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Studie : Gewalt im Kinderzimmer

Bild: F.A.Z.

Eigenes Fernsehgerät? Spielkonsole im Zimmer? Für immer mehr Jugendliche eine Selbstverständlichkeit. Eine neue Untersuchung zeigt, daß sich ein unkontrollierter und übermäßiger Medienkonsum nicht nur in der Pisa-Studie spiegelt.

          Viertkläßler mit einem eigenen Fernsehgerät, einer Spielkonsole oder einem Computer im Zimmer haben schlechtere Schulnoten in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde als ihre gleichaltrigen Kameraden, die ihre Freizeit nicht unbeaufsichtigt vor einem dieser Geräte verbringen können. Das ergab eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) in Hannover unter der Leitung seines Vorstands Christian Pfeiffer.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Besonders negativ wirken sich dabei Computerspiele aus. „Je brutaler die Inhalte und je häufiger die Inhalte gespielt werden, desto schlechter sind die Schulleistungen“, sagt Pfeiffer. „Das nur flüchtig gespeicherte Schulwissen wird durch die Bilder der Spiele verdrängt.“ Besonders fatal wirkten sich dabei Szenen aus Horror- und Actionfilmen kurz vor dem Einschlafen aus.

          Regionale Unterschiede

          Pfeiffer und seine Kollegen haben etwa 6.000 Viert- sowie 17.000 Neuntkläßler in elf deutschen Städten und Regionen (Schwerpunkt waren Städte und Landkreise in Niedersachsen sowie das Bundesland Thüringen, darüber hinaus München, Stuttgart, Schwäbisch Gmünd, Kassel und Dortmund) zu ihrer Mediennutzung, ihrer Familie, ihrem schulischen Umfeld und ihrem Freizeitverhalten befragt.

          Den Knopf finden sie spielend

          Heraus kam unter anderem, daß schon 36 Prozent aller befragten Kinder in Deutschland zusätzlich zum Fernsehgerät ihrer Eltern im Wohnzimmer einen eigenen Apparat in ihrem Zimmer haben. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede: Im Osten, aber auch in Dortmund liegt die Zahl noch um einiges höher. In der Stadt im Ruhrgebiet besitzt fast die Hälfte der zehnjährigen Mädchen ein eigenes Fernsehgerät, knapp 44 Prozent haben zudem einen eigenen Computer, 27 Prozent eine Spielkonsole.

          Noch ausgeprägter sind die Zahlen bei den männlichen Viertkläßlern: 63,5 Prozent nennen ein Fernsehgerät ihr eigen, 56 Prozent können ungefragt eine Spielkonsole, 52 Prozent einen Computer benutzen. In München hingegen haben nur knapp 28 Prozent der Jungen und 17,6 Prozent der Mädchen ein Fernsehgerät, 26,5 Prozent der Jungen (11,4 Prozent der Mädchen) haben eine Spielkonsole, 38 Prozent (29,6 Prozent) einen Computer. „Das soziale Kapital in München ist ausgeprägter“, sagt Pfeiffer.

          Ein „deutscher Befund“

          Dortmund sei eine vergleichsweise arme Stadt, und je ärmer eine Region sei, desto weniger Beschäftigungsmöglichkeiten hätten die Viertkläßler am Nachmittag. „In München herrscht eine andere Kultur: Die Kinder haben nachmittags Musikunterricht, sie gehen zum Sport, besuchen Vereine.“ In Dortmund hingegen, das belegt die KFN-Studie, verbringen männliche Viertkläßler inzwischen pro Jahr sogar mehr Zeit vor ihrem eigenen Fernsehgerät und ihrer Playstation als im Schulunterricht - 1430 Stunden zu 1140 Stunden.

          Eine weitere Erkenntnis der Befragung: Wer als Zehnjähriger schon über einen eigenen Fernsehapparat verfügt, schaut dreimal häufiger Filme, die wegen ihres brutalen Inhalts eigentlich erst von 16 oder 18 Jahren an freigegeben sind.

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