003.

          Erstsemester in Mathematik erzielen nach diesem Modell im Schnitt 17 Pisa-Punkte weniger als noch vor sechs Jahren. Das entspricht dem Lernfortschritt eines halben Schuljahrs. Die Lesekompetenz aller Erstsemester ist sogar um 27 Punkte gesunken.

          Schnitt besser wegen „besonderer Lernleistung“

          Der Bildungsforscher Axel Plünnecke sagt, diese Entwicklung liege nicht an einer geringeren Leistungsfähigkeit der Abiturienten, sondern an der nie zuvor dagewesenen Durchlässigkeit der Gesellschaft. Es kämen ganz neue Gruppen von Schülern an die Hochschulen, die zum Beispiel vorher an beruflichen Schulen waren.

          Die Quote derer, die Abitur machen, hat sich in der Tat deutlich erhöht. Während vor zwanzig Jahren noch 27 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulreife erworben haben, sind es heute 40 Prozent. Den größten Sprung bei den Abitur-Durchschnittsnoten machte Berlin. Das Land kam 2012 auf die Note 2,4, nach 2,68 im Jahr 2006. Es folgen Brandenburg (2,48 auf 2,33) und Nordrhein-Westfalen (2,66 auf 2,51). Der bessere Notenschnitt liegt zum Teil am Zentralabitur in den Ländern; die Aufgaben sind einfacher als früher. Außerdem wurden die Ansprüche bei der Bewertung gesenkt.

          In vielen Ländern wurde ein fünftes Abiturprüfungsfach eingeführt, in dem eine „besondere Lernleistung“ geprüft wird. In diesem Fach erzielen die Schüler regelmäßig ihre besten Noten. „Im Schnitt sind dadurch alle Schüler in Deutschland um ein Zehntel besser geworden“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien, Ralf Treptow. Zudem wird dieselbe Leistung heute oft höher bewertet als früher.

          Weitere Themen

          Weitere Unruhen in Santiago de Chile Video-Seite öffnen

          Neue Verfassung gefordert : Weitere Unruhen in Santiago de Chile

          In der chilenischen Hauptstadt Santiago sind auch am Freitag erneut Demonstranten auf die Straße gegangen. Die Proteste hatten vor über einem Jahr begonnen. Die Demonstranten fordern eine Reform des Renten-, Gesundheits- und Bildungssystems.

          Topmeldungen

          Baukräne stehen an einer Baustelle in Berlin.

          Wohngemeinnützigkeit : Ein Bärendienst für den Wohnungsmarkt

          Immer lauter wird die Forderung, die Wohngemeinnützigkeit wiederzubeleben. Dass dies eine schlechte Idee ist, zeigt schon das abschreckende Beispiel der Neuen Heimat.

          Fehler beim FC Bayern : Hansi Flick hat genug

          Der FC Bayern leistet sich in der Champions League teilweise haarsträubende Unaufmerksamkeiten. Trainer Hansi Flick stellt deshalb nun eine Forderung auf – und für Leroy Sané gibt es klare Aufträge.
          Frau mit Kopftuch vor der Humboldt-Universität in Berlin

          Redeverbote an Hochschulen : Flucht vor Argumenten

          Eine Forschungsstelle der Uni Köln fordert, die Redefreiheit zu begrenzen, um Grundrechte zu verteidigen. Das würde einer Abschaffung der akademischen Freiheit gleichkommen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.