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Studie : Jede dritte Frau war Opfer von Gewalt

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Familienministerin Schmidt will zentralen Notruf einrichten Bild: AP

Eine Studie zeigt: Jede dritte Frau in Deutschland wurde schon von ihrem Partner mißhandelt. Entgegen weit verbreiteter Vorstellungen sind soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus nur selten der Auslöser.

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          Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Frauen in Deutschland ist seit dem 16. Lebensjahr mindestens einmal Opfer körperlicher Gewalt geworden, jede siebte Frau (13 Prozent) hat seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle Gewalt erlitten. Diese Daten ergeben sich aus der ersten repräsentativen Erhebung, die das Bundesfamilienministerium zum Ausmaß der Gewalt gegen Frauen in Deutschland in Auftrag gegeben hat.

          Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) sagte, die Studie bestätige bisherige Schätzungen. Das gelte auch für die Annahme, daß es sich bei den Tätern in der deutlichen Mehrheit der Fälle um frühere oder aktuelle Partner der Frauen handele; nach den ermittelten Befunden gibt ein Viertel der Frauen als Täter ihre Beziehungspartner an.

          Trennungswünsche als Auslöser

          Zur Schwere der Mißhandlung macht die Studie in einer ersten Auswertung nur allgemeine Angaben. Bei den Gewaltopfern sei ein Drittel der Fälle als "leicht" einzuordnen; das seien jene Fälle, in denen die ausgeübte Gewalt keine Verletzungen hinterlassen, in denen nicht mit Waffen gedroht oder die Opfer keine Angst vor schweren Folgen gehabt hätten. Bei den Fällen sexueller Gewalt seien hingegen ohnehin nur solche Fälle registriert worden, die den Kriterien der Straftatbestände sexueller Nötigung oder Vergewaltigung genügten.

          Fast die Hälfte der befragten Türkinnen erzählte von Mißhandlungen

          Die Studie stellt fest, daß entgegen verbreiteter Annahmen soziale Belastungen wie Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus kaum als Hauptfaktor für die Ausübung von Gewalt gegen Frauen gelten können. Eine zentrale Rolle spielten vielmehr Trennungswünsche von Frauen in Partnerschaften. Überdies würden Frauen, die als Kinder Opfer von Gewalt in der Erziehung oder von sexuellem Mißbrauch geworden seien, doppelt so häufig auch als Erwachsene Opfer von Gewalt. Weiter ergab die Untersuchung, für die insgesamt 10.000 Frauen befragt worden waren, daß Frauen ausländischer Herkunft häufiger Opfer von Gewalt werden als der Durchschnitt der Befragten.

          Kampf gegen Gewalt in jeder Form

          Auch über männliche Opfer von Gewalt stellte die Bundesfamilienministerin am Mittwoch Erkenntnisse vor, die allerdings in einer nicht repräsentativen Studie gewonnen wurden. Danach haben junge Männer im Alter um die 20 Jahre sogar ein höheres Risiko, Opfer von Gewaltanwendung zu werden als gleichaltrige Frauen, wobei männlichen Opfern überwiegend von männlichen Tätern Gewalt zugefügt wird. Jeder vierte von rund 200 Männern gab an, seine Partnerin habe ihm schon mindestens einmal Gewalt angetan. In einigen Fällen hätten Männer auch berichtet, dabei Verletzungen davongetragen zu haben.

          Bundesfamilienministerin Schmidt gab an, die Bundesregierung habe "Gewalt in jeder Form den Kampf angesagt". Sie wies hin auf eine dritte Untersuchung, die der Regierung bescheinigt, in den vergangenen Jahren bei der Bekämpfung des Phänomens häuslicher Gewalt und bei der Hilfe für die Opfer Fortschritte erreicht zu haben. In dieser dritten Studie werden unter anderem gesetzliche Regelungen wie die des Platzverweises gelobt, die es bei häuslichen Streitigkeiten der Polizei gestattet, den gewalttätigen Partner eines Paares aus der gemeinsamen Wohnung zu weisen.

          Sponsoren für Notruf gesucht

          Schmidt erinnerte zudem an die neugeschaffene gesetzliche Möglichkeit für ausländische Frauen, ein eigenes Aufenthaltsrecht zu bekommen, wenn sie sich aus einer für sie unzumutbaren Ehe befreien. Sie hob überdies die Rolle von Ärzten bei der Erkennung von körperlichen Mißhandlungen und bei der sich daraus ergebenden Beratung für Gewaltopfer hervor; für diese Zielgruppe sei inzwischen ein Ratgeber-Handbuch entwickelt worden.

          Die Ministerin gab an, sie plane überdies die Einrichtung einer bundesweiten zentralen Notrufnummer für die Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt, die dort Auskunft über Hilfen und Beratungsmöglichkeiten erhalten sollen. Die Kosten eines solchen Notrufs würden auf zwei bis drei Millionen Euro je Jahr geschätzt. Schmidt sagte, ihr Haus sei auf der Suche nach Sponsoren, die sich an den Kosten beteiligen wollten.

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